https://www.faz.net/-gqe-a4rxm
Illustration: Johannes Thielen / Foto: dpa
Schneller Schlau

Wodurch Trump wirklich verlieren könnte

Von BASTIAN BENRATH, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 2. November 2020

Die markigen Bemerkungen des Präsidenten dürften die Wahl kaum beeinflussen – die Wirtschaftskrise dagegen schon. Außerdem hat sich innerhalb der Wählerschaft in den vergangenen Jahren still und heimlich ein Effekt vollzogen, der Biden helfen wird.

Amerika wählt mitten in einer Wirtschaftskrise: 25 Prozent der Amerikaner haben in der Pandemie entweder selbst ihren Job verloren oder das bei einem Haushaltsmitglied gesehen, weitere 32 Prozent erlebten Gehaltseinbußen. Das heißt: Mehr als jeder zweite Amerikaner erlebt den Wirtschaftseinbruch am eigenen Leib. Auch wenn das Wachstum zwischen Juli und September wieder anzog, liegt die Wirtschaftsleistung weiter deutlich unter ihrem Niveau vor Corona. Um die großangelegten Staatshilfen für die Wirtschaft zu finanzieren, hat sich das Defizit des Staates im Vergleich zum vergangenen Jahr verdreifacht. Der Berg an Schulden, auf dem Amerika sitzt, wächst mit und beträgt rund 21 Billionen Dollar. Die Frage lautet deshalb: Sind die Wähler so unzufrieden mit Trumps Krisenmanagement, dass sie Joe Biden ins Weiße Haus wählen?

Wie die Amerikaner über ihre Wirtschaftslage denken, wird die Wahl maßgeblich mitentscheiden. Daneben könnte Trump aber auch ein Effekt gefährlich werden, der sich eher still vollzieht: Die Wählerschaft verändert sich zu seinen Lasten. Am Dienstag werden in Amerika über 40 Millionen Menschen mehr wählen als im Jahr 2000. Denn die Bevölkerung wächst: In den Vereinigten Staaten liegt die Geburtenrate über der Sterberate, zudem wandern mehr Menschen ein als aus. Der Zensusbehörde zufolge wächst die Bevölkerung rechnerisch alle 18 Sekunden um eine Person. Doch nicht alle Wählergruppen wachsen gleich schnell: In allen Bundesstaaten hat der Anteil von Wahlberechtigten mit weißer Hautfarbe abgenommen.

Da der amerikanische Präsident nicht direkt vom Volk, sondern von nach Bundesstaat vergebenen Wahlmännern und -frauen gewählt wird, ist es sinnvoll, diese Veränderung nach Staaten getrennt zu betrachten. Dabei fällt auf, dass der prozentuale Anteil von Weißen an der Wählerschaft insbesondere in vielen Bundesstaaten abnimmt, die keiner Partei klar zuneigen. In diesen „Battleground“-Staaten wird die Wahl aller Voraussicht nach entschieden. Anders formuliert: Weil ein immer größerer Anteil der Wählerschaft dort entweder schwarz ist, lateinamerikanische oder asiatische Wurzeln hat, schwinden die Chancen der Republikaner in diesen Staaten. Denn alle ethnischen Gruppen außer den Weißen tendieren zu den Demokraten. Das zeigen nicht nur die Wahlergebnisse von 2016 und 2018, sondern auch Umfragen des renommierten Wahlforschungsinstituts Pew, welche mehr als 25 Jahre zurückreichen. Der Bundesstaat Texas zum Beispiel, traditionell eine sichere Bank für die Republikaner, gilt für diese Wahl als umkämpft – ein Grund dafür ist, dass sich der Anteil der Wähler mit weißer Hautfarbe dort zwischen den Jahren 2000 und 2018 von 62 auf 51 Prozent verringerte. Texas hat landesweit nach Kalifornien die zweitmeisten Wahlmännerstimmen. Die Verschiebung birgt für Biden also eine enorme Chance: Gewinnt er Texas, gewinnt er sehr wahrscheinlich auch die Wahl. Auch Arizona und Georgia sind ehemalige Republikaner-Hochburgen, die aus demselben Grund diesmal „blau“ werden könnten.

Auch wenn Weiße landesweit die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen, gehören mehr als drei Viertel der zwischen 2000 und 2018 neu hinzugekommenen Wähler zu einer der Minderheiten. Besonders deutlich ist dabei die Zunahme der Latinos: Fast zwei von fünf neuen Wählern sind Hispanics. Ihre Zahl wächst so stark, weil nach amerikanischer Rechtslage jeder Mensch, der in den Vereinigten Staaten geboren wird, die Staatsbürgerschaft erhält. Das heißt, dass im Land geborene Kinder von illegalen Einwanderern aus lateinamerikanischen Ländern mit ihrem 18. Geburtstag zu neuen Wahlberechtigten werden. Anders als bei schwarzen Wählern, der Minderheit, die meist am geschlossensten die Demokraten wählt, ist die Parteientendenz unter Hispanics aber vielschichtiger. Beispielsweise neigen einer Pew-Studie zufolge kubanischstämmige Amerikaner eher zu den Republikanern, während solche aus Puerto Rico oder Mexiko zu den Demokraten tendieren. Das facht das Rennen gerade im potentiell wahlentscheidenden „Battleground“ Florida an, wo Kubaner traditionell die größte Latino-Gruppe sind, inzwischen aber von der Zunahme der Puerto-Ricaner eingeholt werden.

Doch zurück zur Wirtschaft. Ob die Konjunktur läuft oder lahmt, hat für die amerikanischen Wähler traditionell eine hohe Bedeutung. Über die vergangenen Jahrzehnte lässt sich ablesen, dass die Partei, die den Präsidenten stellt, häufig wechselte, wenn die Wirtschaft um ein Wahljahr herum einbrach. Das galt für den Wechsel vom Demokraten Jimmy Carter zum Republikaner Ronald Reagan 1980 genauso wie für den von George W. Bush zu Barack Obama 2008.

Die Demokraten haben ihre Stammwähler am unteren Ende des Einkommensspektrums. Zu erwarten, dass viele der Menschen, die durch Corona ihr Einkommen verloren haben, nun deshalb sie wählen, dürfte zu weit gehen. Doch zu beobachten ist, dass Menschen, die wenig Geld verdienen, seltener zur Wahl gehen als solche mit höherem Einkommen. Das nutzt eher den Republikanern. Auch beim Thema Demographie spielt die Wahlbeteiligung ihnen in die Hände, denn Minderheitenwähler gehen seltener zur Wahl als Weiße. Bislang übertraf nur einmal, im Jahr 2012, die Beteiligung der schwarzen Bevölkerung die der weißen. Das wurde damals vor allem dem Kandidaten Barack Obama zugeschrieben, der dann auch der erste dunkelhäutige amerikanische Präsident wurde.

Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge
Nach dem Trump-Schock von 2016 Kann Biden den Umfragen trauen?
SCHNELLER SCHLAU Hauptsache, der Riesling fließt





Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.11.2020 18:56 Uhr