https://www.faz.net/-gqe-a8sco
Illustration Johannes Thielen
Schneller Schlau

Pink ist eine teure Farbe

Von STEFANIE DIEMAND, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 1. März 2021

Frauen zahlen mehr für Drogerieprodukte und beim Friseur. Mit Preisdiskriminierung hat das aber in den wenigsten Fällen zu tun.

I

n den Drogerien und Discountern hat der Kunde oft die Qual der Wahl. Es gibt mehrere Gesichtscremes, mehrere Waschmittel und sowieso eine riesige Produktvielfalt. Zwei Sets an Rasierklingen aber sind sehr interessant. Das eine ist blau, das andere pink. Beide Packungen enthalten sechs Rasierklingen, sind von der gleichen Marke und sollen die Haut des Kunden pflegen. Es handelt sich um zwei gleiche Produkte – aber mit zwei unterschiedlichen Preisen. Während die blauen Rasierklingen, die Männer ansprechen sollen, 3,89 Euro kosten, werden für die rosa Klingen 4,49 Euro fällig.

Es erscheint zunächst absurd, wenn zwei bis auf die Farbe identische Produkte im gleichen Laden für unterschiedliche Preise verkauft werden. Aber ist das auch immer diskriminierend? Das sogenannte „Gender Pricing“ oder auch „Pink Tax“ verärgert Konsumenten. Gender Pricing – oder auch Preisbildung nach Geschlecht – wird in einem Forschungsbericht definiert als „das Verhalten von Anbietern, gleiche oder sehr ähnliche Leistungen mit unterschiedlichen Preisforderungen für Frauen und Männern zu versehen“.



Für Verbraucher mag mit einem Blick in das Drogerieregal die Sache klar zu sein: Frauen zahlen mehr. Ähnlich prüfte auch die Verbraucherzentrale in Hamburg Anfang 2019 stichprobenartig einzelne Ladengeschäfte. Dort zeigte sich, dass Käufer der weiblichen Produktvariante draufzahlen mussten. Jedoch waren die Ergebnisse nicht repräsentativ.

Die Drogeriemärkte Rossmann und DM versichern, ihre Produktpreise nicht nach geschlechtsspezifischen Merkmalen auszurichten. Kerstin Erbe, die als Geschäftsführerin für das Ressort Produktmanagement verantwortlich ist, erklärt, dass die unterschiedlichen Preise bei den Einwegrasierern auf die verschiedenen Verpackungen und auf die unterschiedlichen Mengen zurückgeführt werden könnten. Durch eine höhere Zahl an Abverkäufe könnten Produkte zu einem niedrigeren Preis angeboten werden, heißt es auch von einem Rossmann-Sprecher. „Dahinter steckt keine diskriminierende Systematik, sondern eine laufend angepasste Preisfindung.“



Der erste große Forschungsbericht über Preisdifferenzierung nach Geschlecht in Deutschland wurde von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegeben. Die Wissenschaftlerinnen Iris an der Heiden und Maria Wersig fanden bei 1682 gleichartigen Produkten nur bei knapp 3,7 Prozent ungleiche Preise. Während in 2,3 Prozent der Fälle Frauen mehr für die weibliche Variante des Produktes bezahlten, mussten in 1,4 Prozent der Fälle Männer draufzahlen.

Bei Dienstleistungen gab es größere Preisunterschiede. Von insgesamt 381 untersuchten Dienstleistungen hatten 59 Prozent unterschiedliche Preise – 50 Prozent waren für Frauen und 9 Prozent für Männer teurer. Zu Dienstleistungen zählen zum Beispiel der Besuch beim Friseur oder auch die Reinigung eines Kleidungsstücks.



Maria Wersig von der Hochschule in Hannover suchte auch das Expertengespräch mit Branchenvertretern. Diese verwiesen auf den größeren Dienstleistungsaufwand für Frauen oder eine besondere Beratung für Pflegeprodukte, die Frauen angeblich erwarten würden. Dies seien Kriterien, die in den Preis einfließen könnten, „auch ohne eine pauschale Bezugnahme auf die Kategorie Geschlecht“. Allerdings: In Österreich gebe es im Gegensatz zu Deutschland in vielen Dienstleistungsbereichen Unisex-Preise. „Und das Abendland ist nicht untergegangen.“

Das Vergleichsportal Idealo untersuchte am Valentinstag 2019 die Preise für Frauen- und Herren Düfte. Dabei kostete ein Parfum für Frauen im Durchschnitt mehr. Allerdings ist auch hier der Vergleich schwierig, da Düfte in der Regel nicht identisch sind. Das Portal vermutet, dass Frauen bereit sind, mehr für ein Parfum zu bezahlen. Die Zahlungsbereitschaft beeinflusst auch die Werbung, die zum Kauf anregen soll. „Generell spielt es eine große Rolle, ob die Zielgruppe eher ein hohes Grundinteresse am Produkt mitbringt und damit vielleicht auch entsprechende Sachkenntnis oder nicht“, sagt Marion Halfmann, Professorin für BWL, Marketing und Vertrieb von der Hochschule Niederrhein.



Auch international wird über die Preisgestaltung diskutiert. Eine Studie der Universität Rice in Texas kam zu dem Schluss, dass die sogenannte „Pink Tax“ in den Ländern niedrig ist, in denen mehr Frauen in politischen Ämtern sitzen. Das würde bedeuten, dass politische Repräsentation einen direkten Einfluss auf mögliche Preisdiskriminierung hätte. Für dieses Ergebnis untersuchten die Forscher die verschiedenen Importzölle in den Ländern. Importeure mussten für Kleidung von Frauen im Durchschnitt 0,7 Prozent mehr bezahlen als für das Männerpendant. 



Eine heiß diskutierte Steuer ist auch die sogenannten Tamponsteuer. Während Verbraucher Pink-Tax zumindest theoretisch vermeiden können, indem sie das preisgünstige Äquivalent kaufen, ist das bei der Tamponsteuer nicht möglich. Lange Zeit mussten deutsche Verbraucherinnen 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Hygieneartikel wie Tampons bezahlen. Im vergangenen Jahr wurde der Satz auf 7 Prozent gesenkt. In der Grafik finden sich die Länder mit reduziertem Steuersatz für Periodenprodukte in Europa. Das Schlusslicht in Europa in Sachen Tamponsteuer ist übrigens Ungarn, dort wird eine Mehrwertsteuer von rund 27 Prozent für Hygieneartikel erhoben.



Generell fallen für Menstruationsprodukte und Verhütungsmittel im Lauf des Lebens hohe Kosten an. Die Grafik berechnet diese nur beispielhaft. Andere Berechnungen setzen die Kosten noch höher an. Auch in Deutschland fordern Vereine, dass Tampons und Binden auf öffentlichen Toiletten zur Verfügung gestellt werden sollen. Laut einer Umfrage der britischen „Huffington Post“ gibt eine Verbraucherin im Laufe ihres Lebens rund 18.450 Pfund (rund 20.700 Euro) für Periodenprodukte aus.


Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge
SCHNELLER SCHLAU Afrika liefert, Peking bezahlt
SCHNELLER SCHLAU Fleischersatz hat es schwer

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.03.2021 11:56 Uhr