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Das Geschlecht steht auf dem Gehaltszettel

Von BASTIAN BENRATH und JENS GIESEL (Grafik)

23.11.2018 · 21 Prozent verdient ein Mann in Deutschland durchschnittlich mehr als eine Frau. Doch die „Gender Pay Gap“ ist nicht überall gleich groß. Schaut man sie sich genau an, offenbart sich ein interessanter Ost-West-Unterschied.

F rauen und Männer verdienen in Deutschland unterschiedlich viel. Das ist keine Stimmungsmache, sondern ein Fakt. Auf 21 Prozent beziffern Fachleute die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, auf Englisch „Gender Pay Gap“. Deshalb haben die Gewerkschaften einen Tag der betrieblichen Entgeltgleichheit berechnet: Den 16. Oktober. Bis zu diesem Tag verdienen Männer und Frauen gleich viel, danach verdienen nur die Männer bis zum Jahresende weiter. Die Frauen in Deutschland hingegen arbeiten – statistisch gesehen – kostenlos.

Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen ist aber nicht überall in Deutschland gleich groß. Auf Basis von Daten der Bundesagentur für Arbeit lässt sie sich landkreisgenau berechnen. Denn die Behörde ermittelt die mittleren Einkommen (Medianeinkommen) beider Geschlechter für alle Städte und Kreise. Subtrahiert man sie voneinander, erhält man die Gender Pay Gap. Der Median – der genau in der Mitte liegende Wert aus der Liste aller gezahlten Gehälter – wird anstelle des Durchschnitts verwendet, weil er weniger als dieser von Ausreißern, also extrem hohen oder extrem niedrigen Gehältern, verzerrt wird.

Fachleute können diese Lücke noch um verschiedene Faktoren bereinigen, indem sie zum Beispiel herausrechnen, dass Männer häufig in besser bezahlten Berufen arbeiten und häufiger in Führungspositionen tätig sind. Diese bereinigte Gender Pay Gap beträgt dann nur noch um die 6 Prozent – was aber weiterhin bedeutet, dass Frauen selbst bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit durchschnittlich 6 Prozent weniger als Männer verdienen.

Wir legen in diesem Artikel die unbereinigte Geschlechterlohnlücke zugrunde, weil wir zeigen wollen, was Männer in Euro und Cent mehr im Portemonnaie haben als Frauen. Lediglich der Faktor Teilzeit ist schon herausgerechnet, damit die Ergebnisse vergleichbar sind. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer, hier werden deshalb aber nur Frauen und Männer betrachtet, die Vollzeit arbeiten.

Wo in Deutschland ist die Lohnlücke also am größten? Mit Blick auf die Zahlen lässt sich relativ klar sagen: Im Süden. Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg klaffen die mittleren Gehälter von Männern und Frauen weit auseinander. Der Landkreis Böblingen bei Stuttgart führt die Liste an: Dort bekommen in Vollzeit arbeitende Männer im Mittel mehr als 1800 Euro brutto mehr im Monat als in Vollzeit arbeitende Frauen. Auf Rang 2 kommt Ingolstadt mit immer noch knapp 1800 Euro, auf Rang 3 der Landkreis Dingolfing-Landau in Niederbayern mit etwa 1700 Euro. Insgesamt gibt es 18 Städte und Kreise in Deutschland, in der die Geschlechterlohnlücke vierstellig ist – alle von ihnen liegen in den alten Bundesländern.

Am anderen Ende der Liste gibt es ebenfalls eine Gender Pay Gap, aber eine in die andere Richtung. Ja, richtig gelesen: Auch wenn mit Blick auf ganz Deutschland Männer besser verdienen als Frauen, gibt es einige Städte und Landkreise mit einer Geschlechterlohnlücke zugunsten der Frauen. Wobei zu betonen ist, dass diese deutlich kleiner ausfällt. Vor allem aber liegen alle diese Städte und Kreise in Ostdeutschland, deshalb der Hinweis auf den Ost-West-Unterschied. Auf Rang 1 kommt die Stadt Cottbus in Brandenburg, wo in Vollzeit arbeitende Frauen im Mittel 485 Euro brutto mehr erhalten als in Vollzeit arbeitende Männer. Auf Rang 2 folgt Frankfurt an der Oder (439 Euro), auf Rang 3 die Doppelstadt Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt (344 Euro).

Auch die Städte, wo es – statistisch gesehen – am fairsten zugeht, liegen im Osten. In Brandenburg an der Havel gibt es eine Geschlechterlohnlücke von nur 4 Euro zugunsten der Frauen, im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt eine von 3 Euro zugunsten der Männer.

Wie kommt der Ost-West-Unterschied zustande? Christian Weinert von der Bundesagentur für Arbeit verweist dazu auf die unterschiedliche Struktur der Wirtschaften in Ost und West: „In vielen ostdeutschen Regionen gibt es eine kleinteilige Betriebsstruktur, in der bisweilen ein niedrigeres Entgelt gezahlt wird als in Großunternehmen“, sagt er. Großunternehmen, vor allem in der Industrie, seien hingegen eher im Westen angesiedelt.

Frauen arbeiten häufiger im Öffentlichen Dienst, erklärt Weinert weiter. Dort gebe es vergleichsweise einheitliche Tarifverträge. „Nehmen Sie zum Beispiel zwei Familien, eine in Westdeutschland und eine in Ostdeutschland“, sagt er. „Die Frauen beider Familien arbeiten im öffentlichen Dienst und werden ähnlich bezahlt. Der westdeutsche Mann arbeitet in einem großen Automobilkonzern, der ostdeutsche in einem Kleinunternehmen. Also verdient die Frau der ostdeutschen Familie im Vergleich zu ihrem Mann mehr, obwohl beide Frauen das gleiche Entgelt erzielen.“

Der Hinweis auf die Automobilkonzerne ist sehr relevant – denn in Sindelfingen (Kreis Böblingen), Dingolfing und Ingolstadt haben Daimler, BMW und Audi große Werke. Dort arbeiten vor allem gut bezahlte Männer, was den drei Kommunen die größten Gender Pay Gaps Deutschlands beschert.

Lässt sich also alles durch die unterschiedlichen Branchenstrukturen erklären? Nein, nicht alles. Noch ein Blick auf den Unterschied zwischen Ost und West: Zwischen den beiden Landesteilen unterscheiden sich auch die Beschäftigungsquoten der Geschlechter. Im Osten sind mehr Frauen erwerbstätig als im Westen. In Ostdeutschland ist ein fast genau gleicher Anteil der Frauen und Männer zwischen 15 und 65 sozialversicherungspflichtig beschäftigt: Rund 60 Prozent. Im Westen sind es dagegen 63 Prozent der Männer und nur 55 Prozent der Frauen. Das liefert einen Indikator dafür, dass die Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt im Osten stärker ausgeprägt ist, als im Westen.

Quellen: Bundesagentur für Arbeit (Stichtag 31.12.2017), Statistisches Bundesamt (März 2018)
Text und Recherche: Bastian Benrath
Grafik: Jens Giesel

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 22.11.2018 19:00 Uhr