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Schneller Schlau

Werden wir alle zum Ersatzteillager?

Von BASTIAN BENRATH, Grafik: JENS GIESEL · 22.05.2019

Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist niedrig. Zu niedrig, finden Fachleute und Gesundheitsminister Jens Spahn. Doch auch dessen tiefgreifender Reformvorschlag löst nicht alle Probleme.

D er Mann, der in Deutschland die Organtransplantation auf den Kopf oder – je nach Blickwinkel – vom Kopf auf die Füße stellen will, ist erst 39 Jahre alt. Er heißt Jens Spahn, ist Bundesgesundheitsminister der CDU, katholisch und kommt aus dem konservativen Westmünsterland. Alles nicht unbedingt Voraussetzungen dafür, im Gesundheitssystem eine seit Jahrzehnten geltende ethische Norm umzustoßen. Und dennoch versucht er im Moment genau das.


Die Debatte um die Organspende ist eine über Ethik und Werte. Deshalb wird sie ideologisch und zuweilen aufgeheizt geführt. Doch es gibt durchaus Fakten, die man messen, abbilden und sich anschauen kann. Jenseits der Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss, wollen wir das hier tun.

Der Vergleich von Warteliste und durchgeführten Transplantationen zeigt: Es gibt in Deutschland zu wenig Organspenden, um alle Menschen, die ein neues Organ brauchen, versorgen zu können. Das führt dazu, dass schwerkranke Menschen teils jahrelang auf ein Spenderorgan warten müssen. Für einen Teil von ihnen ist das zu lang: Nach Angaben des Gesundheitsministeriums stirbt alle acht Stunden ein Mensch, weil nicht rechtzeitig ein Spenderorgan für ihn gefunden wurde.

Zudem sinkt die Zahl der Organspenden in Deutschland. Erst im vergangenen Jahr ging sie wieder etwas nach oben, blieb aber weiter unter den Werten vom Anfang dieses Jahrzehnts. Das wird nach einem Organspendeskandal vor einigen Jahren häufig mit dem mangelnden Vertrauen der Menschen in das Transplantationssystem erklärt. Doch es gibt auch noch eine Reihe anderer Gründe.

Deutschland liegt nach der Zahl der Organspenden im Vergleich mit anderen europäischen Ländern auf dem letzten Platz. Während im statistisch führenden Land Spanien auf eine Million Einwohner knapp 47 Menschen kommen, die Organe spendeten, waren es in Deutschland im Jahr 2017 unter zehn – weniger als ein Viertel davon. Seitdem ist es etwas besser geworden, doch das Gesamtbild hat sich nicht verändert. Stehen Deutsche der Organspende also skeptischer gegenüber als Spanier? Umfragen zur grundsätzlichen Bereitschaft, Organe zu spenden, zeichnen ein interessantes Bild.

Es zeigt sich: Ja, die Deutschen sind zurückhaltender – aber der Unterschied in der Meinungsumfrage ist deutlich geringer als der in den realisierten Organspenden. Es muss also noch einen weiteren Grund geben.


Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem die „Entscheidungslösung“ gilt. Das heißt, man muss sich bewusst dafür entscheiden, Organspender zu werden. In anderen Ländern gilt dagegen die „Widerspruchslösung“. Das heißt jeder, der nicht widersprochen hat, wird nach seinem Tod automatisch zum Organspender. Auch in diesen Ländern haben die Angehörigen des Verstorbenen allerdings häufig ein Widerspruchsrecht. Die andere Rechtslage hat einen deutlichen Einfluss auf die Zahl der Organspender.

In der Bezeichnung des deutschen Modells steckt ein wenig Marketing. Denn genau genommen ist die „Erweiterte Zustimmungslösung“, wie sie in Ländern wie Dänemark und der Schweiz praktiziert wird, kaum anders als die deutsche Regelung. In beiden Fällen ist die dokumentierte Zustimmung des Verstorbenen notwendig für eine Organspende. Wenn der unumkehrbare Hirntod eines Menschen festgestellt wird, schauen die Ärzte dafür nach einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung.


Hat die Patientin oder der Patient nicht selbst auf diese Weise entschieden, werden seine nächsten Angehörigen gefragt und können entscheiden. Das sind Ehe- oder eingetragene Lebenspartner, volljährige Kinder, Eltern, Geschwister oder Großeltern. Sie sind gesetzlich angehalten, im Sinne des Willens des Verstorbenen zu entscheiden – nicht nach ihrer eigenen Meinung zur Organspende. Der hauptsächliche Unterschied des deutschen Modells besteht darin, dass hier zusätzlich die Krankenkassen ihren Mitgliedern alle drei Jahre Infomaterial zum Thema Organspende zuschicken. Damit verbunden ist die Bitte, sich zu entscheiden. So soll das System darauf hinwirken, dass jeder Mensch sich zu Lebzeiten für oder gegen die Organspende entscheidet.

Der Erfolg dieses Ansatzes hält sich jedoch in Grenzen. Einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge hat nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen bislang die Entscheidung getroffen, ob sie oder er Organspender sein will oder nicht.

Ein weiterer Engpass ist, dass die Entscheidung erst dann wirksam ist, wenn sie auch niedergeschrieben wurde. Das heißt, selbst wenn jemand seine Entscheidung getroffen hat, kann er trotzdem kein Organspender werden, wenn er keinen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung ausgefüllt hat. Alle diese Faktoren lassen die Zahl der potentiellen Organspender in Deutschland deutlich zusammenschrumpfen.

Die Überschlagsrechnung zeigt, dass von den 83 Millionen Deutschen nur rund ein Viertel als potentielle Spender übrigbleibt, von denen zudem regelmäßig ein Großteil aus medizinischen oder sonstigen Gründen als Spender nicht infrage kommt. Dass die Zahl der potentiellen Spender so gering ist, liegt maßgeblich daran, dass sich knapp die Hälfte der Bevölkerung nicht entscheidet – und deshalb vom deutschen Recht so behandelt wird, als hätten sie sich dagegen entschieden.

Gesundheitsminister Jens Spahn Foto: EPA

An dieser Stelle setzt der Gesetzentwurf an, den Jens Spahn in den Bundestag eingebracht hat. Er will das deutsche System von der Entscheidungslösung auf eine „doppelte Widerspruchslösung“ umstellen. Denn Systeme mit Widerspruchsregelung weisen deutlich höhere Transplantationszahlen auf – siehe etwa Spanien. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel. „Doppelt“ soll die Widerspruchslösung sein, weil zwar jeder automatisch zum Organspender werden würde, aber selbst zu Lebzeiten widersprechen könnte und auch seine Angehörigen nach dem Tod noch ein Recht dazu hätten.


Das würde dann etwa den Modellen von Belgien, Norwegen und Finnland entsprechen. Kritik, es bürde so jedem Deutschen eine „Organabgabepflicht“ auf, lässt Spahn nicht gelten. „Eine Pflicht, zu der man konsequenzlos ‚nein’ sagen kann, ist keine Pflicht“, schreibt er in einem Gastbeitrag für FAZ.NET. „Was stimmt: Es wäre eine Pflicht zu aktivem Freiheitsgebrauch.“

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen und Katja Kipping, Parteivorsitzende von Die Linke Foto: dpa

Dem entgegen steht ein anderer Gesetzentwurf, den eine Gruppe von Abgeordneten um die Vorsitzenden von Grünen und Linken, Annalena Baerbock und Katja Kipping, vorgelegt haben. Sie wollen das bisherige System im Grundsatz beibehalten und die Bürger bei der Verlängerung ihres Personalausweises von den Bürgerämtern auf die Organspende ansprechen lassen. Zudem sollen ihre Entscheidungen zentral in einem Online-Register zusammengetragen werden, um die Dokumentation zu erleichtern und so die Zahl der undokumentierten Entscheidungen zu verringern.


Auch eine neue Rechtslage würde aber nicht alle Probleme des deutschen Systems lösen. Denn ein nicht zu unterschätzender Engpass sind auch die Kliniken, in denen Spendern Organe entnommen werden können. Laut Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), ist das Personal dort häufig überlastet, sodass an eine Organspende nicht gedacht wird. „In Deutschland ist Organspende noch immer zu sehr vom individuellen Engagement einzelner Ärzte in den Kliniken abhängig“, sagt Rahmel.

Von anderen Fachleuten hört man zudem, dass Transplantationen zu ermöglichen nicht weit oben auf der Prioritätenliste vieler Ärzte steht – zumal das zusätzlichen Aufwand für das Krankenhaus bedeutet. Mehr als die Hälfte der 1250 qualifizierten Entnahmekliniken meldete zuletzt gar keine potentiellen Spender an die DSO. Einige Fachleute plädieren deshalb dafür, die Zahl der Entnahmekrankenhäuser zu reduzieren und stattdessen weniger und dafür mehr auf Organentnahme spezialisierte Kliniken zu schaffen.


Bis eine neue gesetzliche Regelung kommt, wird es noch dauern. Die beiden Gesetzentwürfe wurden noch nicht in den Bundestag eingebracht. Beobachter rechnen damit, dass das Parlament wahrscheinlich erst im September zum ersten Mal über die Vorschläge beraten wird. Die Debatte wird uns also wohl noch eine Weile beschäftigen.

Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)
Quellen: Deutsche Stiftung Organtransplantation, Ipsos (Global View of Healthcares 2018), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Eurotransplant, Statistisches Bundesamt


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 05.05.2019 15:03 Uhr