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Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Yoga dehnt sich aus

Von STEFANIE DIEMAND, Grafiken: JENS GIESEL · 25. Januar 2021

Nicht erst seit der Pandemie sind die aus Indien stammenden Übungen beliebt. Der Trend ist längst zum Wirtschaftsfaktor geworden.

Jessica Fink räumt erst einmal mit einem Missverständnis auf. „Yoga ist kein Sport“, sagt sie. Fink ist Yogalehrerin und Sprecherin des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland (BDY). Es gehe eben nicht nur um die körperliche, sondern auch um die mentale Entwicklung, sagt sie. Viele bezeichnen Yoga deshalb als philosophische Lehre. Neben Körperübungen gehören auch Atemübungen und Meditation dazu. Je nach Yoga-Stil gehe es aber durchaus sportlicher oder entspannter zu. 

Auswahl gibt es zumindest in Deutschland genug. Zu den beliebtesten Arten zählt das sogenannte Hatha-Yoga. Es gibt auch Studios, die Kurse nur für eine bestimmte Gruppe, zum Beispiel Frauen, Schwangere oder Kinder, anbieten. Die Datenbank des BDY zeigt, dass Yoga nahezu überall in Deutschland praktiziert werden kann.  Berlin ist die deutsche Yoga-Hauptstadt mit den meisten Lehrern je einer Millionen Einwohner. Der Verband zählt alle Lehrenden dazu, die mindestens eine zweijährige Lehrausbildung mit 500 Unterrichtseinheiten abgeschlossen haben. 

In den vergangenen Jahren haben sich eine Reihe von Prominenten zum Yoga bekannt: Sergey Brin, einer der beiden Gründer des Internetkonzerns Google, gehört ebenso dazu wie die Sängerin Madonna. Auch unter den deutschen Unternehmern finden sich immer wieder Anhänger. Ob es daran liegt oder am generell gestiegenen Bewusstsein für Gesundheit – jedenfalls hat sich die Zahl der Yogis in Deutschland in vier Jahren fast verdoppelt. „Jeder“ macht aber bei weitem noch nicht Yoga: Einer Umfrage des BDY zufolge liegt der Anteil der Praktizierenden an der deutschen Bevölkerung noch im niedrigen Prozentbereich. Rund 5 Prozent der Deutschen waren es im Jahr 2018. Zudem sind es hauptsächlich Frauen, die Yoga machen. Die meisten von Ihnen geben in Umfragen an, aufgrund von körperlichen Leiden, wie zum Beispiel Rückenschmerzen, damit zu beginnen.

Die meisten machen ihre Übungen dabei zu Hause, nicht in einem Yogastudio. Yogalehrerin Fink empfiehlt das aber eher fortgeschrittenen Yogis – Einsteiger sollten ruhig erst mal ein Studio besuchen. „Der Yogalehrer kann die Übungen an den Übenden anpassen, so dass er sie seinen Möglichkeiten und Grenzen entsprechend üben kann“, sagt sie. Doch daraus wird zumindest in den nächsten Monaten erstmal nichts: Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Studios schließen. Eine Wiederöffnung scheint zumindest bundesweit noch in weiter Ferne: Schon im November forderte der Verband eine Öffnung, da Yoga kein Sport, sondern als „gesundheitsrelevant“ einzustufen sei. Die Übungen beschäftigten sich „mit der körperlichen, emotionalen und geistigen Ebene des Menschen“. Wer Zuhause üben möchte, aber nicht auf die Anleitung eines erfahrenen Lehrers verzichten will, dem empfiehlt Fink an einem Livestream teilzunehmen. Viele Yogalehrer versuchen über ein Online-Angebot, weiter zu unterrichten.

Das Interesse an Yoga ist seit einigen Jahren gleichbleibend hoch, zumindest suchen viele Deutsche auf der Suchmaschine Google immer wieder nach dem Begriff. Die Pandemie scheint das Interesse aber auch nicht maßgeblich gesteigert zu haben. Zuletzt schwankte der Wert, im Januar ging das Yogainteresse im Internet wieder hoch. Vielleicht gehörte es für einige der Suchenden zu den guten Vorsätzen fürs neue Jahr, hin und wieder ein paar Übungen zu machen.

Der Trend hat längst große Unternehmen auf den Plan gerufen. Der Yoga-Markt der Welt kommt inzwischen auf ein Volumen von 130 Milliarden Dollar, Tendenz steigend. Allein der Kleidungsmarkt für Yoga soll nach einer Analyse bis 2025 rund 48 Milliarden Dollar wert sein. Wer will, findet heute Yoga-Matten und -Kleidung in allen erdenklichen Materialien, Farben und Ausführungen. Einer der erfolgreichsten Anbieter ist das börsennotierte Unternehmen „Lululemon“. Der Sportartikelhersteller wurde 1998 im kanadischen Vancouver gegründet. Auch wenn Lululemon inzwischen auch Kleidung für Läufer oder Schwimmer verkauft, ist der Hersteller hauptsächlich für seine Yogaausrüstung beliebt. Dafür müssen Käufer auch mal tiefer in die Tasche greifen: Eine Hose kann gut und gerne 98 Euro kosten, seine bekannte Yoga-Matte verkauft das Unternehmen ab 78 Euro.

Trotz seiner Beliebtheit gilt Lululemon aber auch als umstritten: In Medienberichten klagten Arbeiterinnen aus Bangladesch über schlechte Arbeitsbedingungen und im Frühjahr 2013 sorgte der Unternehmensgründer Chip Wilson mit einem Kommentar über Frauen mit größeren Konfektionsgrößen für einen Skandal. „Die Körper einiger Frauen funktionieren in den Hosen tatsächlich nicht“, sagte er damals. Aufgrund dieser Aussage soll Wilson seinen Vorstandsvorsitz abgegeben haben. Zumindest der Umsatz von Lululemon hat sich davon aber schnell erholt.

Obwohl Yoga auf einer alten indischen Lehre basiert, ist es offen für Innovationen. Immer häufiger trainieren Menschen auch mit der Hilfe des Smartphones. Zu den beliebtesten Apps dafür gehört in Deutschland „Gymondo“. Das im Jahr 2013 gegründete Fitness-Portal hat sich zwar nicht auf Yoga spezialisiert, bietet aber unterschiedliche Workout-Videos mit Übungsabläufen an.

Yogalehrerin Fink hält Apps und Videos grundsätzlich für eine gute Alternative – empfehlen würde sie diese aber hauptsächlich Fortgeschrittenen. Menschen, die glauben, dass er für Yoga erst mal allerlei teures Zubehör braucht, kann die Sprecherin des Yogalehrendenverbands beruhigen. „Eigentlich braucht man für Yoga nur sich selbst – und die Motivation, regelmäßig zu üben“, sagt sie. Eine rutschfeste Matte und einfache, bequeme Kleidung könne sie aber empfehlen.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 25.01.2021 10:26 Uhr