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Schulden : Die schwäbische Hausfrau

Dass sie mal zum Vorbild der halben deutschen Politik wird, das hätte sich die durchschnittliche schwäbische Hausfrau nicht träumen lassen. Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben. Das weiß jetzt auch die Kanzlerin.

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          Dass sie mal zum Vorbild der halben deutschen Politik wird, das hätte sich die durchschnittliche schwäbische Hausfrau auch nicht träumen lassen. Doch ihr Aufstieg scheint nicht mehr aufzuhalten, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 in Stuttgart an ihre Weisheit appellierte. „Man hätte einfach nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen“, sagte Merkel damals. „Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.“ Und jetzt, wo Staatsschulden ganz Europa in die Krise geführt haben, jetzt hört jeder auf sie. Finanzminister Schäuble kokettiert damit, dass auch seine Mutter eine schwäbische Hausfrau war. Selbst der Generalsekretär der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD kennt und schätzt jetzt schwäbische Weisheiten - obwohl er aus Mexiko stammt.

          Das Problem daran ist: Bisher machen sich nur wenige Politiker bewusst, wie das Leben schwäbischer Hausfrauen tatsächlich aussieht. Luxuriös ist das nämlich nur selten. Das gilt umso mehr, wenn ihr Lebensstil in Mode kommt. Denn wenn alle sparen, dann kauft keiner mehr ein. Und dann wird das Leben karg.

          Angenommen, der Staat streicht jetzt tatsächlich Ausgaben. Vielleicht kauft er bald keine neuen Dienstwagen mehr für seine Spitzenbeamten. Das ärgert dann nicht nur die Beamten, die in älteren Autos herumfahren müssen - sondern auch die Autobauer, die weniger Autos verkaufen und vielleicht Leute entlassen. Oder der Staat lässt die Kindergärten unrenoviert: Dann haben die Handwerker weniger Aufträge und stellen weniger Lehrlinge ein. So fallen einige Stellen weg. Menschen haben keine Arbeit, also sparen auch sie. Jetzt sind die Läden in der Innenstadt dran, denen plötzlich die Kunden fehlen.

          Im Moment ist davon noch wenig zu spüren. Die Unternehmen im Deutschen Aktienindex haben zwischen Januar und März sogar schon wieder so viel Geld verdient wie in den drei Monaten vor der Pleite von Lehman Brothers. Das allerdings liegt nicht nur daran, dass China den deutschen Mittelständlern wieder so viele Maschinen abkauft. Tatsächlich wird der Aufschwung im Moment auch noch von den Konjunkturpaketen der Staaten getragen, deren Geld noch längst nicht vollständig ausgegeben ist. Nach wie vor stützt die Bundesregierung den Arbeitsmarkt: 800 000 Menschen sind immer noch in Kurzarbeit.

          Ohne Sparen ist das Leben auch nicht besser

          Wenn das alles wegfällt, wird die Wirtschaft schnell wieder anfällig. Und wenn die Bundesregierung dann auch noch dauerhaft Geld spart, dann könnte Deutschlands Wohlstand noch mal ordentlich leiden.

          Recht hat die schwäbische Hausfrau trotzdem. Ohne Sparen ist das Leben nämlich auch nicht besser. Staaten, die ihren Haushalt auf Dauer nicht in den Griff bekommen, müssen irgendwann enorme Zinsen zahlen - im Extremfall so wie zuletzt Griechenland. Auch dann ist das Wachstum weg.

          Doch das Sparen wird hart. Wer sich die schwäbische Hausfrau als Vorbild nimmt, muss auch wissen, wie sie erzogen wurde. Das zeigt ein Sprichwort, das früher unter den Nachbarn der Schwaben die Runde machte. Darin hieß es, die Schwaben würden ihre Bräute mit der Käserinde testen: Wenn das Mädchen den Käse samt Rinde aß, war sie als Braut zu unfein. Wenn sie die Rinde abschnitt, galt sie als zu verschwenderisch. Zur richtigen schwäbischen Hausfrau war nur das Mädchen geeignet, das die Rinde ganz vorsichtig vom Käse abschabte.

          Dem Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist das schon aufgefallen. Er warnt jetzt davor, den Staat wie eine schwäbische Hausfrau zu betrachten, weil er Angst um seine Nacht- und Schichtzulagen hat. Hoffentlich verliert die schwäbische Hausfrau nicht noch mehr Freunde.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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