https://www.faz.net/-gqe-a75kp
Illustration: Johannes Thielen, Foto: dpa
Schneller Schlau

Der Tod ist nicht kostenlos

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 18. Januar 2021

Weniger Särge, weniger Kirche: Die Bestattungsbranche hat einen tiefgreifenden Wandel hinter und noch vor sich.

I

m Leben gibt es fast nichts kostenlos. Das gilt sogar für das eigene Ableben: Der Tod kostet bekanntlich nicht nur das Leben, sondern zieht auch finanziell hohe Rechnungen nach sich. Nicht nur die Seele des Verstorbenen, auch die Kosten für die Hinterbliebenen steigen gern schnell aufwärts. Die Forderungen fangen mit dem Totenschein an und hören beim Blumenschmuck nicht auf. Selbst der Platz für die ewige Ruhe ist nicht kostenlos zu haben. Knapp 13.000 Euro sollten die Verwandten für eine durchschnittliche Beisetzung einkalkulieren, sagt das Informationsportal „todesfall-checkliste.de“, das ehrenamtlich geführt wird. Die Verbraucherinitiative Aeternitas gibt als Durchschnitt die Hälfte dieses Betrags an.

Allzu wichtig ist das ohnehin nicht, denn im Einzelfall weichen die Gesamtkosten je nach Ort, Bestattungsart und gewünschtem Aufwand erheblich voneinander ab. Von 2000 Euro für die günstigste anonyme Feuerbestattung bis hin zu 35.000 Euro für eine prunkvolle Erdbestattung ist alles möglich. Wer höchsten Wert auf soziales Prestige legt, kann insbesondere für den Sarg, den Grabstein und den Leichenschmaus noch erheblich mehr ausgeben.

Das Erfreuliche am Bestatterberuf ist, dass Beerdigungen ein krisensicheres Geschäft sind, weil die Kundschaft nicht entkommen kann. „Gestorben wird immer“, heißt es in der Branche. Dem statistischen Bundesamt zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr seit 1956 zwischen 800.000 und knapp einer Million Menschen. Der höchste Wert wurde 1975 mit 989.649 Toten erreicht, im vergangenen Jahr waren es einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamts zufolge „mindestens 980.000“ Sterbefälle.

Die leichten Schwankungen in den Jahren dazwischen liegen an vielen Effekten: Solange die Lebenserwartung steigt, sinken rechnerisch die Sterbefälle in einem Jahr. Die wachsende Einwohnerzahl Deutschlands mit einer zunehmend älteren Bevölkerung lässt die Zahl der Toten hingegen zunehmen. Eine große Rolle spielen auch saisonale Effekte wie Hitzewellen im Sommer und Grippewellen in den kalten Monaten.

Zur Überraschung vieler Fachleute weist das Statistische Bundesamt in den vergangenen Jahren steigende Umsätze der Branche aus. Der Behörde zufolge machte das Bestattungswesen in Deutschland im Jahr 2009 einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Neun Jahre später waren es knapp 2,1 Milliarden Euro, also gut ein Drittel mehr – erwirtschaftet von 5415 Pietäten samt ihrer nachgelagerten Wirtschaftsbereiche. Das liegt zum Teil daran, dass 2018 zehn Prozent mehr Menschen starben als im Vergleichsjahr. Die Inflation ließ die Preise im genannten Zeitraum zudem um 11 Prozent steigen. Die restliche Differenz bleibt rätselhaft.

„Die Bestatter verdienen eigentlich nicht mehr so gut“, sagt Wilhelm Brandt von der Deutschen Friedhofsgesellschaft. „Die Beerdigung hat nicht mehr den Stellenwert, den sie einmal hatte.“ Nicht erst seit Corona seien die Trauergemeinden kleiner geworden. „Das hat sich dramatisch verändert“, klagt Brandt. Der Trend zur Feuerbestattung, für die fast immer ein preiswerter Sarg gewählt werde, dämpfe die Preise ebenfalls.

„Die Umsätze müssten eigentlich runtergehen“, wundert sich auch Karl-Heinz Könsgen, Geschäftsführer des Rhein-Taunus-Krematoriums. Seit das Sterbegeld der Krankenkassen im Jahr 2004 gestrichen wurde, achteten die Kunden stärker auf den Preis. Insbesondere große Grabsteine würden deutlich seltener bestellt.

Tatsächlich ist die Zunahme der Feuerbestattungen eine langanhaltende und tiefgreifende Veränderung in der Branche. Nur noch jeder vierte Tote wird in einem Sarg beerdigt, die große Mehrheit der Leichname wird verbrannt und kommt in einer Urne in die Erde.

Danach geht es zunehmend pflegearm oder sogar pflegefrei weiter. Vor allem Baumbestattungen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, wo die Asche des Toten in der Nähe der Wurzeln beigesetzt wird. Der große Vorteil: Im Unterschied zum Erdgrab muss der Baum samt Wiese kaum gepflegt werden. Das spart Zeit und Geld. „Die Witwen in Schwarz, die das Grab pflegen, sieht man nur noch in den Dörfern. In der Stadt gibt es das gar nicht mehr“, berichtet Brandt.

Deutlich rückläufig ist auch die Zahl der kirchlich begleiteten Bestattungen . Im Jahr 2018 gab es 244.000 katholische und 269.000 evangelische Bestattungen. Zusammengerechnet wurden nur noch 53,6 Prozent der Verstorbenen mit kirchlichem Segen verabschiedet. Vor 20 Jahren, zur Jahrtausendwende, waren es noch 71,5 Prozent.

Wie hoch der Anteil der vollständig anonymen Bestattungen ist, wo also kein Kreuz und kein Stein mehr auf den Namen des Verstorbenen hinweisen, lässt sich nicht verlässlich sagen. Diese Zahl wird von keiner offiziellen Stelle erhoben, die vorhandenen Angaben schwanken zwischen 5 Prozent und angeblich 50 Prozent in manchen deutschen Großstädten. Allerdings ist von dieser Bestattungsform strikt abzuraten, sofern irgendjemand dem Toten noch hinterhertrauert. Psychologen weisen einmütig darauf hin, wie wichtig ein feststehender Ort ist, um jemanden verabschieden zu können. Bestatter berichten von umherirrenden Menschen, die auf anonymen Rasengrabflächen vergeblich nach Hinweisen suchen, wo der Verstorbene vielleicht liegen könnte.

Trotzdem erstaunt, wie selten die Deutschen Friedhöfe aufsuchen. In einer repräsentativen Umfrage von 2017 gaben nur 12 Prozent der Teilnehmer an, wöchentlich oder zumindest ein Mal im Monat auf den Friedhof zu gehen. Jeder Vierte sucht die Gräber lediglich „mehrmals im Jahr“ auf, der Rest noch seltener oder nie. Die letzte Ruhe verläuft also tatsächlich ziemlich ungestört.

Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge
SCHNELLER SCHLAU Jeder Fünfzigste vererbt mehr als eine Million
SCHNELLER SCHLAU Das Milliardengeschäft mit der Spielsucht

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 18.01.2021 13:47 Uhr