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Schuhwerk für die Armen : Adidas bastelt den Ein-Euro-Turnschuh

  • -Aktualisiert am

Von Globalisierungskritikern aufmerksam beäugt: Adidas Bild: ddp

Adidas steht unter permanentem Rechtfertigungsdruck: Wie sozial sind die Produktionsverhältnisse in Asien? Nun will der Sportkonzern Gutes tun. Adidas soll in einem Pilotprojekt Schuhe in Bangladesch bereitstellen. Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hilft dabei.

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          Wer die Welt retten will, braucht dafür einen Plan, im Fall von Muhammad Yunus einen exakten Reiseplan: Acht Tage stürmte der Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch nun durch Deutschland. Da ein Dinner im Schloss, dort eine hochkarätig besetzte Tagung. Zwischendurch hat er eine Tochterfirma in Deutschland gegründet und immer wieder Spitzenpersonal aus Politik wie Konzernen getroffen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Keine Frage, der Mann hat Charisma. Alle hören ihm zu, wenn er davon berichtet, wie er bis zum Jahr 2030 die Armut in der Welt abschaffen will. Und da gute Taten gut und schön sind, das Geschäft mit der Wohltätigkeit aber ein zähes ist, hilft es nichts, als auch mal kesse Sprüche loszulassen. So treibt der Prediger der Mikrokredite die Großen der Wirtschaft vor sich her.

          Absichtserklärung unterschrieben

          "Niemand muss mehr barfuß laufen", hat also Yunus vorige Woche in Berlin verkündet. Zu verdanken sei dies keinem Wunder, fügte er hinzu, sondern einer Schuhfabrik aus Franken: Adidas bringe im kommenden Jahr "Turnschuhe für weniger als einen Euro heraus".

          „Niemand muss mehr barfuß laufen”

          Für gewöhnlich kosten schon die Schnürsenkel mehr, insofern ist die Ansage durchaus mutig. Adidas jedoch war nur mittelmäßig begeistert, wie der Wohltäter Yunus eine radikal neue Preispolitik herausposaunte.

          Gelogen hat der Nobelpreisträger nicht, höchstens leicht übertrieben, was den Stand der Kooperation mit Adidas betrifft. Wahr ist: Herbert Hainer, der warmherzige Metzgersohn aus Dingolfing, der den Sportartikler seit Jahren mit großem Erfolg führt, hat sich mit Yunus voriges Jahr in Herzogenaurach getroffen.

          Adidas sei fasziniert von der Idee des sozialen Unternehmers, wie sie der Nobelpreisträger propagiere, sagte ein Konzernsprecher. Ein Adidas-Trupp sei deswegen nach Bangladesch geflogen, um gemeinsame Projekte auszuloten. Herausgekommen ist die naheliegende Idee mit den billigen Sportschuhen.

          Voriges Wochenende wurde nun eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben, auf einem Kongress in der Wolfsburger Autostadt mit Konzernen aus 18 Nationen.

          Vorbild für die Kooperation mit Danone

          BASF hat Yunus zugesagt, mit ihm eine Million Portionen Vitaminpulver und 100 000 Moskitonetze in Bangladesch zu vertreiben, also praktisch zu verschenken. Volkswagen überlegt noch, was es bieten könnte (sicher keinen Golf für einen Euro). Und Europas größter Versandhändler Otto gründet zusammen mit Yunus eine Textilfabrik in Bangladesch. Die Firma sei zwar klein, erklärte Yunus: "Aber es ist ein Anfang, ein Symbol, das die Welt verändern kann."

          Vorbild für diese Joint-Venture-Projekte ist die Kooperation mit Danone. Der französische Lebensmittelkonzern stellt seit zwei Jahren in einer kleinen Molkerei einen billigen, simpel verpackten und werbefreien Yoghurt her. Der Becher kostet nur wenige Cent, zwei Portionen in der Woche reichen, um unterernährte Kinder mit den nötigsten Nährstoffen zu versorgen.

          Adidas soll nun das Schuhwerk für die Armen in Bangladesch bereitstellen, auch als Schutz vor weit verbreiteten, die Gesundheit gefährdenden Wurminfektionen. Verabredet ist ein Pilotprojekt, das nächsten Sommer startet. Ob die Schuhe tatsächlich weniger als einen Euro kosten, darauf mag sich Adidas-Chef Hainer noch nicht festlegen. Versprochen ist ein "auch für die arme Bevölkerung erschwinglicher Preis".

          Zurück kann Adidas nicht mehr, dazu wird der Konzern von Globalisierungskritikern aller Schattierungen zu aufmerksam beäugt. Wie alle Markenartikler steht der Schuhfabrikant unter permanentem Rechtfertigungsdruck: Wie sozial sind die Produktionsverhältnisse? Und wie gerecht ist es, Schuhe in Amerika für hundert Dollar zu verkaufen, die Asiaten für einen Bruchteil davon zusammenschustern?

          Tatsächlich sind die Fabriken am Stammsitz in Franken längst geschlossen. Abgesehen von ein paar Einzelstücken wird bei Adidas nicht mehr produziert - die meisten Schuhe liefert ein chinesischer Konzern nahmens Yue Yuen, 1986 gegründet, rund 300 000 Mitarbeiter stark und mächtig stolz auf den Titel "größter Schuhproduzent der Welt". Von Adidas kommt die Idee, die Entwicklung, der Vertrieb, angefeuert vom Marketing mit den drei Streifen. Und dafür wäre der moralisch hochwertige Ein-Euro-Schuh sicher von Nutzen. Und wer weiß, vielleicht erobern die Franken damit auch noch einen neuen Markt, gewinnen eine neue Zielgruppe. Das wäre allen Beteiligten zweifellos am liebsten.

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