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Illustration: Gabriel Rinaldi
Schneller Schlau

Wie Inflation funktioniert

Von MARTIN HOCK, Grafiken: GABRIEL RINALDI · 6. April 2021

Gerade in Deutschland weckt die Geldentwertung besondere Ängste. Doch Inflation ist ein normaler Prozess, der von den Zentralbanken sogar gewollt wird. In der Regel muss man davor keine Angst haben – von einigen extremen Ausnahmen abgesehen.

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ie zurückgenommene Mehrwertsteuersenkung und weitere Sonderfaktoren haben Anfang des Jahres die Inflation in Deutschland anziehen lassen – und prompt die Angst vor der Geldentwertung zurückgebracht. Was aber ist Inflation eigentlich und wie misst man sie?

Zunächst ist Inflation der fortlaufende Wertverlust von Geld durch steigende Preise. Um dies zu messen, muss man feststellen, wie viel ein Euro in Waren wert ist. Weil man aber nicht alles messen kann, behilft sich die Statistik mit einem repräsentativen Warenkorb. Zu Verwirrung kann dabei aber führen, dass dieser im Zweifel auf kaum jemanden zutrifft. 

Das heißt nicht, dass die offizielle Statistik lügt. Aber jeden trifft und jeder empfindet Inflation anders. Der persönliche Korb von Waren, den man im Alltag kauft, ist unterschiedlich und damit auch der individuelle Preisanstieg. Aber Menschen achten auf Preise auch selektiv. Laut einer Analyse für die Bank of Ireland messen Verbraucher in der EU Inflation vor allem an den Kosten für Restaurants, Heizen, Zahnarzt, Wein und Tabakwaren. Dabei kommen entscheidende Faktoren zu kurz. Interessanterweise folgt die wahrgenommene Inflation aber durchaus der statistischen: Sie liegt nur im Durchschnitt 5 bis 6 Prozentpunkte darüber. 

Wann Inflation als hoch gilt, ist unterschiedlich und hat viel mit Gewohnheit zu tun. Denn die Höhe der Inflation ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Der jährliche mittlere Wert der vergangenen sechzig Jahre liegt für Deutschland bei rund 2 Prozent, für Südafrika bei rund 6 und für die Türkei bei 16 Prozent. Eine Rate von 5 Prozent würden die Einwohner dieser Länder also unterschiedlich beurteilen. Es ist auch eine Generationenfrage: Wer mit hoher Inflation aufwächst, fällt andere Urteile. 

Im internationalen Vergleich hatten es die Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg gut. Zwar gehört Deutschland seit der Finanzkrise nicht mehr zu den Ländern mit den niedrigsten Inflationsraten, doch in den vergangenen Jahren wurde eher die Deflation zum Problem. Die Fähigkeit, Preise erhöhen zu können, ist aber eine wichtige ökonomische Triebfeder. Wenn Produzenten das nicht können, beginnen sie zu sparen. Dann werden niedrigere Löhne bezahlt und weniger Waren nachgefragt. Deflation ist stets mit einer schwachen Wirtschaft verknüpft, zu sehen etwa über fast 30 Jahre in Japan. Insofern ist eine höhere Inflation in Deutschland zur Zeit eher ein Zeichen von Stabilität. 

Ihre niedrigen Inflationsraten haben die Deutschen der Erfahrung mit der Hyperinflation 1923 zu verdanken. Als solche wird eine Geldentwertung definiert, die in der Spitze 50 Prozent im Monat überschreitet. Das Ausmaß einer Hyperinflation kann man sich nicht vorstellen. Deshalb sollte man mit dem Begriff vorsichtig umgehen. Auf dem Höhepunkt 1923 hätte man hierzulande für einen Kauf, den man am Anfang eines Monats mit einem Geldschein bezahlen konnte, am Ende des Monats ein Bündel von der Dicke einer großen Dose Nivea-Creme benötigt. Bei der ungarischen Rekord-Hyperinflation von 1946 hätte das Bündel bis zum Zwergplaneten Pluto gereicht. 

Zum Glück sind Hyperinflationen äußerst selten – nur rund 50 von ihnen gab es bislang in der Weltgeschichte.  Die Spitzenwerte erreichen sie zudem nur kurzzeitig. Typischerweise beschleunigt sich die Geldentwertung zunehmend bis zu einem Währungsschnitt oder dem Zusammenbruch der Währung. Auch ist eine Hyperinflation nicht ohne schwere Probleme im Güterangebot denkbar. Ungarn etwa hatte 1945 die Hälfte seiner Produktionskapazität eingebüßt. 

Von solchen Verhältnissen ist man heute in Industrieländern weit entfernt. Doch Hyperinflationen machen eines plastisch deutlich: Inflation frisst das Vermögen. Mit jedem Prozentpunkt mehr schwindet das Vermögen schneller. Dauert es bei einem Prozent Inflation 70 Jahre, bis ein Betrag auf dem Konto nur noch die Hälfte wert ist, so sind es bei 7 Prozent schon nur noch 10 Jahre. 

Wie die Inflation das Vermögen entwertet
Bis zu welchem Jahr sich der Wert halbiert bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von ...

Grafik: gari. / Quelle: Eigene Berechnungen

Ob man nun in Inflationszeiten aber sein Geld besser ausgibt als es zu sparen, hängt davon ab, was man dafür bekommt. 1000 Mark, im Jahr 1969 in Gold investiert, hätten heute eine Kaufkraft von 4800 Mark. Mit längerfristigen Spareinlagen wären es nur 1400 Mark. Bei Anlage im Jahr 2010 indes wäre mit Spareinlagen die Kaufkraft von 1000 Euro auf 925 Euro geschrumpft, mit Gold aber auf 1640 Euro gestiegen. 

In Deutschland lassen sich vier Inflationsphasen seit dem Zweiten Weltkrieg unterscheiden. Nach starken Schwankungen zu Beginn lagen die Inflationsraten in Deutschland bis Anfang der siebziger Jahre in der Regel zwischen 1 und 3 Prozent. Die Nachkriegskonjunktur wirkte zwar preistreibend, doch das große Wirtschaftswachstum fing viel auf und hielt Geld- und Fiskalpolitik im Zaum. Als im Verlauf der sechziger Jahre das Wachstum nachließ, wurde die Politik aktiver. Doch schwächeres Wachstum traf auf höhere Preise, auch importiert über feste Wechselkurse. Mit den höheren Preisen stiegen die Lohnforderungen und mit diesen wieder die Preise. 

Deutschland und die Inflation
zum Vorjahr in Prozent

Grafik: gari. / Quelle: Statistisches Bundesamt / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Mit dem Ende des festen Dollarkurses ging die Bundesbank zur Geldmengensteuerung über. Gleichzeitig hielt sich der Staat stärker zurück. Das ersparte Deutschland trotz Ölkrise zweistellige Inflationsraten. Von den Achtzigern an betrieben die meisten Notenbanken eine aktive Zinspolitik, bis zur Finanzkrise 2008 im Grunde auch sehr effektiv. Zugleich drückte die zunehmende Globalisierung die Produktionskosten. Seither dominieren deflationäre Tendenzen. Aktuell wird für das laufende Jahr für Deutschland eine Inflationsrate zwischen 1,5 und 2,5 Prozent prognostiziert. Das wäre die höchste Rate seit 2008. Der Anstieg ist aber ein Sondereffekt im Gefolge der Corona-Krise. Schon 2022 soll die Inflation wieder deutlich niedriger ausfallen.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.04.2021 14:04 Uhr