https://www.faz.net/-gqe-a72ht
Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Das Milliardengeschäft mit der Spielsucht

Von MARTIN FRANKE, Grafiken: JENS GIESEL · 4. Januar 2021

Sportwetten in Deutschland boomen, obwohl sie nicht alle legal sind. Wer sind die Spieler?

D

ie Sportwettbranche in Deutschland erlebt einen Boom. Die Umsätze steigen, die Anbieter erwirtschaften von Jahr zu Jahr neue Rekordsummen. In den Innenstädten sind Wettbüros nicht zu übersehen, online servieren die App-Stores ein riesiges Angebot – und selbst Nationaltorhüter Oliver Kahn war über Jahre Werbeträger eines dieser Unternehmen. Sportwetten sind sozusagen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nur sitzen die meisten Anbieter selbst nicht in Deutschland, sondern in Steueroasen wie Malta, Gibraltar oder der Isle of Man. Ein Blick auf die Umsätze der Branche zeigt das Potential mit der Zockerei. Erlösten die Wettanbieter vor neun Jahren noch weniger als zwei Milliarden Euro, verfünffachte sich die Zahl bis 2019 fast, auf mehr als neun Milliarden Euro.

Fachleute schätzen, dass zwischen 75 und 90 Prozent des Geldes als Gewinne wieder an die Spieler ausgeschüttet werden. Immer mehr verdient wird trotzdem. Deshalb steigen auch die Steuereinnahmen – auch wenn diese nur einen Bruchteil der Umsätze ausmachen. 

Vor allem Wetten auf Fußball sind ertragreich. Mehr als die Hälfte aller Einsätze setzen Spieler auf das runde Leder. Champions League, Bundesliga, 2. Liga, DFB-Pokal, Gelbe Karten oder Torschützen: Wenn der Ball rollt, rollt der Rubel auch in den Wettstuben und am Handy. Auf Platz 2, wenngleich mit großem Abstand, folgt Tennis. Reitsport ist mit zwei Prozent eher unbedeutend, ebenso Boxen und die Formel 1: Auf Motorsport entfällt nur ein Prozent der Wetteinsätze.

Die Glücksspielforschung hat herausgefunden, dass Spielhallen eher an sozioökonomisch benachteiligten Orten als in teuren Wohngegenden zu finden sind. Zudem sind Arbeitslose und Männer dort überproportional häufig anzutreffen. Auch Sportwetten sind vielerorts in ein bestimmtes Milieu eingebunden: Der Anteil der Spieler mit Migrationshintergrund ist höher. Zugleich nehmen weniger Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen an Wetten teil – auch wenn grundsätzlich Menschen aus allen Bildungsgraden wetten. Fachleute erklären das Ungleichgewicht damit, dass man einerseits mit Sportwetten schnell und einfach Geld verdienen kann und andererseits mutmaßlich diejenigen häufiger wetten, die keiner Arbeit nachgehen. 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat erhoben, dass bei mehr als 400 000 Menschen in Deutschland das Spielverhalten in einem eindeutig kritischen Bereich liegt. Die Hälfte gilt als pathologische Spieler. Dort, und auch insgesamt, neigen vor allem Männer Sportwetten zu. Doch auch drei Prozent der Frauen in Deutschland haben schon einmal eine Sportwette abgegeben. Betrachtet man Glücksspiel insgesamt, so ist der Geschlechterunterschied geringer als nur bei Sportwetten. Weiterhin steigt die Wahrscheinlichkeit, an Glücksspielen teilgenommen zu haben mit zunehmendem Alter, wobei auch von den 16- bis 17-Jährigen mehr als jeder Dritte schon mal gespielt hat.

Im internationalen Vergleich ist die Lust auf Sportwetten in Deutschland dennoch eher schwach ausgeprägt. Am meisten wetten die Chinesen. In der Volksrepublik ist das Glücksspiel zwar offiziell verboten, es gibt jedoch Ausweichmöglichkeiten wie das Internet oder die Sonderverwaltungszone Macau, wo Casinos erlaubt sind. 

Trotz der geringeren Verbreitung von Sportwetten sind sie auch hier ein einträgliches Geschäft, wie die steigenden Umsatzzahlen zeigen. Nach Auskunft des Deutschen Sportwettenverbands gibt es in Deutschland zwischen 5000 und 6000 Wettbüros, die Branche beschäftigt mehr als 25.000 Mitarbeiter. Damit sind die attraktiven Standorte für Wettbüros aber auch verteilt, der Markt gilt Fachleuten zufolge als abgegrast. 

Wichtig zu wissen ist, dass private Anbieter von Sportwetten jenseits der staatlichen Marke Oddset nach deutscher Rechtslage lange illegal waren. Mittlerweile wurden Lizenzen vergeben. Dass es trotzdem zahlreiche Wettbüros anderer Anbieter gibt, liegt daran, dass deren Veranstalter etwa auf Malta sitzen – wo für sie weniger strenge Regeln gelten – und sich von dort auf die Dienstleistungsfreiheit innerhalb der EU berufen. Ordnungsämter scheiterten deshalb häufig mit dem Versuch, Wettbüros per Verfügung zu schließen. Forscher sprechen von einem komplexen Gewebe aus Baurecht, Strafrecht und Dienstleistungsfreiheit, das die Anbieter für sich nutzten. Wettbüros machten Tage später mit einem anderen Namen und unter einem neuen Betreiber wieder auf.

Mit einem neuen Glücksspielstaatsvertrag, der voraussichtlich Anfang Juli diesen Jahres in Kraft tritt, soll dieser Graubereich gesetzlich ausgeleuchtet werden. Die Bundesländer haben sich darauf verständigt, private Anbieter zu dulden. Beobachter mahnen, dass die Skrupellosen nun gewännen. „Wer sich an die Gesetze hält, ist ein Idiot“, findet ein Beobachter, der namentlich nicht genannt werden will.

Hinter dem neuen Staatsvertrag steht der Versuch des Staates, die Kontrolle über den Sportwettenmarkt zurückzuerlangen – auch zur Prävention von Spielsucht. Deshalb ist ein Maximum von 1000 Euro Wetteinsatz geplant, die ein Spieler pro Monat ausgeben darf. Für eine Nachverfolgung der Einsätze ist aber eine komplexe digitale Infrastruktur nötig, sodass es noch Jahre dauern dürfte, bis diese Regel durchsetzbar wird. So will der Staat auch unterbinden, dass Drogengelder in Wettbüros gewaschen werden.

In dem Vertrag sind zudem Mindestabstände festgesetzt, die zwischen Wettbüros und Kinder- und Jugendeinrichtungen liegen müssen. Diese variieren nach Bundesland, orientieren sich im Gros aber an 500 Metern. Allerdings müssen sich schon bestehende Wettbüros an diese Abstände nicht halten. Beobachter ärgert es, dass Wettbüros etwa gegenüber von Schulen so im Nachhinein legalisiert werden.

 

Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge
SCHNELLER SCHLAU Die Weltbevölkerung entwickelt sich mit Wucht
SCHNELLER SCHLAU Was Impfstoffe bringen

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.01.2021 14:28 Uhr