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Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Die Weltbevölkerung entwickelt sich mit Wucht

Von MARK FEHR, Grafiken: JENS GIESEL · 28. Dezember 2020

Asien wird schrumpfen, während Afrika weiter stark wächst. Das hat gravierende Folgen für die Lebensverhältnisse auf allen Kontinenten.

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er schlagfertige Entertainer Harald Schmidt hat die Demographie mit Blick auf die rasante Alterung in Deutschland mal als sein Lieblingsthema bezeichnet. Kein Wunder, muss doch jede noch so abgehobene Diskussion blitzschnell auf den Boden der Tatsachen zurückfallen, sobald demographische Fakten berücksichtigt werden. Der dabei entstehende intellektuelle Aufprall kann ziemlich schmerzhaft sein, was ein Satire-Profi wie Schmidt natürlich auskostet. Tatsächlich ist es schwindelerregend, sich die Zahlen zur Entwicklung der Weltbevölkerung vor Augen zu führen: Schon die Daten der jüngeren Vergangenheit sind atemberaubend, aber auch der Blick in die nicht ganz so ferne Zukunft zeigt kaum vorstellbare Dimensionen. In der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht – von damals 2,5 Milliarden auf aktuell 7,8 Milliarden Menschen. Dieses unvorstellbare Wachstum fand innerhalb von 70 Jahren statt, also gerade mal während eines Menschenlebens. 

Mit ihrem rasanten Wachstum ist die Menschheit gleichzeitig stark gealtert. So hat sich der Altersmedian, die statistische Mitte zwischen der älteren und der jüngeren Hälfte der Weltbevölkerung, auf aktuell mehr als 30 Jahre erhöht und könnte sich bis zum Jahr 2100 gegenüber 1950 fast verdoppeln. 

Die Alterung der Weltbevölkerung ist ein Zeichen für den steigenden Wohlstand der Mittelschicht, der immer mehr Menschen ein langes Leben ermöglicht. Zu verdanken haben wir das dem technischen, medizinischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Dessen Früchte sind allerdings international sehr unregelmäßig verteilt: Afrikaner haben eine weit niedrigere Lebenserwartung als etwa Europäer, obwohl sich die Kennzahl während der Nachkriegszeit nicht nur für Europa deutlich verbessert hat, sondern auch für Afrika. 

Laut Prognosen wird die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten weiter stark wachsen, wenn auch mit deutlich geringerem Tempo als in den zurückliegenden Nachkriegsjahrzehnten. Trieben in der Vergangenheit der asiatische und der afrikanische Kontinent das Bevölkerungswachstum an, zeichnet sich für die Zukunft eine Trendwende ab: Während Asien als Wachstumstreiber ausfällt und sogar schrumpfen wird, wächst Afrika immer weiter. Im Jahr 2100, wenn gemäß dem Basis-Szenario der Vereinten Nationen rund 10,9 Milliarden Menschen auf der Erde leben, werden die Afrikaner ihren Anteil an der Weltbevölkerung von 17 auf 39 Prozent mehr als verdoppelt haben. Der Anteil der Asiaten dagegen wird von aktuell knapp 60 Prozent auf 43 Prozent kräftig schrumpfen. Damit wird Asien seine Position als bevölkerungsreichster Kontinent nur noch knapp vor Afrika behaupten. 

Diese Zukunft scheint weit weg, doch ein im gerade angebrochenen Jahrzehnt der 2020er-Jahre geborener Europäer hat angesichts seiner Lebenserwartung gute Chancen, das noch zu erleben. Die UN-Prognosen geben also eine Vorstellung von dem, was schon auf unsere Enkel zukommt. Die demographische Dynamik in Afrika ist so brisant, weil die meisten Länder des Kontinents wirtschaftlich weit hinter Amerika, China, Japan und Europa zurückfallen und daher nicht in der Lage sind, einer immer größeren Zahl von Menschen eine Lebensgrundlage zu bieten. Die dadurch entstehenden Spannungen könnten sich durch weitere Kriege oder Massenauswanderung zu entladen versuchen. Bis jetzt haben weder Afrika noch der Westen dagegen ein wirkungsvolles Rezept gefunden, trotz – oder vielleicht sogar wegen – jahrzehntelanger Entwicklungszusammenarbeit. 

Die wohlhabenden Industrieländer haben mit eigenen Problemen zu kämpfen, etwa mit dem steigenden Anteil älterer Menschen, durch den sich der hohe Arbeitsaufwand für die Versorgung von Rentnern und Pflegebedürftigen auf immer weniger Schultern verteilt. Dagegen ist gut die Hälfte der Afrikaner unter 20 Jahre alt. Eine junge Bevölkerung gilt als Voraussetzung für Wirtschaftswachstum, doch können viele „junge“ Völker ihren demographischen Trumpf nicht ausspielen. Besonders hohe Anteile junger Menschen liegen nämlich oft schlicht daran, dass Kriege und Krankheiten in den betroffenen Ländern die Chancen verringern, alt zu werden. 

Der Westen altert schneller
Anteil Unter-20-Jähriger an der Bevölkerung

Grafik: Giesel / Quelle: United Nations

Das lässt sich etwa an folgenden Kennzahlen ablesen: Eine Frau in Afghanistan bringt knapp viermal so viele Kinder auf die Welt wie eine Japanerin, doch lebt der Nachwuchs in dem besonders kinderreichen Staat gefährlich. Das vergleichsweise kleine Afghanistan konnte auch wegen seiner offenbar risikobereiten jungen Bevölkerung gleich zwei Supermächten militärisch die Stirn bieten: Erst der Sowjetunion, die sich 1989 nach einer gescheiterten Intervention zurückziehen musste, dann den Vereinigten Staaten, die seit den Anschlägen vom 11. September 2001 mit mäßigem Erfolg versuchen, Afghanistan zu stabilisieren. 

Wie hart der Kampf ums Überleben gerade für die Schwächsten ist, zeigt die hohe Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern. Rund 10 Prozent der Nigerianer oder der Einwohner der Demokratischen Republik Kongo sterben, bevor sie das Alter von 5 Jahren erreichen – und diese Zahlen klammern Todesfälle während der Geburt aus. 

Die zahlreichen Geburten übersteigen jedoch die Todesfälle bei weitem, so dass die Bevölkerung in den armen Ländern Afrikas und Südostasiens trotz der hohen Sterblichkeit stark wächst. Laut einer Prognose des Instituts für Gesundheitsdaten der Universität von Washington (IHME) werden bis zum Jahr 2100 mehrere Stabwechsel zwischen den bevölkerungsreichsten Nationen stattfinden. Die Bevölkerung Chinas wird sich demnach halbieren, während sich die Zahl der Nigerianer mehr als verdreifacht. Nigeria wird daher von Rang sieben auf Rang zwei der bevölkerungsreichsten Nationen aufsteigen – knapp vor Indien. Die Volksrepublik China, derzeit das Land mit den meisten Einwohnern, wird dann nur noch an dritter Stelle stehen. 

Nigeria überholt China
Die zehn bevölkerungsreichsten Staaten 2017 und 2100 (Millionen Einwohner)

Grafik: Giesel / Quelle: Institute for Health Metrics and Evaluation, The Lancet

 

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Veröffentlicht: 27.12.2020 16:54 Uhr