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Illustration: Johannes Thielen / Foto: dpa
Schneller Schlau

Wenn die Eltern nicht studiert haben

Von STEFANIE DIEMAND, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 28. September 2020

Unter hunderttausenden Studienanfängern werden auch in diesem Jahr wieder nur wenige Arbeiterkinder sein. Sozialer Aufstieg ist in Deutschland schwerer als in anderen europäischen Ländern.

Vor mehr als zehn Jahren rief Kanzlerin Angela Merkel die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus. Auf einem Bildungsgipfel in Dresden 2008 machte die Kanzlerin eine große Ansage nach der nächsten. Am Ende blieb ein großes Ziel: „Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle.“ Noch immer aber hat gerade eine Gruppe von Kindern einen Nachteil im deutschen Bildungssystem: Solche, deren Eltern nicht auf einer Universität waren.

Natürlich sind nicht alle Arbeiterkinder gleich oder haben immer dieselben Erfahrungen in und außerhalb ihrer Familien gemacht. „Die Wirklichkeit ist sehr viel komplexer“, sagt Evamarie König, Sprecherin des Netzwerks Arbeiterkind.de. Aber: Viele Kinder aus Arbeiterfamilien sähen sich schon in der Schule mit vielen Vorurteilen konfrontiert. „Ihre Begabung wird eher bei praktischen Tätigkeiten gesehen. Manche haben auch die Vorstellung, dass alle Arbeiterkinder arm und ungebildet seien.“

Die unterschiedlichen Bildungschancen sind in der Statistik ablesbar. Kinder aus nicht nicht-akademischen Haushalten studieren nicht nur seltener, sie erreichen auch seltener die nächste Bildungsstufe. Von hundert Grundschulkindern aus Arbeiterfamilien gehen nur durchschnittlich 21 auf eine Hochschule. „Das Studium wird häufig nicht als Möglichkeit in Betracht gezogen, da es keine Vorbilder in der eigenen Familie gibt, die Wege aufzeigen und unterstützen können“, sagt König. 30 Prozent der Arbeiterkinder brechen das Bachelor-Studium zudem vorzeitig ab. Von allen Studienabbrechern, die finanzielle Gründe als Abbruchsgrund angeben, kommen rund 72 Prozent aus Arbeiterfamilien.

Für Kinder aus Akademiker-Haushalten sieht die Lage anders aus: Von 100 Grundschulkindern, die mindestens ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, beginnen durchschnittlich 74 ein Studium an einer Hochschule – eine mehr als dreimal so hohe Quote. Auch beenden nur gerade einmal 15 Prozent von ihnen ihr Studium ohne Abschluss. Brechen sie doch einmal ab, liegt das meist an privaten Motiven oder anderen beruflichen Alternativen, nicht an finanziellen Gründen. Einen Doktortitel erreichen Arbeiterkinder dann zehn Mal so selten wie Akademikerkinder. Von unseren hundert Grundschulkindern aus Arbeiterfamilien schafft es im Schnitt gerade einmal ein einziges auf diese akademische Ebene. Da eine Promotion für viele Berufe in der akademischen Lehre Voraussetzung ist, folgt daraus zum Beispiel auch, dass Professoren nur selten aus Arbeiterfamilien kommen.

Wenn in den nächsten Wochen ein neuer Jahrgang an den deutschen Universitäten beginnt, verwundert es angesichts dieser Zahlen nicht, dass die meisten Erstsemester aus akademischen Haushalten kommen. Sie machen mehr als die Hälfte aller Studienanfänger aus. Wer aus einem Elternhaus kommt, in beide Eltern weder eine akademische noch eine berufliche Ausbildung haben, geht am seltensten an eine Hochschule. Klar: Nicht jeder muss an einer Hochschule studieren. „Ärgerlich ist es aber, wenn Nicht-Akademikerkinder automatisch in eine Ausbildung geschoben werden, obwohl das Potential, die Neigungen und Interessen vielleicht ganz woanders liegen“, sagt König.

Der Wunsch, möglichst bald Geld zu verdienen, hält Abiturienten laut einer Umfrage am häufigsten von einem Studium ab. Denn wer eine Ausbildung absolviert, erhält direkt ein Einkommen, während das Studium erstmal Kosten verursacht. Diese spielen für 36,5 Prozent der Befragten eine Rolle – sie glauben nicht, die finanziellen Mittel für ein Studium zu besitzen. Unter denjenigen mit dieser Sorge sind vor allem Arbeiterkinder: Während nur rund 27 Prozent der Befragten aus Akademiker-Haushalten angibt, sich ein Studium nicht leisten zu können, sind es unter ihnen rund 42 Prozent.

Dabei lohnt sich das Studium finanziell. Das zeigt das sogenannte Lebenseinkommen, die Summe aller Jahresgehälter, die ein Mensch in seiner beruflichen Karriere verdient. Schon mit einem Bachelorstudium liegt das Lebenseinkommen im Durchschnitt deutlich höher als ohne Studium. Rund 2,6 Millionen Euro verdienen Absolventen dieses niedrigsten akademischen Grades, Masterstudenten kommen sogar auf rund 2,9 Millionen Euro. Nicht-Akademiker verdienen mit durchschnittlich 1,8 Millionen Euro über ihr Berufsleben rund eine Million Euro weniger.

Generell gelingt es in Deutschland nur wenigen, einen höheren Bildungsabschluss oder ein höheres Einkommen als die eigenen Eltern zu erzielen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt in einer Studie, dass es in Deutschland sechs Generationen braucht, um von der untersten Einkommensschicht in die Mitte der Gesellschaft zu kommen. Theoretisch würde das 180 Jahre dauern, Deutschland befindet sich damit auf einem Niveau mit Argentinien. Grund dafür sei die mangelnde soziale Mobilität in der Bundesrepublik.

„Viele Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass ihre persönlichen und beruflichen Chancen entscheidend vom Elternhaus abhängen", schreiben die Fachleute der OECD. In anderen Staaten gelingt der Aufstieg leichter: In Dänemark werden nur zwei Generationen benötigt, in Norwegen, Finnland und Schweden sind es jeweils drei. Schlechter als Deutschland schneidet Brasilien ab: Dort braucht es 9 Generationen, bis die Nachkommen einer armen Familie beim Durchschnittseinkommen angelangt sind. Schlüssel zu mehr sozialer Mobilität sind laut OECD etwa ein besseres Bildungssystem oder gute Kinderbetreuung. Jedoch gibt es auch Kritik an der OECD-Studie: Autoren des ifo-Instituts (Institut für Wirtschaftsforschung) untersuchten die Studie und kritisierten das methodische Vorgehen der Wissenschaftler. Ihrer Meinung nach dauert es nur zwei bis vier Generationen, bis eine Person aus der untersten Einkommensklasse ein Durchschnittseinkommen erzielt.

Für die Arbeiterkinder, die sich trotz der Widrigkeiten eingeschrieben haben und im Oktober ihr Studium an einer der Universitäten in Deutschland beginnen, hat Arbeiterkind.de-Sprecherin König eine Botschaft. Sie rät ihnen, umfassend von allen Informationsangeboten Gebrauch zu machen. Und sagt: „Fasst mehr Mut, den eigenen Bildungsweg zu gehen.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 18.09.2020 15:18 Uhr