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Schneller Schlau

Wie die EU von der Brexit-Saga profitiert

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JENS GIESEL · 22.10.2019

Nicht wenige sind vom Brexit genervt. Doch die EU kann sich freuen – während sich die Briten zerfleischen, rückt das restliche Europa zusammen. Denn auf einmal mögen die Europäer Brüssel wieder.

Geht die Serie in die nächste Staffel oder tut sie es nicht? Selbst die größten Fans dieser Politsatire haben inzwischen wohl ein Einsehen und hoffen darauf, dass sie endlich abgesetzt wird. Doch gegenwärtig sieht es in London so aus, als würden die Drehbuchschreiber sich tatsächlich trauen, die nächste Staffel an die Brexit-Saga dranzuhängen. Dabei sind die Cliffhanger inzwischen abgegriffen, der Hauptdarsteller wurde zwar ausgetauscht, aber auch mit dem neuen Schauspieler hat sich wenig geändert. Es gibt nur mehr Krawall. Die Story wiederholt sich.


Und doch tut sich etwas. Dafür muss man nur den Blick abwenden, nicht nach Brüssel oder London schauen. Man muss den Blick auf das Publikum richten, auf die EU-Bürger.


Die nämlich haben in der Serie einen der Hauptdarsteller wieder liebgewonnen. Die EU, sie wird wieder beliebt: Im Mai 2016, wenige Wochen vor dem Brexit-Referendum, hatte nur jeder Dritte ein gutes Bild von der EU, mehr als jeder Vierte blickte eher negativ auf die EU. Ein Jahr lang hatte das EU-Image gelitten, war regelrecht abgestürzt. Generell hatte der Trend nach unten gezeigt. Vor der Finanzkrise ab 2008 war der Anteil der Leute mit schlechtem EU-Bild noch halb so groß gewesen, mehr als jeder zweite hatte ein positives EU-Bild.

Seit dem 23. Juni 2016, dem Tag der Brexit-Abstimmung, zeigt der Trend in die andere Richtung. Auf jeden, der negativ auf die EU schaut, kommen inzwischen wieder zweieinhalb Menschen, die Brüssel positiv sehen.


Und das liegt nicht an einigen Ländern. Auf dem gesamten Kontinent wächst die Zustimmung, am stärksten in Deutschland, um mehr als zwanzig Prozentpunkte nämlich. Doch in so unterschiedlichen Ländern wie Portugal, Griechenland oder Ungarn war der Anstieg ähnlich stark. Und selbst die Briten schauen positiver auf die EU. Nur in Frankreich hat sich das EU-Image seit dem Brexit-Referendum nicht verbessert.

Das beste Image innerhalb der EU hat Brüssel auf der Insel, allerdings in Irland. Knapp zwei Drittel der Iren blicken positiv die EU. Noch bessere Werte erzielt sie nur in Albanien, das ein Beitrittskandidat ist. Allerdings wurde die Umfrage vor dem jüngsten Gipfel durchgeführt, auf dem die EU die Aufnahme formeller Beitrittsgespräche vorerst verweigerte.


Was die Ursache für die gestiegene Europa-Zustimmung ist, ist sicher nicht so ganz leicht auszumachen. Denkbar wäre, dass die Pro-Europäer das Gefühl haben, die Reihen schließen zu müssen. Schaut man sich aber die Daten an, sticht eines heraus: Die Europäer sind wieder deutlich zufriedener mit der Demokratie in der EU.

Im Mai 2016 waren die Unzufriedenen in der Mehrheit: 47 Prozent waren nicht einverstanden mit der EU-Demokratie, nur 42 Prozent waren „sehr zufrieden“ oder „eher zufrieden“. Diese Stimmung ist deutlich gekippt: Nur noch gut ein Drittel ist unzufrieden, mehr als die Hälfte der Europäer sieht die EU-Demokratie dagegen positiv.


In den Brexit-Verhandlungen war die EU-Kommission einer der Verhandlungspartner der britischen Regierungschefs. Offenbar hat sie sich darin nach Meinung vieler Europäer ganz gut geschlagen. Inzwischen vertraut mit 46 Prozent fast die Hälfte der Bevölkerung der EU-Kommission, vor der Brexit-Abstimmung waren das noch 10 Prozentpunkte weniger. Genau umgekehrt ist die Entwicklung beim Misstrauen in die Kommission. In einigen Ländern ist die Entwicklung aber noch deutlicher.

Unter anderem in Deutschland. Jeden fünften Deutschen hat die Kommission seit dem Jahr 2016 von sich überzeugen können. In der gleichen Zeit ist die Zahl der Leute, die der Kommission misstrauen, um 17 Prozent zurückgegangen.


Doch nicht nur die Stimmung in der EU hat sich gewandelt. Auch die Themen, die die Leute als wichtig wahrnehmen, sind inzwischen andere. Vor sieben Jahren, als die Schuldenkrise die Politik in Europa bestimmte, standen wirtschaftliche Themen ganz oben: Arbeitslosigkeit und die Staatsfinanzen beschäftigten die Leute. Vor drei Jahren standen die Einwanderung und der Terrorismus ganz oben auf der Prioritätenliste. 

Inzwischen werden andere Themen wichtiger: Der Klimawandel bewegt vor allem die Skandinavier und die Iren, die Briten sorgen sich um die wirtschaftliche Situation, was mit den Brexit-Debatten zu tun haben dürfte. Im Rest des Kontinents macht nach wie vor die Einwanderung Sorgen.


Doch auch wenn sie nach wie vor das Thema Nummer eins ist, dominiert sie nicht mehr so stark. In vielen Ländern nennen bis zwanzig Prozentpunkte weniger die Einwanderung als das größte Problem der EU.

Im Jahr 2016 waren noch fast drei von fünf Deutschen der Ansicht, dass die Einwanderung das größte Problem ist, 2019 sind es nur noch zwei von fünf Leuten. In Großbritannien nennt nur noch jeder fünfte die Einwanderung, 2016 sah das noch jeder Zweite so. Nur in Griechenland hat sich an dem Anteil kaum etwas getan.


Gleichzeitig gewinnt der Klimawandel in der Wahrnehmung der Menschen an Bedeutung. Um 20 Prozentpunkte, in Finnland sogar um fast 30, ist der Anteil der Menschen gestiegen, die den Klimawandel als das größte Problem der EU ansehen.

Geringer war der Anstieg vor allem im Osten der EU. Aber auch in Polen und Ungarn hält inzwischen jeder Sechste den Klimawandel für das größte Problem. Das sind jeweils etwa zehn Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren.


Überall in der EU hat sich die Stimmung also deutlich gewandelt, selbst in Großbritannien. Dort hat sich in den vergangenen Jahren etwas sehr bemerkenswertes abgespielt. Seit März 2018 halten die Briten den Frieden nicht mehr für die positivste Errungenschaft der EU, seitdem führt eben das die Liste an, was im Staffelfinale in London auf dem Spiel steht: der freie Personen- und Warenverkehr.


Datenrecherche: Matthias Janson (Statista), Jens Giesel, Gustav Theile


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 22.10.2019 12:46 Uhr