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Schneller Schlau

Dem Osten fehlen Frauen

Von BASTIAN BENRATH, Grafiken: JENS GIESEL · 01.03.2020

Wer mittleren Alters ist und im Osten eine Frau sucht, hat schlechte Karten. Denn nach der Wende sind vor allem die Männer geblieben. Doch es gibt Hoffnung.

E

  ine Kontaktanzeige, erschienen in der Lokalzeitung: „Liebevoller netter Mann, 47 J. romantisch und naturverb., reise gern“, heißt es da, „su. nach großer Enttäusch. nette Frau die mit mir wieder eine Zukunft aufbauen möchte. Kinder angenehm.“ Es sind ehrliche Worte in der Anzeigenspalte „Er sucht Sie“, in der es von „jünger aussehenden“ Rentnern nur so wimmelt. Und trotzdem wird es dieser Mittvierziger schwer haben, eine Partnerin zu finden. Denn die Anzeige ist in der Lokalzeitung von Chemnitz erschienen, wo es in der Altersgruppe zwischen 45 und 49 viel mehr Männer als Frauen gibt. Auf gut 7800 Männer kommen nur knapp 6800 Frauen – ein Unterschied von 15 Prozent.  

Das ist nicht nur ein Problem von Chemnitz. Beinahe dem ganzen Osten geht es so, abgesehen nur vom Speckgürtel um Berlin: Ab 35 gibt es kaum noch Frauen. Oder wie die Demographen des Statistischen Bundesamtes, von dem diese Daten stammen, es wohl formulieren würden: In den Alterskohorten zwischen 35 und 55 gibt es in den neuen Bundesländern einen teils deutlichen Männerüberschuss. Erst oberhalb dieses Alters wird das Bild wieder ausgeglichener. Das dürfte daran liegen, dass Frauen länger leben als Männer – in der Generation 70+ hat fast jeder Kreis in Deutschland einen Frauenüberschuss.  

In einigen Landkreisen Ostdeutschlands gibt es fast 20 Prozent mehr Männer als Frauen. Auch in Westbundesländern gibt es zwar teilweise mehr Männer als Frauen, der Unterschied ist aber bei weitem nicht so stark ausgeprägt und wird zudem auch durch Landkreise kompensiert, in denen mehr Frauen als Männer leben. Im Osten ist das in der relevanten Altersgruppe nur für zwei Kreise der Fall, die beide an Berlin grenzen. Mit vielen Familien, die ins Umland gezogen sind, haben diese demographisch eine grundlegend andere Struktur als der Rest von Ostdeutschland.  

Woran liegt es, dass die Frauen fehlen? Ein Blick in die Statistik zeigt: vor allem daran, dass sie wegziehen. Denn nach dem Ausziehen von zu Hause sind Frauen in der Wahl ihres Wohnorts flexibler als Männer. „Bildungswanderung“ nennen Demographen dieses Phänomen. „Junge Frauen bis unter 25 Jahre sind deutlich mobiler als gleichaltrige Männer“, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Gerade mit Blick auf Ost-West-Wanderungen ist das in Fachkreisen ein bekanntes Phänomen, zu dem Thema existiert ein ganzer Stapel von Studien.

Dass es jetzt im Osten in der Generation zwischen Mitte 30 und Mitte 50 einen so großen Männerüberschuss gibt, liegt daran, wie die Wanderungen der Frauen abgelaufen sind. Dass viele Menschen aus Ostdeutschland ausgewandert sind, ist bekannt; bis zum Jahr 2016 zogen jedes Jahr mehr Menschen aus dem Osten in den Westen als umgekehrt. Vor allem aber liefen die Auswanderungen in zwei großen Wellen ab.  

Einerseits zogen direkt nach der Wende sehr viele Menschen von Ost nach West – es waren die, die noch unter dem Eindruck der Misswirtschaft in der DDR gestanden haben dürften und ein besseres Leben im Westen suchten. Doch dann gab es eine weitere Welle der Auswanderungen zum Beginn des neuen Jahrtausends, die 2001 mit gut 190.000 Fortzügen ihren Höhepunkt erreichte. Seitdem sind die Wanderungen von Ost nach West fast stetig gesunken und haben sich zuletzt sogar umgekehrt: 2017 zogen in Summe erstmals mehr Menschen von West nach Ost als umgekehrt.

Die Generation, die um 2000 die neuen Bundesländer verließ, war die erste, die weitgehend im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen ist. Und da die Jungen unter den Abwandernden, die damals gingen, wie oben dargelegt weitgehend Frauen waren, fehlen diese in den etwas höheren Altersgruppen jetzt im Osten.

Das Wanderungsverhalten von Frauen hat sich seitdem nicht verändert. Sie wandern in die Groß- und Universitätsstädte. Würzburg, Köln, Münster, Marburg: Sie alle haben in der Altersgruppe 20 bis 24 einen deutlichen Frauenüberschuss, während es auf dem Land überall mehr Männer gibt. Nur haben in dieser jungen Altersgruppe inzwischen auch Leipzig, Erfurt, Potsdam und Greifswald mehr Frauen als Männer, weil inzwischen auch die Universitäten dort Perspektiven bieten – Deutschland ist zusammengewachsen. Nur den Mittvierzigern im Osten hilft das wenig.  


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 01.03.2020 20:17 Uhr