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Grafik: F.A.Z.; Foto: dpa
Schneller Schlau

Deutsche trinken mehr als Russen

Von CHRISTOPH SCHÄFER

17.03.2019 · Die Russen saufen, die Deutschen trinken und die Amerikaner leben eher enthaltsam? Stimmt nicht, sagt die Statistik. Diese und mehr nüchterne Fakten im neuen Teil unserer Serie.

M ag es im internationalen Fußball noch so schlecht laufen, mögen die heimischen Handynetze im globalen Vergleich noch so schlecht sein – beim Alkoholkonsum zählt Deutschland unverändert zur Weltspitze. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge trinken die Deutschen sogar mehr als Russen oder Bulgaren. Diese Information kann man verteufeln („Alkohol tötet!“) oder belächeln („Alkohol tötet langsam – wir haben also noch Zeit“), sie ist zunächst schlicht eine nüchterne Tatsache.

Wie unsere Weltkarte zeigt, haben die Deutschen allein im Jahr 2015 erstaunliche zwölf Liter reinen Alkohol konsumiert. Das ist mehr Flüssigkeit, als ein normaler Putzeimer fassen kann. Bulgaren trinken etwa einen halben Liter weniger, Russen liegen sogar 3,5 Liter darunter. Lediglich einige wenige Völker wie die Esten (16,6 Liter) und die Tschechen (12,8) trinken mehr als die Deutschen, die auf eine lange Tradition des Weinanbaus und das weltbekannte deutsche Reinheitsgebot stolz sind.

Allerdings basieren die meisten Trink-Angaben auf Umfragen, in denen die Menschen selbst angeben, wie viel Alkohol sie zu sich nehmen. Weil aber nur wenige Menschen freiwillig zugeben, dass sie sehr viel trinken, gehen Fachleute davon aus, dass de facto mehr getrunken wird, als in Umfragen behauptet. Diese Verzerrung, die Statistiker als Effekt der „sozialen Erwünschtheit“ bezeichnen, führt dazu, dass je nach gesellschaftlicher Akzeptanz des Trinkens die Verzerrung mal stärker und mal schwächer ausfällt. Studien wie die „Global Burden of Disease“ kommen deshalb mit anderen Methoden auf teils deutlich höhere Werte.

Übrigens: Schaut man nicht nur auf den reinen Alkohol, sondern auf alkoholische Getränke insgesamt, trinken die Deutschen natürlich deutlich mehr. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spricht von 136 Litern im Jahr, das entspricht einer schön gefüllten Badewanne.

Unstrittig ist hingegen, dass die Deutschen in den vergangenen Jahren immer weniger Alkohol getrunken haben. Während der Verbrauch reinen Alkohols bis zum Jahr 1976 nahezu kontinuierlich auf 17,2 Liter stieg, geht er seitdem ebenso gleichmäßig zurück.

Obwohl die Deutschen insbesondere beim Bier die eine oder andere Flasche weniger trinken, ist das hopfenhaltige Kaltgebräu noch immer das beliebteste alkoholische Getränk. Von den zwölf Litern reinen Alkohol, den die Deutschen durchschnittlich im Jahr trinken, war etwas mehr als jeder zweite Tropfen ursprünglich in einem Bier enthalten, jeder vierte Tropfen hingegen in Wein. Der Rest stammt aus Spirituosen.

Auch wenn immer mal die Forderung laut wird, Alkohol müsse teurer werden und die Bierpreise in den vergangenen Jahren gefühlt recht deutlich gestiegen sind – in den Daten des Statistischen Bundesamtes spiegelt sich dies nicht wider:

Unter den Spirituosen liegt der Wodka klar vorne. Umgerechnet auf herkömmliche Wasserflaschen mit 0,7 Liter Inhalt haben die Supermärkte im vorletzten Jahr knapp 72 Millionen Flaschen der farblosen Spirituose verkauft. Deutlich seltener auf dem Kassenband liegen Halbbitterliköre (52 Millionen Flaschen), Fruchtliköre (32) und Rum (29).

Auch das deutsche Jugendschutzgesetz unterscheidet zwischen Bier, Wein und Sekt auf der einen Seite und „anderen alkoholischen Getränken“ auf der anderen. Damit sind fast ausschließlich Spirituosen mit einem Alkoholgehalt von mindestens 15 Prozent gemeint. Wer jünger als 14 Jahre ist, für den ist Alkohol tabu. Er darf ihn weder konsumieren noch kaufen. Mit 14 und 15 Jahren darf ein Jugendlicher Bier, Wein oder Sekt trinken, aber auch nur diese – und nur, wenn ein Sorgeberechtigter dabei ist und es ausdrücklich erlaubt.


Von 16 Jahren an dann dürfen Jugendliche Bier, Wein oder Sekt selbst kaufen und auch trinken. Hochprozentiges aber ist weiterhin tabu, egal ob die Eltern anwesend sind oder nicht. Mit 18 Jahren ist man volljährig und darf auch harte Spirituosen trinken. Gerade mit Blick auf Alkohol bilden diese Regeln aber nicht die Realität ab. Dem „Alkoholatlas Deutschland“ zufolge wurden im Jahr 2015 fast 15.000 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht.

Auch unter Erwachsenen hat Alkohol bisweilen üble Folgen. Die Bundes-Psychotherapeutenkammer quantifiziert die Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland in ihrem Standpunkt „Alkohol – die legale Droge“ auf 39,3 Milliarden Euro. Davon entfallen 9,15 Milliarden Euro auf direkte Kosten, wie beispielsweise für Medikamente, Rehabilitationsmaßnahmen und Pflegeleistungen. Zu den indirekten Kosten gehören hingegen die alkoholbedingten Produktivitätsausfälle in der Volkswirtschaft, das heißt die Güter und Dienstleistungen, die aufgrund von Krankheit, vorzeitigem Tod oder alkoholbedingter Arbeitslosigkeit nicht hergestellt werden.

Umgekehrt kennt jeder natürlich auch Menschen, die gar keinen Alkohol trinken. Von den Suchtpräventionsstellen werden sie als Vorbild gesehen, von angetrunkenen Partygästen als Spaßbremsen verunglimpft, von Mitfahrern als tolle Gelegenheit geschätzt. Nach Angaben der WHO hat etwa jeder zwanzigste deutsche Mann noch nie Alkohol getrunken (4,3 Prozent), jeder sechste konsumierte in den vergangenen zwölf Monaten keinen. Unter den Frauen sind die Quoten der Nicht-Trinker nur etwas höher (6,6 und 14,9 Prozent).

Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)
Quellen: WHO, Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure e. V., Bundes-Psychotherapeuten-Kammer, Bundes-Psychotherapeuten-Kammer, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 17.03.2019 12:06 Uhr