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Illustration: Jens Giesel / Foto: Plainpicture
Schneller Schlau

Von der süßen Versuchung zum süßen Gift

Von STEFANIE DIEMAND, Grafiken: JENS GIESEL · 26. April 2021

Zucker findet sich in vielen Lebensmitteln, auch wo man ihn nicht erwartet. Das hat Folgen – für jeden einzelnen und die Gesellschaft.

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accharose, Glukosesirup, Maltodextrin: Würde man sich die Zutatenliste vieler alltäglicher Lebensmittel auf der Zunge zergehen lassen, würde das ziemlich süß schmecken. Denn hinter all diesen Begriffen verbirgt sich nichts anderes als Zucker. Der verbirgt sich in vielen Produkten, auch in solchen, wo man ihn nicht erwartet und häufig auch nicht haben will. Denn dass zu viel Zucker nicht gesund ist, ist lange bekannt. Statt von der „süßen Versuchung“ ist immer häufiger vom „süßen Gift“ die Rede. Zu den prominenten Zucker-Gegnern zählt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Ihr Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagt mit der „Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie“ nicht nur Fett und Salz den Kampf an, sondern auch dem Zuckeranteil in unseren Nahrungsmitteln. Dazu zählt zum Beispiel das Ziel, den Zuckergehalt in Frühstückscerealien für Kinder bis zum Jahr 2025 um 20 Prozent zu reduzieren. 

Dass hierzulande zu viel Zucker gegessen wird, kann man daran ablesen, dass immer mehr Menschen in Deutschland übergewichtig sind. Menschen, die zu viel Zucker konsumieren, haben auch ein höheres Risiko für Adipositas genannte Fettleibigkeit, wie zuletzt wieder der AOK Bundesverband hervorhob. Natürlich lässt sich Übergewicht nicht allein auf den Zuckerkonsum oder andere Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen, auch Stress oder schlechte Schlafgewohnheiten spielen eine Rolle. Trotzdem zweifelt kaum jemand daran, dass zu viel Süßes dick macht.

Übergewicht wiederum erhöht das Risiko für andere Krankheiten: „Den stärksten Effekt auf das Diabetesrisiko hat zweifellos Übergewicht und Adipositas“, sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner. Er leitet das Institut für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München und ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Stiftung. Je höher die Body-Mass-Index (BMI) genannte Kenngröße für Gewicht im Verhältnis zur Größe sei und je länger dieser Zustand anhalte, desto stärker steige das Diabetesrisiko. In Deutschland leiden mindestens 8 Millionen Menschen an Diabetes, die Dunkelziffer gilt als hoch.

Obwohl den meisten Menschen das Risiko eines hohen Zuckerkonsums durchaus bekannt ist, mögen es die Deutschen weiterhin gerne süß. Im jährlichen Ernährungsreport des Ministeriums geben gut 90 Prozent an, dass Sie darauf achten, sich gesund zu ernähren. Dass gute Vorsätze nicht immer in die Tat umgesetzt werden, lassen aber die konstant hohen Umsatzzahlen der Süßwarenindustrie vermuten, die in den vergangenen Jahren nur leicht zurückgegangen sind. Noch deutlicher wird es beim Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker in Deutschland: Im Jahr isst jeder Deutsche rund 34,6 Kilogramm. Das entspricht einer täglichen Menge von rund 95 Gramm – beinahe doppelt so viel wie die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation von maximal 50 Gramm. Nicht darunter zählt die WHO Obst oder Gemüse, die natürlichen Fruchtzucker enthalten. Davon essen viele Deutsche zu wenig.

Trotzdem ist es nicht einfach, dem Zucker beim Lebensmitteleinkauf aus dem Weg zu gehen. Denn Zucker ist in fast allen Lebensmitteln enthalten. „Nahezu 80 Prozent aller Fertiglebensmittel aus dem Supermarkt beinhalten hierzulande zugesetzten Zucker“, sagt Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im AOK-Bundesverband. Besonders Schwierig sei für den Konsumenten, dass er den Zucker aufgrund der verschiedenen Begrifflichkeiten nicht immer erkenne. Wer einmal durch den Kühlschrank streift, wird Zucker in allerlei Speisen und Getränken entdecken. So kann eine Tafel Zartbitter-Schokolade gut 14 Zuckerwürfel enthalten, während ein halber Liter Apfelschorle mit 10 Zuckerwürfeln ins Gewicht fallen kann. Die Empfehlung der WHO – umgerechnet etwas mehr als 15 Zuckerwürfel pro Tag – wird damit schnell überschritten. 

Auf die Frage, warum überhaupt so viel Zucker in Lebensmitteln enthalten sei, gibt Kolpatzik eine überraschende Antwort: Für die Industrie sei Zucker ein sehr günstiger Rohstoff. „40 Gramm Zucker je 100 Gramm Produkt, wie beispielsweise in Frühstückscerealien, kosten gerade einmal einen Cent“, sagt er. Der Weltmarktpreis für Zucker schwankt zwar stark, was sich häufig auf die Erntesaison zurückführen lässt, doch grundsätzlich ist er seit einem Hoch im Jahr 2010 und 2011 stark gesunken. Die Grafik zeigt den Preis für Weißzucker an der Agrarterminbörse in London seit Anfang 2000.

Gerade den Kleinsten will das Ernährungsministerium beibringen, dass nicht immer alles zuckersüß sein muss. Deshalb soll der Zuckergehalt in Kinder-Frühstückscerealien bis zum Jahr 2025 deutlich reduziert werden. Denn das Supermarkt-Regal bietet bislang allerlei Zucker an: Ganze 99 Prozent der untersuchten Ceralien für Kinder entsprachen in einer AOK-Studie nicht einer WHO-Richtlinie. Diese empfiehlt, dass Cerealien maximal 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthalten sollten. Im Supermarkt finden sich sogar Cornflakes mit beinahe drei Mal so hohem Zuckergehalt. 

Die Produkte, die in der Studie am schlechtesten abschnitten, waren ausschließlich Ceralien für Kinder. Deshalb kritisiert die AOK zusammen mit anderen die Reduktionsstrategie von Ministerin Klöckner als nicht weit genug gehend. Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass die Lebensmittelkonzerne nicht zur Reduktion der Zuckergehalte verpflichtet werden. „Mit Freiwilligkeit kommen wir nicht weiter“, kritisiert Kolpatzik. Will man als Konsument selbst darauf achten , weniger Zucker zu sich zu nehmen, empfiehlt der Fachmann, regelmäßig frisch zu kochen und auf Fertiggerichte weitgehend zu verzichten. „Zudem lohnt sich ein genauer Blick auf die Nährwerttabelle auf den Produktverpackungen“, sagt Kolpatzik.

 

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.04.2021 15:23 Uhr