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Koalition der Autoren

Von RALPH BOLLMANN

16. Oktober 2021 · Olaf Scholz, Christian Lindner und Robert Habeck beginnen jetzt mit Koalitionsverhandlungen. Welche Punkte sind ihnen dabei besonders wichtig? Wir haben in ihren Büchern nachgeschaut.


Das Buch von Olaf Scholz

Bild: Hoffmann und Campe


PRODUKT
Olaf Scholz schrieb „Hoffnungsland“, als er noch Hamburger Bürgermeister war, aber schon auf dem Sprung in die Bundespolitik. Im Frühjahr 2017 kam der Band heraus, ein Jahr später brachte sich Scholz bei der Neuauflage der großen Koalition als Finanzminister und Vizekanzler in die Ausgangsposition für seine Kanzlerkandidatur. Das Buch stand noch stark unter dem Eindruck der Flüchtlingsdebatte seit 2015, darauf bezieht sich auch der Titel: Für Menschen aus aller Welt war Deutschland ein „Hoffnungsland“.


RESPEKT
„Respekt“, das Leitmotiv des Scholz-Wahlkampfs von 2021, ist in dem Buch noch nicht der zentrale Begriff. Aber der Grundgedanke kommt schon vor. „Es ist wichtig, dass Mühe und Anstrengung sich auszahlen“, schreibt Scholz. „Wer alles richtig macht, muss klarkommen können.“ Den Sieg Donald Trumps bei der amerikanischen Präsidentenwahl Ende 2016 konnte Scholz gerade noch einarbeiten. Die gründliche Analyse der Fehler, die Hillary Clinton damals mit ihrer Kampagne machte, folgte erst später.


STEUERN
„Deutschland braucht ein faires Steuersystem“, schreibt Scholz. „Diejenigen, die über sehr hohe Einkommen verfügen, müssen stärker an der Finanzierung der genannten öffentlichen Aufgaben beteiligt werden.“ Riesige Änderungen seien nicht nötig, es genüge der Kampf gegen Steuerflucht: „Wenn wir nicht erfolgreich gegen solche manchmal illegalen, oft genug aber sogar legalen Tricks der Steuervermeidung vorgehen, werden wir unser Gemeinwesen finanziell nicht so ausstatten können, wie wir es brauchen.“


MIGRATION
Als das Buch entstand, war die Flüchtlingsdebatte noch frisch. Ein „Hoffnungsland“ sei die Bundesrepublik für viele Menschen auf der Welt geworden, schreibt Scholz – wie die Vereinigten Staaten einst für viele Deutsche. „Natürlich war es nicht gut, dass wir damals kurzfristig nicht mehr die volle Kontrolle hatten, wer zu uns kommt. Das darf sich nicht wiederholen“, schreibt er über das Jahr 2015. Aber auch: „Wir haben die entscheidenden Voraussetzungen, die Hinzugekommenen gut zu integrieren.“


EUROPA
Das Kapitel über „Die europäische Perspektive“ stellt Scholz programmatisch gleich an den Anfang des Buchs. „Aufgrund seiner Wirtschaftskraft betreffen die politischen Entscheidungen Deutschlands immer auch seine Nachbarn“, mahnt er. Die Antwort sei aber nicht überall „mehr Europa“, sondern nur auf bestimmten Feldern. Dazu zählt er etwa „die Bekämpfung von Steueroasen und Steuerdumping, eine bessere Verknüpfung der Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt und die gemeinsame Währung“.     


RENTE
Bei der Rente setzt Scholz in seinem Buch vor allem auf höhere Löhne, die am Ende des Arbeitslebens dann auch höhere Altersbezüge nach sich ziehen. „Ein Arbeitnehmer, der mehr als 45 Berufsjahre Vollzeit für einen Mindestlohn arbeitet, sollte im Rentenalter nicht auf öffentliche Abhilfe angewiesen sein.“ Auch insoweit gelte: „Wer alles richtig macht, muss klarkommen.“ Ein höherer Mindestlohn sei darüber hinaus auch „ein wichtiges Signal gegen die Verzweckung des Menschen“ und für einen „humanen Eigenwert“.


ERFOLG
Von den Büchern der drei Sondierer war „Hoffnungsland“ das mit dem geringsten Erfolg. Nur in einer einzigen Woche schaffte es der Titel unter die 50 meistverkauften Sachbücher. Große Emotionen weckte der Hamburger Politiker noch nie, womöglich liegt darin sogar eine Stärke. Gelohnt hat sich das Buch für ihn trotzdem: Der Eindruck, dass er eine Idee für Deutschland hat, setzte sich vielleicht sogar bei jenen durch, die noch nicht einmal diese vergleichsweise schmalen 223 Seiten gelesen haben.



Nächstes Kapitel:

Christian Lindner: Schattenjahre



Koalition der Autoren


Das Buch von Christian Lindner

Bild: Klett Cotta


PRODUKT
Christian Lindner veröffentlichte sein Buch im Herbst 2017, gleich nach dem Wiedereinzug seiner Partei in den Bundestag. Der Titel „Schattenjahre“ bezieht sich auf die Zeit außerhalb des Parlaments – und darauf, wie Lindner die Partei wieder aufrichtete. Die Erzählung beginnt folgerichtig mit dem Wahlabend 2013 („Die Katastrophe ist da!“) und endet mit dem Wahlabend 2017 („Zwischenziel erreicht“). Vom Scheitern der Jamaika-Gespräche wenig später ist darin folglich noch nicht die Rede.  


RESPEKT
Der FDP-Chef versucht, das Bild eines Liberalismus für alle zu zeichnen. Als Leitsatz formuliert er: „Die Freien Demokraten helfen mir, Chancen zu schaffen und zu nutzen, damit ich selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben kann in einem liberalen Rechtsstaat mit sozialer Marktwirtschaft.“ Zur Lobby-Organisation bestimmter Berufsgruppen dürfe die Partei nie wieder werden: „Wer Interessengruppen jeden Wunsch von den Lippen abliest, degradiert sich zum nützlichen Idioten.“  


STEUERN
„Ich werbe für einen 360-Grad-Liberalismus“, schreibt Lindner. „Nur Steuern senken zu wollen reicht nicht. Das wollte auch Donald Trump, ohne darüber ein Liberaler zu werden.“ Allerdings kritisiert Lindner, dass sein Vorgänger Guido Westerwelle 2009 erst einen Steuersenkungs- Wahlkampf führte, anschließend aber nicht die Ressorts beanspruchte, „die unsere Agenda abgebildet hätten“. Davon, dass Lindner 2021 den Verzicht auf Steuererhöhungen als „rote Linie“ definierte, steht im Buch naturgemäß noch nichts.  


MIGRATION
Recht ausführlich blickt Lindner auf die Flüchtlingspolitik von 2015 zurück. Er ist sich des Widerspruchs bewusst, dass er erst die „Refugees Welcome“-Kampagne unterstützte und dann die, wie er sagte, „Grenzöffnung“ durch die Kanzlerin kritisierte. Als falsch bewertet Lindner im Rückblick das Erste, nicht das Zweite: „Wenn wir im Spätsommer 2015 geahnt hätten, wie sehr die Bundesregierung die Kontrolle über die Lage verloren hatte, wären wir diese Flüchtlingspolitik noch früher und noch schärfer angegangen.“  


EUROPA
Als Lindner noch Generalsekretär war, zerriss es die FDP fast im Streit um die Eurorettung. Im Buch bezieht er dazu klar Stellung. „Ich hielt und halte die Unterstützung der Euro-Stabilisierungspolitik durch die FDP seit 2010 für richtig“, schreibt er. „Die Alternative, ungeordneter Staats- bankrott in Euroland, wäre für alle Beteiligten schlechter gewesen.“ Er weist auch den Vorwurf aus Paris von 2017 zurück, eine Regierungsbeteiligung der FDP sei schlecht für Frankreich und Europa.  


RENTE
„Enkelfit machen“ will Lindner die Rente. „Die Freien Demokraten wollen die Altersvorsorge den veränderten Biografien anpassen und mehr Selbstbestimmung ermöglichen“. schreibt er. Dazu zählt er „einen individuell flexiblen Übergang in die Rente statt eines fixen Eintrittsalters für alle, einen erleichterten Wechsel zwischen Anstellung und Selbstständigkeit“. Hinzutreten solle ein „individuelles Vorsorgekonto“ nach dänischem Vorbild, das einen Überblick über die individuelle Altersvorsorge verschafft.  


ERFOLG
Was den Verkauf betrifft, übertrumpfen die „Schattenjahre“ das Scholz-Buch bei Weitem. Das verwundert kaum. Schließlich präsentiert Lindner keine trockene Analyse über die Lage des Landes, sondern fast schon einen Krimi über den Auf- und Abstieg seiner eigenen Partei, die eine oder andere Indiskretion über innerparteiliche Konkurrenten inklusive. Bei der Lektüre der 338 Seiten hilft zudem, dass es – literarisch gesprochen – einen klaren Helden gibt, dem man durch die Geschichte folgen kann.    



Nächstes Kapitel:

Robert Habeck: Von hier an anders



Koalition der Autoren


Das Buch von Robert Habeck

Bild: dpa


PRODUKT
Robert Habeck konnte sich noch Hoffnungen machen, grüner Kanzlerkandidat zu werden, als er an seinem Buch schrieb. „Von hier an anders“ ist eine Gesellschaftsanalyse mit vielen Zitaten von Wissenschaftlern und Intellektuellen ganz unter- schiedlicher Fachrichtungen – und zugleich die Anleitung für einen Wahlkampf, der über das grüne Kernmilieu hinausgreift. Jetzt gilt Habeck als Anwärter aufs Amt des Vizekanzlers – weshalb hier sein Buch präsentiert wird und nicht dasjenige seiner Ko-Vorsitzenden Annalena Baerbock.  


RESPEKT
„It’s hard to listen while you preach“, das Zuhören fällt schwer, wenn man immer nur predigt: Diese Zeile aus einem Songtext der irischen Band U2 stellte Habeck seinem Buch als Motto voran. Die Grünen, soll das heißen, müssen mehr zuhören – auch denen, die sie nicht immer schon wählen. „Spätestens als ich selbst in der Lausitz vor den Kohlekumpeln stand, wurde mir klar, wie wichtig es ist, ihnen meinen Respekt zu zollen.“ Man dürfe den Leute nicht immer nur erzählen, was sie mit ihrer harten Arbeit an Schlimmem anrichten.  


STEUERN
In der Steuerpolitik setzt Habeck einen eigenen Akzent: Er fordert die Wiederbelebung der Vermögensteuer, erhoben von den Ländern mit dem Ziel, höhere Bildungsausgaben zu finanzieren und mehr Chancengleichheit zu schaffen. Das würde die Akzeptanz erhöhen, hofft der Grüne: „Würde die Vermögensteuer erhoben werden, um den Bildungsbereich zu stärken, gleichsam als Steuer für Bildung, auch wenn Steuern formal nicht zweckgebunden sein können – es würden weitaus weniger Menschen dagegen sein.“   


MIGRATION
Ähnlich wie Scholz versucht Habeck, manche Abwehrhaltung gegen Einwanderer und Flüchtlinge zu erklären, ohne sie zu billigen. „Als die Flüchtlinge nach 2015 in neu gebauten Unterkünften unterkamen, war nicht überraschend, dass manche von denen enttäuscht oder zornig wurden, die noch gut im Ohr hatten, wofür jahrzehntelang alles kein Geld da war.“ Zugleich rekurriert er auf die Fluchterfahrung vieler Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg: „Meine Eltern sind Flüchtlingskinder.“  


EUROPA
Habeck konnte in seinem Buch noch den europäischen Corona-Wiederaufbaufonds berücksichtigen, den er entschieden begrüßt. „Deutschland stimmte zu, dass gemeinsam europäisch Schulden aufgenommen werden und einer anteiligen Begleichung derselben, was die Regierungen unter Angela Merkel zuvor als ‚Schulden- und Transferunion‘ immer vehement abgelehnt hatten.“ Es gelte, „die Arbeit an der Einheit Europas zu intensivieren – ohne auf dem Weg die Menschen zu verlieren“.  


RENTE
In der Rentenpolitik argumentiert Habeck wie Scholz, auch wenn sein Buch vier Jahre jünger ist. Besser als eine Grundrente wäre, „den Mindest- lohn so zu berechnen, dass man von seiner Hände Arbeit leben kann und dass nach einem durchschnittlichen Erwerbsleben davon die Rente finanziert werden kann“. Für das Jahr 2020 bedeute das etwa 12 Euro Mindestlohn. Von einer kapitalmarktgedeckten Vorsorge, wie sie bei den Sondierungen auf Wunsch der FDP besprochen wurde, steht in Habecks Buch nichts.  


ERFOLG
Kommerziell steht der Grüne mit weitem Abstand am besten da. Nach Erscheinen stand „Von hier an anders“ volle 16 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste, bis heute rangiert es unter den 50 Toptiteln. Da reicht nicht mal Annalena Baerbock heran, die glaubte, den Schriftsteller und Philosophen Habeck auf dessen eigenem Terrain – dem Bücherschreiben – kopieren zu müssen und sich damit selbst erheblich schadete. Kurzzeitig belebte die Plagiatsdebatte Baerbocks Geschäfte, aber inzwischen hat des Interesse nachgelassen.  


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