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Foto: dpa / Grafik: F.A.Z.
Schneller Schlau

Tut Deutschland genug gegen den Klimawandel?

Von BASTIAN BENRATH, Grafiken: JENS GIESEL, KIM MÜLLER · 10.06.2019

Die Jungen in Deutschland wollen, dass sich die Politik endlich ernsthaft dem Klima widmet. Wie sieht Deutschlands Bilanz im Klimaschutz aus? Wir wollten es wissen.

D ie Erde wird mit bedrohlichen Folgen wärmer – das wissen wir nicht erst seit Rezo. Wie stark die globalen Temperaturen seit 1880 gestiegen sind, zeigen Daten des Nasa-Klimaforschungszentrums GISS in New York. Den stärksten Anstieg gab es in den Jahren von 2000 bis 2018.

Die Erderwärmung ist real
Abweichungen von der langjährigen globalen Jahresdurchschnittstemperatur der Jahre 1980 bis 2018

Die Folgen sind für jeden zu sehen: Im Jahr 2016 meldete die Nasa, dass die Nordwest-Passage, die nördlich um Kanada herum durch das arktische Meer von New York nach Tokio führt, für Schiffe passierbar sei: Genug Arktis-Eis sei geschmolzen. In den Schweizer Alpen soll der Basòdinogletscher an der Grenze zu Italien in zwanzig Jahren verschwunden sein. Selbst mit den größten Anstrengungen zur CO₂-Reduktion werden bis zum Jahr 2100 rund 80 bis 90 Prozent des Gletschereises der Schweiz schmelzen, sind Fachleute überzeugt.

Deutschland hat deshalb Anfang des Jahrtausends unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer die Energiewende ausgerufen, auch wenn der Begriff erst einige Jahre später in der öffentlichen Diskussion auftauchte. Seitdem stiegen die Investitionen in erneuerbare Energien. Seit dem Jahr 2000 wurden in Deutschland mehr als 270 Milliarden Euro ausgegeben, um mehr Strom aus Sonne, Wasser und Wind zu erzeugen.

Diese Umstellung der Stromerzeugung bezahlt jeder und jede Deutsche mit. Schon im Jahr 1990 verabschiedete Deutschland als erstes Land der Welt ein Ökostrom-Einspeisegesetz. Seitdem wurde die Gesetzeslage mehrfach überarbeitet, weiterhin ist es aber so, dass Strom aus regenerativen Quellen bei der Einspeisung ins Netz Vorrang vor Strom aus anderen Quellen hat. Weil das mehr kostet, als einfach den billigsten verfügbaren Strom zu nehmen, wurde die sogenannte „EEG-Umlage“ eingeführt. EEG steht für „Erneuerbare-Energien-Gesetz“. Diese wird auf den Strompreis aufgeschlagen und von jedem privaten Stromkunden bezahlt. Unternehmen, die viel Strom für ihre Produktion brauchen, sind von der Umlage ausgenommen.

Allein durch die EEG-Umlage haben die deutschen Stromkunden seit dem Jahr 2000 mehr als 200 Milliarden Euro gezahlt, um die Energiewende zu finanzieren. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der schleppende Stromtrassenbau den Strom teuer macht – denn weil die Netze überlastet sind, wurden in den vergangenen Jahren mehrere Umlagen eingeführt, um darunter leidende Akteure zu entschädigen.

Ist die deutsche Energiewende nun eine Erfolgsgeschichte? Was die Umstellung der Stromerzeugung betrifft, kann man sagen: Ja. Erneuerbare Energien, aus denen im Jahr 2000 nur 7 Prozent des deutschen Stroms erzeugt wurde, legten bis zum Jahr 2018 auf 35 Prozent zu.

Ein guter Moment, um sich auf die Schulter zu klopfen? Nicht ganz. Denn ein Blick auf die deutschen CO₂-Emissionen sorgt sehr schnell für Ernüchterung. Deutschlands Ausstoß des Treibhausgases geht zwar zurück, aber längst nicht so schnell, wie es nötig wäre und es sich die Bundesregierung auch vorgenommen hat. Sein Reduktionsziel für das Jahr 2020 wird Deutschland aller Voraussicht nach verfehlen.

Gesenkt – aber zu langsam

Deutsche Treibhausgas-Emissionen in Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent und Reduktionsziele nach dem Klimaschutzkonzept der Bundesregierung

im Vergleich zu 1990

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Ziel 2020:

-40%

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Ziel 2030:

-55%

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Ziel 2050:

-80% bis -90%

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Gesenkt – aber zu langsam

Deutsche Treibhausgas-Emissionen in Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent und Reduktionsziele nach dem Klimaschutzkonzept der Bundesregierung

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Das liegt daran, dass nicht nur die Stromerzeugung Quelle für den Kohlendioxid-Ausstoß ist. Stattdessen strömt auch aus anderen Quellen CO₂ in die Atmosphäre: Aus den Schornsteinen von Fabriken, aus den Heizungen von Wohnungen und Häusern – und aus den Auspuffen und Triebwerken von Autos, Bussen und Flugzeugen. Der Blick darauf, welcher dieser Sektoren in den vergangenen Jahren seine Emissionen reduziert hat und welcher nicht, zeigt, auf welchen Bereich sich die Klimadebatte künftig konzentrieren wird.

Zurück zur Ausgangsfrage: Tut Deutschland genug gegen den Klimawandel? Vergleichen wir unser Land dafür mit anderen Ländern. Die Grafik zeigt die CO₂-Emissionen pro Kopf: Jeder Deutsche stößt rein statistisch im Jahr 8,9 Tonnen Kohlendioxid aus. Das ist knapp doppelt so viel wie jeder Franzose – unser Nachbarland setzt weiterhin auf Kernkraft –, aber nur gut halb so viel wie jeder Amerikaner.

Vor allem aber fällt auf, dass die Ausstoßkurven der westlichen Industrieländer über die letzten 25 Jahre ziemlich gleichmäßig nebeneinander herlaufen. Also ist Deutschland in der Einsparung von CO₂ zumindest nicht „besser“ als andere Länder in einer ähnlichen Situation. In China und Indien herrschen indes gänzlich andere Verhältnisse: Dort voll-zog sich erst in den vergangenen Jahren die Industrialisierung, was die CO₂-Emissionen dieser Länder steigen statt sinken ließ. Inwieweit die westliche Welt berechtigt ist, ihnen trotz Klimawandel die industrielle Entwicklung „vorzuenthalten“, wird auf den jährlich stattfindenden Klimakonferenzen kontrovers diskutiert

Obwohl also die CO₂-Emissionen sinken und die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien erfreulich stark ausgebaut wurde, ist unser Fazit also: Deutschland könnte mehr gegen den Klimawandel tun. Das zeigt auch ein Blick in den Etat des Bundesumweltministeriums – dessen größter Ausgabenposten nicht der Klimaschutz, sondern die Lagerung radioaktiver Altlasten ist.

Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)
Quellen: NASA, Bundeswirtschaftsministerium, BDEW, Umweltbundesamt, Statistisches Bundesamt, AGEB, BMWi, ZSW, Statistik der Kohlenwirtschaft, Weltbank, BMU


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 10.06.2019 16:17 Uhr