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Illustration: Katharina Hofbauer
Schneller Schlau

Privatschulen sind in Deutschland fast so beliebt wie in Amerika

Von BASTIAN BENRATH, Grafiken: JENS GIESEL, OLIVER SCHLÖMER · 14. Juni 2021

Seit Jahrzehnten kehren mehr und mehr Schüler öffentlichen Schulen den Rücken. Das hat auch mit dem Staat zu tun – denn in einigen Regionen haben Schüler kaum eine andere Wahl als eine Privatschule.

E

s gibt kaum ein Thema in der öffentlichen Debatte, das so emotional beladen und deshalb auch so politisch umkämpft ist wie die Bildungspolitik. Abitur in 12 oder 13 Jahren, Gesamtschulen oder dreigliedriges Schulsystem: Generationen von Schülern haben Bildungsreformen über sich ergehen lassen müssen, die nicht selten dazu führten, dass der kleine Bruder in einem anderen System zur Schule ging als die große Schwester. Bei aller Diskussion über das öffentliche Schulsystem gerät aber ein Trend aus dem Blick, der sich in den vergangenen drei Jahrzehnten im Stillen vollzogen hat: Immer mehr Schüler in Deutschland gehen auf Privatschulen. 

Während im Jahr 1960 kaum drei Prozent der Schüler in Deutschland auf eine Privatschule gingen, waren es 1992 schon fast fünf Prozent. Inzwischen besucht fast jeder zehnte Schüler in Deutschland eine Privatschule (9,4 Prozent). Das ist beinahe so viel wie in den USA, wo das private Schulwesen eine deutlich prominentere Rolle in der Schullandschaft einnimmt. Dort liegt die Quote seit Jahren stabil bei rund 10 Prozent.

 Dass mehr Schüler Privatschulen besuchen, hat aber nicht nur mit ihrer steigenden Beliebtheit zu tun. Ebenso werden auch immer mehr öffentliche Schulen geschlossen, gerade auf dem Land. Während sich die Zahl der Privatschulen in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt hat und inzwischen mehr als eine Million Schüler Privatschulen besuchen, wurde im selben Zeitraum jede fünfte öffentliche Schule dichtgemacht.

Wilfried W. Steinert hat die Schließung kleiner Schulen auf dem Land selbst miterlebt – er ist ehemaliger Schulleiter einer Schule im brandenburgischen Templin. „In Finnland hat die kleinste Schule vier Schüler“, sagt er. „In Deutschland hingegen schließt man Schulen, sobald festgelegte Schülerzahlen nicht mehr erreicht werden.“ Seit der Wiedervereinigung sei dieser politisch gewollte Trend zu beobachten. Die notwendigen Klassengrößen variieren von Bundesland zu Bundesland. In Hessen und Bayern muss eine Schule um ihre Existenz bangen, sobald sie nicht mehr auf mindestens 13 Schüler je Klasse kommt. 

Dass staatliche Schulen geschlossen und zusammengelegt werden, ist eine logische Folge davon, dass in Deutschland weniger Kinder geboren werden: Nach den geburtenstarken Jahrgängen der sechziger Jahre ist die Geburtenzahl in Deutschland bislang nicht wieder signifikant angestiegen. Privatschulen füllten dann oftmals die Lücken, sagt Steinert. Insofern verwundert es nicht, dass seit der Jahrtausendwende insbesondere private Grundschulen gegründet werden, wie die Bundeszentrale für politische Bildung exemplarisch für Niedersachsen ermittelt hat.

Vom Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) ist dieselbe Diagnose zu hören, insbesondere mit Verweis auf Ostdeutschland. Dort seien Privatschulen gegründet worden, „da sich der Staat als Schulträger aus der Fläche zurückzog und die privaten Schulen vielerorts den Platz einnahmen“, sagt VDP-Präsident Klaus Vogt. Die Neugründungen im Osten nach der Wende seien der Hauptgrund für die steigende Zahl der Privatschulen in ganz Deutschland. Da in der DDR private Schulen nicht erlaubt waren, sei das auch ein Nachholeffekt. Dazu passt, dass in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern inzwischen bundesweit anteilig die meisten Kinder auf Privatschulen gehen.

Die meisten Privatschulen in Deutschland sind nicht etwa Waldorfschulen, sondern kirchliche Schulen. Katholische und evangelische Kirche tragen etwa mit gleichem Anteil die meisten. 

Bleibt die Frage der Kosten. In den USA ist es tatsächlich so, dass die Höhe der Schulgebühren weite Teile der Bevölkerung von Privatschulen faktisch ausschließt. Durch die Art und Weise, wie das Vermögen in Amerika verteilt ist, führt das auch dazu, dass zwei Drittel der Schüler an Privatschulen weiße Hautfarbe haben. 

In Deutschland verbietet Artikel 7 des Grundgesetzes die Gründung von Privatschulen, die eine „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern“ fördern. Dennoch sind die Dynamiken ähnlich: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass es vor allem Akademiker sind, die ihre Kinder überdurchschnittlich häufig auf Privatschulen schicken. In den alten Bundesländern gehen 17 Prozent der Kinder aus Akademikerhaushalten auf Privatschulen, im Osten sind es sogar 23 Prozent. Die Quote hat sich seit 1995 im Westen mehr als vervierfacht, im Osten sogar knapp versiebenfacht.

Wie also verhindert man im Sinne des Grundgesetzes, dass Privatschulen nur Privilegierten offenstehen? Damit haben sich in der Vergangenheit mehrfach Gerichte beschäftigt. Grundsatz ist, dass jedes Kind sie ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Eltern besuchen können soll. Das sei gewährleistet, wenn das monatliche Schulgeld 120 Euro im Monat – also 1440 Euro im Jahr – nicht übersteigt, urteilte etwa der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg im Jahr 2005. 

Einen so niedrigen Satz zahlen aber nicht alle Eltern von Privatschülern, sondern im Durchschnitt nur solche, deren Jahreseinkommen unter 50.000 Euro liegt. Da ein Teil des Schulgeldes von der Steuer abgesetzt werden kann, lässt sich dies an der Auswertung von Steuererklärungen ablesen. Eltern, die mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen, zahlten mehr als das Doppelte. 

Dass Privatschulen ihr Schulgeld folglich in der Regel nach dem Einkommen staffeln, führt dazu, dass 70 Prozent der Eltern weniger als 2000 Euro im Jahr bezahlten – eine Tatsache, die der Privatschulverband in seiner Kommunikation gerne in den Vordergrund stellt. Jedoch ist die Skala nach oben offen: 2,7 Prozent oder knapp 15.000 Eltern von Privatschülern bezahlten für den Schulbesuch ihrer Kinder mehr als 10.000 Euro im Jahr. 


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 13.06.2021 16:00 Uhr