https://www.faz.net/-gqe-7zgrn

Rückfahrt nach Sofia : Im Bus mit Wanderarbeitern

Hin und her, hin und her: Von Bulgarien nach Deutschland fahren an jedem Tag mehrere Reisebusse. Sie bringen Wanderarbeiter für die Wirtschaft. Bild: Reuters

In Deutschland ernten sie Spargel, pflegen Alte oder setzen Samen in die Erde. Dann fährt der Bus zurück nach Sofia. Die Frauen aus Bulgarien haben Weichspüler, Bratpfannen und Lebensweisheiten im Gepäck. Eine Rückfahrt mit Wanderarbeitern.

          Auf ihrer langen Reise hat Karina drei Bratpfannen, fünf Kilo Schokolade und einen Koffer voll Lebensweisheiten dabei. „Du kannst arm sein und glücklich, aber dafür brauchst du Talent. Einfacher ist es, reich und glücklich zu sein.“ Karina weiß, wovon sie spricht, denn sie war schon oft arm und auch schon oft reich. Ihr Leben schwankt hin und her, genau wie der Bus, in dem sie jetzt sitzt und der sie nach Hause bringen soll. Zwei Monate war sie in Deutschland und arbeitete bei einem Unternehmen, das Erdbeer- und Himbeerpflanzen produziert. Die Wohnung war teuer, die Zigaretten auch. In Deutschland, trotz gutem Verdienst, fühlte Karina sich arm. Dann stieg sie an diesem Morgen in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen in den Bus. In 30 Stunden, das wusste sie, würde sie wieder reich sein.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Karina ist 42 Jahre alt, sie hat ein paar Ohrlöcher und ein paar Kinder, sogar schon Enkel. Sie alle wohnen in Bulgarien in einem dreistöckigen Haus, an dem der Bruder mal das Dach repariert, der Sohn den Kleiderschrank wieder zusammenflickt. Es braucht viele starke Männerhände, wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht. Und eine Frau, die Euro nach Hause bringt.

          Deutschland braucht diese Arbeiterinnen

          Deswegen quetscht sich Karina alle paar Monate in Plowdiw, zwei Stunden hinter Bulgariens Hauptstadt Sofia, auf den Sitz eines Reisebusses, zwischen Taschen, Koffer und Plastiktüten. Ob es nach Deutschland, in die Niederlande oder nach Österreich geht, ist ihr egal. Hauptsache in den Westen. Wo es Arbeit gibt. Und Weichspüler. Den bringt sie, wenn sie nach zwei Monaten zurückkommt, auch oft kiloweise mit. Denn, noch eine von Karinas Lebensweisheiten: „Wo es Weichspüler gibt, geht es den Menschen gut.“

          Wenn es kalt wird in der Nacht, helfen Decken

          Dieser Reichtum in kleinen und großen Dingen zieht die Menschen an, nicht nur Karina. Jeden Tag fahren unzählige Reisebusse auf den Autobahnen und Landstraßen von Rumänien, Ungarn oder Polen in den Westen, um Männer und Frauen zu den Arbeitsplätzen zu bringen, die viele Deutsche, Franzosen oder Belgier nicht mehr haben wollen. Zu anstrengend, zu schlecht bezahlt. Ohne die Menschen aus Osteuropa könnten sie den Betrieb einstellen, sagen die Arbeitgeber von Karina und vielen anderen modernen Wanderarbeitern. Die Wahrheit ist auch, dass es den Arbeitgebern oft sehr gut geht, weil es die Wanderarbeiter gibt. Trotzdem ärgert sich Karina nicht, dass sie diesmal wieder nur einen Vertrag über zwei Monate bei dem Pflanzenunternehmen in Nordrhein-Westfalen bekommen hat und wieder einmal zurück in ihre Heimat pendeln muss. Sie freut sich jetzt vielmehr, ihre Kinder und Enkel zu sehen. Und sie weiß ja, dass sie wahrscheinlich wiederkommen wird, wiederkommen muss, damit die deutsche Wirtschaft läuft. „Ohne uns“, sagt Karina und reckt ein wenig das Kinn, „gäbe es im Sommer keine Erdbeeren.“

          Das ist der Stolz dieser Frauen. Manche sind jung, manche sind alt, manche haben glatte Haut, manche Falten. Alle haben die Lippen rot geschminkt. Die Haare sind blond, braun und rot, ein paar Frauen haben sich beim Friseur Strähnchen machen lassen. Ihre Jogginghosen haben zwei statt drei Streifen, die Glitzersteine auf ihren Handtaschen sind nur aufgeklebt. In Deutschland, sagen sie, sei alles so ordentlich und aufgeräumt. Sie meinen das als Kompliment. Aber es klingt auch ein bisschen ungemütlich. „Die Deutschen sind gute Menschen, aber immer ein bisschen kalt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.