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Grafik: F.A.Z. / Foto: dpa
Schneller Schlau

Das Öl fließt

Von GUSTAV THEILE und JENS GIESEL (Grafik)

24.03.2019 · Das Ende des Öls wird seit Jahrzehnten vorhergesagt. Doch die Ölförderung steigt immer weiter. Die Fracking-Revolution hat den Weltmarkt durcheinandergewirbelt. Und der Spritpreis sinkt.

A lles hat ein Ende, nur das Öl hat keins. So sieht es zur Zeit aus – und das, obwohl Wissenschaftler und Umweltaktivisten seit Jahrzehnten vor dem „Peak Oil“ warnen: Gemeint ist der Zeitpunkt, an dem die Ölproduktion ihr Maximum erreicht hat, um danach stetig zu sinken. Der vorhergesagte Graph sieht ein bisschen aus wie eine Glocke. Doch eingetreten ist das nicht. Die globale Ölförderung steigt – bisher recht unaufhaltsam.

Die Peak-Oil-Theorie hat der Geologe Marion King Hubbert im Jahr 1956 entwickelt. Im englischsprachigen Raum ist deshalb sogar häufig vom „Hubbert Peak“ die Rede, wenn es um das befürchtete Fördermaximum geht. Hubbert hatte beobachtet, dass die Ölförderung in neuen Ölfeldern schnell stark ansteigt, bevor sie wieder fällt, weil das Öl zur Neige geht. Das gleiche gelte – so seine Theorie – für die Ölförderung generell, weil Unternehmer Chancen sehen und die verbesserte Technik die Ölförderung steigen lässt. Irgendwann seien aber alle Vorkommen angebohrt und die Ölförderung gehe zurück. Seine Voraussage war, dass Amerika in den siebziger Jahren seinen „Peak“ erreicht.

Bis zum Jahr 2008 bestätigte der Verlauf der amerikanischen Ölförderung seine Theorie. Doch dann kam die „Shale Revolution“ – die Schieferrevolution. Dahinter verbirgt sich, dass die Vereinigen Staaten mit dem umstrittenen Fracking zur Ölförderung begannen. Innerhalb von fünf Jahren ließ das die amerikanische Ölförderung um fast drei Viertel steigen. Ähnliches gilt für die Gasförderung. Die Theorie des „Peak Oil“ scheint damit widerlegt zu sein.

Das Fracking hat die Amerikaner an die Spitze der globalen Ölförderung katapultiert. Kein Land der Welt fördert mehr, selbst Saudi-Arabien nicht. Das hat auch politische Auswirkungen: Ein Stück weit hat die Ölförderländerorganisation Opec, die in den Siebzigerjahren mit Preiserhöhungen die westliche Welt vor sich hertrieb, damit ihren Schrecken verloren. Unter den fünf Ländern, die am meisten Öl fördern, sind nur noch zwei Opec-Mitglieder. Damit kontrolliert die Organisation die international geförderte Ölmenge deutlich weniger als vor der Fracking-Revolution.

Die Weltkarte zeigt aber auch: Die Opec sitzt nach wie vor auf den größten Ölreserven der Welt. Amerika fördert viel, doch seine verbleibenden Reserven sind eher gering. Vier der fünf Länder mit den größten Ölreserven sind hingegen Teil der Organisation. Nur Kanada weist außerdem noch hohe Reserven auf.

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