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Illustration: Johannes Thielen
Schneller Schlau

Jeder Cent ist ein Geschäft

Von MARK FEHR, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 10. August 2020

Unser Leben stünde still ohne funktionierenden Zahlungsverkehr. Dennoch wissen wir wenig über die Mächte und Mechanismen dahinter. Das zeigt sich bei jedem Online-Einkauf.

Es handelt sich um einen der häufigsten und ältesten Vorgänge in unserem Alltag: Bezahlt wird seit Beginn der Wirtschaftsgeschichte. Trotzdem denken wir übers Bezahlen selten nach und verstehen von seinen wirtschaftlichen und technischen Hintergründen kaum etwas. Der umständliche Tausch von Waren oder Diensten wurde schon früh durch die Einführung von Geld in vielfältigen Formen immer weiter vereinfacht und standardisiert: erst Muscheln und Steine, dann Münzen aus Gold oder Silber, später Wechsel und Banknoten aus billigem Papier. Die Digitalisierung schließlich treibt die Effizienz auf die Spitze: Nun lassen sich selbst Milliardenwerte nicht nur bequem speichern, sondern in Lichtgeschwindigkeit an Empfänger an fast jedem Ort der Welt übertragen – Bits und Bytes sei Dank.

Die Strukturen hinter den Bezahlvorgängen sind aber selbst für Fachleute schwer nachvollziehbar. Das zeigte sich kürzlich schmerzlich auch daran, dass sich mit dem Bezahldienstleister Wirecard ein Unternehmen in den Dax schummeln konnte, das einen großen Teil seines angeblichen internationalen Geschäfts offenbar nur vorgetäuscht hatte: Was man nicht versteht, kann man auch nicht durchschauen. Nach Börsenwert, der nach dem Bilanzskandal zum Leidwesen der Aktionäre allerdings verraucht ist, landete das Unternehmen für das Jahr 2019 sogar unter den zehn größten Bezahlunternehmen der Welt, wobei der Abstand zu den Riesen Mastercard, Visa und Paypal allerdings noch beträchtlich war.

Der Zusammenbruch des Wirecard-Kartenhauses hat den Zahlungsverkehr in Deutschland zum Glück nicht beeinträchtigt, obwohl auch der große Einzelhändler Aldi zu den Kunden zählte. Bezahlen ist systemrelevant, weil es in einer arbeitsteiligen und spezialisierten Wirtschaft den Austausch von Waren und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen ermöglicht. Deshalb ist es beruhigend, dass dank technischem Fortschritt unterschiedliche Bezahlformen entwickelt wurden – analoge und digitale. Das Schicksal einer Volkswirtschaft hängt damit nicht an einer einzigen Infrastruktur.

Allgemein scheint der Vormarsch von Kartenzahlungen unaufhaltsam. Am Bargeld hingegen scheiden sich die Geister. Finanzaufseher und Politiker verunglimpfen es zuweilen als Werkzeug von Kriminellen und als Wegbereiter der Geldwäsche. Vermeintlich fortschrittliche Blogger gerieren sich als Bargeldverächter. Wer dem Finanzsystem oder gar dem gesamten Staat misstraut, der sucht seinen Trost aber sowieso nicht in vergänglichen Banknoten, sondern kauft sich lieber gleich nahezu unzerstörbare Goldbarren und -münzen. Die sind im Alltag zwar ein ziemlicher Klotz am Bein und als Zahlungsmittel extrem unpraktisch – aber was soll’s.

Der Nutzen von physischen Münzen und Scheinen zeigt sich, wenn Stromausfälle, IT-Pannen oder Hackerangriffe die digitalen Bezahlkanäle lahmlegen. Deshalb löst die Angst vor Wirtschaftskrisen auch immer wieder einen Ansturm auf Bargeld aus, wie sich auch im ersten Monat des Corona-Lockdowns zeigte. Den Sparern ging es damals nicht darum, die aus dem Automaten „gezapften“ Scheine unmittelbar zum Bezahlen zu verwenden. Ihre Absicht bestand darin, einen Teil ihres Finanzvermögens außerhalb des Bankensystems in Sicherheit zu bringen.

Mit Bargeld im Heimtresor oder unter dem Kopfkissen schläft mancher besser, obwohl Cash leider auch Räuber ins Haus lockt. Wiederum die Corona-Krise offenbarte auch einen Vorteil digitaler und kontaktloser Bezahlmethoden: die Hygiene. Zahlreiche Verbraucher schwenkten auf Kartenzahlung um, weil ihnen das sauberer schien als Bargeld.

Wer gerne bar zahlt, kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, Anhänger der effizientesten Bezahlform zu sein. Das zumindest legen Daten der Deutschen Bundesbank nahe, laut denen der Einzelhandel bei Barzahlungen mit den geringsten Kosten je Transaktion kalkulieren kann. Zahlungen mit Kreditkarte sind dagegen etwa viermal so teuer. Dass Bargeld aus Sicht der Händler so billig ist, liegt auch daran, dass ein großer Teil des dafür nötigen Aufwands von den vom Staat eingerichteten Notenbanken getragen wird. Die ziehen gleichzeitig einen stattlichen Gewinn aus der Banknotenproduktion, weil die Kosten für den Druck und die Auslieferung der Scheine im Vergleich zum hohen Nennwert überschaubar sind.

Im Fall der besonders kleinen kupferfarbenen Münzen dagegen steht der für Herstellung und Logistik betriebene Aufwand in keinem Verhältnis zum Wert des Zahlungsmittels. Kleine Banken würden daher die Verwendung gern zurückfahren. Das klingt betriebswirtschaftlich, sorgt jedoch jedes Mal für Proteste von Kunden. Bisher hat nur eine Volksbank-Filiale auf Wangerooge gewagt, diesen Schritt zu gehen.

Digitale Bezahlmethoden sind beliebt, aber für Handel und Nutzer relativ teuer, weil große Bezahldienstleister wie Visa, Mastercard oder Paypal für die Abwicklung der Bezahlungen kassieren oder schlicht dafür, dass dabei die von ihnen geschaffenen Standards und Plattformen genutzt werden – das Privileg der Marktführerschaft. Der Bezahldienstleister Paypal kann es sich aufgrund seiner starken Marktstellung leisten, saftige Transaktionsgebühren von Händlern oder privaten Nutzern zu verlangen. Als ehemalige Tochter der Gebrauchtwarenplattform Ebay ist Paypal als großer Anbieter nicht über Nacht vom Himmel gefallen.

Das Unternehmen hat schon damit begonnen, langfristig ein einfaches und zuverlässiges System für Online-Zahlungen aufzubauen, als klassische Banken dieses Geschäft noch verspotteten. Die viel zu spät gestarteten Bemühungen der deutschen Banken und Sparkassen, mit einem eigenen System Paypal die Stirn zu bieten, die schließlich in den Dienst Paydirekt mündeten, sind erfolglos geblieben.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 10.08.2020 10:04 Uhr