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Schneller Schlau

Kind oder Porsche

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafiken: JENS GIESEL · 22.08.2019

Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist? Unser „Schneller schlau“ kennt die Antworten.

D ie Mütter in Deutschland werden älter. Allerdings gilt das natürlich auch für männliche Singles und jedes andere noch lebende Wesen. Deshalb muss man an dieser Stelle präzise formulieren: In Deutschland steigt das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Im vorvergangenen Jahr war eine Erstgebärende im Durchschnitt schon 30,6 Jahre alt (30,5 Jahre in Ostdeutschland und 30,7 Jahre in Westdeutschland).

Kurz nach der Wende, im Jahr 1991, waren die Mütter noch deutlich jünger. In Ostdeutschland waren sie im Schnitt sogar knapp unter 25 Jahre alt, im Westen gerade mal 27,1 Jahre. Binnen etwas mehr als einer Generation hat sich der Zeitpunkt der Geburt in den meisten Familien also um dreieinhalb bis fünfeinhalb Jahre nach hinten verschoben – und der Osten hat sich dem Westen angeglichen.

Bemerkenswert ist auch, dass der Anteil der ausländischen Erstgebärenden in Deutschland auf ein Rekordhoch gestiegen ist. Im Jahr 1960 stammten gerade einmal 0,6 Prozent aller in Deutschland geborenen Kinder von einer ausländischen Mutter ab. Im vorvergangenen Jahr stiegt ihr Anteil auf 23,4 Prozent.

Unter den 784.884 Lebendgeborenen hatten 21.000 eine türkische Mutter, 18.000 eine Mutter aus afrikanischen Ländern und knapp 12.000 Kinder eine Mutter aus Polen. Die Zahl der italienischen Mütter sank auf 6500. Und trotz tausender Städtepartnerschaften, der engen politischen Bindung und der direkten Landesgrenze stammten gerade mal 1305 Kinder von einer französischen Mutter ab.

Interessant ist ferner, dass die durchschnittliche Kinderzahl auch stark vom Bildungsstand der Mutter abhängt. Dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden zufolge haben Mütter, die im Jahr 2016 zwischen 45 und 54 Jahre alt waren, im Durchschnitt 1,9 Kinder, wenn sie über einen hohen Bildungsabschluss verfügen. Im Fall eines mittleren Abschlusses sind es ebenfalls 1,9 Kinder. Mütter mit einem niedrigen Bildungsabschluss haben hingegen signifikant mehr Kinder, im statistischen Mittel 2,4.

Nach der „International Standard Classification of Education“ gilt als niedrige Bildung beispielsweise ein Haupt- oder Realschulabschluss ohne weitere berufliche Ausbildung. Wer Abitur oder einen berufsqualifizierenden Abschluss in der Tasche hat, gehört zum Mittelfeld. Für eine „hohe Bildung“ ist in dieser allgemein anerkannten Definition ein akademischer Abschluss oder ein Meister nötig.

Neu ist die Erkenntnis, dass ein niedriger Bildungsabschluss oft mit mehr Kindern einhergeht, allerdings nicht. Schon vor mehr als zehn Jahren gab es eine Diskussion darüber, ob „in Deutschland die Falschen die Kinder kriegen“. Damit meinte das frühere FDP-Vorstandsmitglied Daniel Bahr, dass auch Akademikerinnen bitte schön mehr Kinder bekommen sollten.

Aus Sicht der Rentenkasse, deren Grundgedanke es ist, dass junge und mittelalte Arbeitnehmer für die Bezüge der Senioren aufkommen, sind es in jedem Fall nämlich zu wenige Kinder, die in Deutschland geboren werden. Die einst „Alterspyramide“ genannte Darstellung der Bevölkerungsverteilung nach Jahren hat nichts mehr mit der Form einer Pyramide zu tun, die ein breites Fundament hat und gleichmäßig auf die Spitze zuläuft. Der derzeitige Aufbau der Bevölkerung in Deutschland erinnert mehr an eine zerzauste Wettertanne, für die Zukunft sieht es noch ungünstiger aus.

Ein wichtiger Grund dafür, dass nicht genug Kinder geboren werden, liegt im Finanziellen. Eine alte Binsenweisheit lautet „Kinder machen arm“. Daran hat sich trotz Elterngeld, höherem Kindergeld, Baukindergeld, kostenfreien Kitas und Kinderzuschlag nichts grundlegend geändert. Im Durchschnitt geben Eltern für ein Kind etwa 600 Euro im Monat aus, für Kleidung, Nahrung, Betreuung, Kino, Vereine oder Nachhilfe. Diverse Studien zeigen, dass der Staat den Eltern davon weniger als die Hälfte in Form von Steuerabschlägen und direkten Zahlungen (vor allem Kindergeld) erstattet. Bis zum 18. Geburtstag eines Einzelkindes fallen Kosten von mehr als 140.000 Euro an. Manche Väter und Mütter kennen das Bonmot „Kind oder Porsche“ – einen wahren Kern hat es unbedingt.

Im Gegenzug für finanzielle Einbußen erhalten Eltern allerdings unschätzbare emotionale Momente. Deshalb sagen zwei von drei Eltern, dass man Kinder braucht, um wirklich glücklich zu sein. Auch in der Gesamtbevölkerung überwiegt diese Einschätzung klar: Nur 37 Prozent der Befragten schließen aus, dass Kinder für wirkliches Glück notwendig sind.


Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 22.08.2019 13:18 Uhr