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Schnorren in Köln : Bettelei ist schließlich kein Verbrechen

„Schnorrer” nennen die Bettler sich selbst Bild: Lucas Wahl

Zehn Euro in der Stunde schaffen nur wenige. Denn Bettler müssen investieren, wollen sie gut verdienen. Ein Hund, eine Quetschkommode, eine Krücke verbessern den Umsatz.

          8 Min.

          "Kollekte für Verdreckte", rufen sie, "Kohle für Hohle" und "Aktion Sorgenpunk". Sie, das sind zwei Punker, die vor dem Personaleingang der Kölner Karstadtfiliale stehen und die Passanten anbetteln: eine kleine Zweiundzwanzigjährige mit schwarz-rotem Strickpullover und zwei Piercings in der Unterlippe, und ihr Freund, unter dessen Schildmütze eine neongrüne Strähne hervorlugt.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kaum ein Passant entgeht den beiden. Immer lächeln sie ihr Gegenüber an. "Hier kannst du dein Schwarzgeld weißwaschen!" Die meisten Leute ignorieren sie schlicht. Die junge Frau sagt leise: "Schnorren ist ein Knochenjob. Du musst bei jedem Wetter draußen stehen, immer nett sein und immer 'nen neuen guten Spruch auf den Lippen haben. Wenn du schlechte Laune kriegst, hast du schon verschissen."

          Sie gehören zu deutschen Innenstädten wie die Missionare und die Pimkie-Filiale: die Bettler, "Schnorrer", wie sie sich selbst nennen. In großen Städten sitzt alle 100 Meter einer von ihnen.

          Regen ist schlecht fürs Geschäft: Einen Tag betteln für gerade zehn Euro
          Regen ist schlecht fürs Geschäft: Einen Tag betteln für gerade zehn Euro : Bild: Lucas Wahl

          Am Abend sind die Menschen großzügiger

          Mal ein Punker, mal ein Obdachloser, mal ein altes Mütterchen mit besonders krummem Buckel. Sie kennen die Passanten, denn sie wollen deren Geld. Aber die Passanten kennen sie nicht. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

          Da ist zum Beispiel Heiko. Er sitzt in der Kölner "Hohe Straße" auf einer vom Regen durchnässten, geblümten Decke. Seine ehemals weiße Jeans hat lange Risse. Die Unterlippe ist aufgeplatzt, im rechten Oberkiefer fehlen ihm mehrere Zähne.

          Neben Heiko sitzt sein weißer Labrador. Es ist neun Uhr. Heiko ist früh dran, viele Läden sind noch geschlossen, die meisten Passanten hasten vorbei. Bisher sitzen kaum Bettler auf der Straße. Ob er Lust auf ein Gespräch hat? Er zuckt mit den Schultern und nickt. Seit sieben Uhr sitzt er schon da, erzählt er, so macht er das jeden Tag, nur sonntags wartet er, bis die Kirche aus ist.

          Morgens um sieben geben nur wenige Passanten ein Almosen: "Auf dem Rückweg von der Arbeit werfen sie mehr ein." Eigentlich müsste Heiko nicht so früh auf der Straße sitzen - aber "ich habe Stammkunden, und die kommen oft morgens". Dafür macht er tagsüber gelegentlich Pause für einen Spaziergang mit dem Hund, zum Beispiel in der umsatzschwachen Mittagszeit. Die Öffnungszeiten richten sich eben nach den Kunden.

          Seit seiner Jugend lebt Heiko auf der Straße. Früher waren das die Straßen von Kassel. Doch Kassel hatte er eines Tages satt, also ging er einfach nach Köln - ohne sich beim Amt abzumelden. Deshalb bekommt er in Köln kein Hartz IV und lebt von dem, was er sich erschnorrt. Abends um 18 Uhr hat er manchmal zehn Euro, manchmal 30. Wenn er 30 Euro verdient hat, nimmt er sich tags darauf frei und geht am Rhein spazieren.

          Wer nur still sitzt, bekommt kaum etwas

          Heiko gehört zur Unterschicht der Bettler. Denn selbst bei denen, die in der Gesellschaft ganz unten sind, gibt es Abstufungen und Schichten. Das muss man sich ganz konkret und im Wortsinn vorstellen: Am schlechtesten geht es jenen Bettlern, die still auf dem Boden sitzen. Sie sind die Unterschicht.

          Die Mittelschicht besteht aus Leuten, die aufstehen und aktiv andere ansprechen. Und zur Oberschicht der Bettler gehört, wer Programm macht - auf einer Geige spielt oder mit einer Krücke daherkommt. Wie in der großen Gesellschaft bezieht die Oberschicht am meisten Einkommen und Prestige. Doch wer aufsteigen will, muss investieren.

          Unwichtig sind die Stammplätze. Wer am Boden ist, verdient wenig - egal, wo er sitzt. Das muss auch Dirk immer wieder feststellen. Der Mittdreißiger hat seinen Stammplatz vor dem Hauptportal des Kölner Doms. An Dirk muss jeder vorbei, der aus dem Dom herauskommt. Doch auch Gottes Appell an die Nächstenliebe hilft nicht gegen das schlechte Wetter.

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