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Schneller Schlau

Die Bahn kommt 2570 Tage verspätet

Von THIEMO HEEG, Grafiken: BERND HELFERT und LAURA SCHLAGOWSKI · 27.09.2019

Wenn Menschen über Züge reden, dann vor allem über deren Verspätungen. Im vergangenen Jahr ist die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr stark gesunken. Die Deutsche Bahn verspricht Besserung. Doch das wird teuer.

Schmutzige Bahnhöfe, ausgefallene Klimaanlagen, unfreundliches Personal – Kunden haben viel zu klagen, wenn es um die Bahn geht. Wer im Internet nach Schauergeschichten über schlimme Bahnreisen sucht, wird schnell fündig. Doch über nichts ärgern sich die Passagiere mehr als über die mangelhafte Pünktlichkeit des Schienenverkehrsmittels. Die Bahn wertet nicht nur pünktliche Züge als pünktlich, sondern auch solche, die mit einer Verspätung von bis zu fünf Minuten und 59 Sekunden ankommen. Selbst diese großzügige Auslegung wird allzu oft gerissen.

Je Jahr fahren die ICE- und Intercity-Züge der Deutschen Bahn also zwischen drei und vier Millionen Minuten Verspätungen ein. Für 2018 sind das umgerechnet rund 2570 Tage. Nicht einmal drei von vier Zügen kamen im vergangenen Jahr pünktlich an: Eine Quote von 74,9 Prozent entspricht einem neuen Tiefstwert seit 2016. Im Juni 2019 sank sie sogar unter die Marke von 70 Prozent. Dabei ist die Zug(un-)pünktlichkeit nur ein Faktor. Die sogenannte Reisendenpünktlichkeit bildet besser ab, inwieweit der einzelne Kunde unter verspäteten Zügen leidet. Dafür werden für die täglich rund 400.000 Fahrgäste im Fernverkehr Daten, im Gegensatz zur betrieblichen Pünktlichkeit, nicht nur gemessen, sondern auch simuliert und berechnet. Dazu werden die täglichen Buchungsdaten von rund 270.000 Reisenden mit den Pünktlichkeitsdaten der etwa 7000 Fernverkehrshalte verknüpft, ausfallende Züge und Ersatzzüge berücksichtigt und für jeden nicht erreichten Anschluss konkrete Alternativverbindungen ermittelt und bewertet. Reisen werden dann als pünktlich gewertet, wenn Fahrgäste mit weniger als 15 Minuten Verspätung am Zielort ankommen. Die so ermittelte Reisendenpünktlichkeit lag im Jahr 2018 bei 80,1 Prozent.

Fährt es sich in Regionalexpress und Regionalbahn besser als in ICE und IC? Vom Komfort her vielleicht nicht, von der Pünktlichkeit her aber auf jeden Fall. Die DB-Sparte Regio schneidet mit Blick auf Verspätungen deutlich besser ab als DB-Fernverkehr. Gelegentlich belaufen sich die Unterschiede auf mehr als 20 Prozentpunkte. Im vergangenen August beispielsweise erreichte der Fernverkehr eine Pünktlichkeitsquote von 75,2 Prozent, während DB-Regio auf 94,7 Prozent kam. Dabei weist der Regionalverkehr wiederum regional erhebliche Unterschiede auf. Die Pünktlichkeitsspanne reicht von knapp 88 Prozent in Schleswig-Holstein bis um die 97 Prozent in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Kein Vergleich jedoch zu den gravierenden Differenzen zwischen Nah- und Fernverkehr: Die erklärt die Bahn mit unterschiedlichen Laufwegen und Haltemustern der Züge. Im Regionalverkehr sind kurze Laufwege und viele Halte typisch, im Fernverkehr lange Laufwege und wenige Halte. Verspätet sich ein ICE auf dem Weg von Hamburg nach Berlin an einem Zwischenhalt mit sechs Minuten, so hat der Zug selbst mit pünktlicher Ankunft in Berlin lediglich eine Pünktlichkeit von 50 Prozent. Er hat schließlich statistisch gesehen die Hälfte seiner Verkehrshalte mit Verspätung erreicht.

Die Gründe für Verspätungen sind vielfältig. Als wesentlich betrachtet die DB selbst Engpässe in der Infrastruktur und der Verfügbarkeit der Fahrzeuge sowie fehlendes Personal. Bis zu 800 Baustellen im Netz tagtäglich behindern einen reibungslosen Verkehrsablauf. Hochbelastete Knotenbahnhöfe wirken als Nadelöhre. Dazu kommen externe Einflüsse, die der Konzern in der Regel nicht beeinflussen kann: Stürme, Brände, Warnstreiks, Kabelklau, Unfälle, Suizide.

Der Begriff, den man sich merken muss: Fahrgastrechte. Sie gelten seit 2009 einheitlich im Eisenbahnverkehr in Deutschland und in Europa. Dabei handelt es sich um Ansprüche an die Bahnanbieter, wenn sich Züge verspäten oder ausfallen. Wer mit einer Verspätung von einer Stunde oder mehr am Zielbahnhof ankommt, erhält ein Viertel des gezahlten Fahrpreises für die einfache Fahrt zurück. Ab zwei Stunden Verspätung gibt es die Hälfte. In einigen weitere Fällen zahlt die DB ebenfalls Geld zurück. Alle Details sind hier zu finden.

Und hier ist das dafür nötige Formular.

Die Verspätungen im Bahnverkehr haben auch damit zu tun, dass die Infrastruktur nicht so gut ist, wie sie für einen reibungslosen Ablauf sein müsste. Brücken sind marode, Stellwerke uralt. Zwar investiert Deutschland jedes Jahr viele Milliarden Euro in das Schienennetz. Doch im Vergleich zu anderen Ländern und bezogen auf die Einwohnerzahl ist es wenig. Das Bahn-Musterland Schweiz steckt je Kopf fast fünfmal mehr in seine Eisenbahn als die Bundesrepublik.

Im Vergleich zum Auto zieht die Bahn seit Jahrzehnten den Kürzeren – und das ist auch noch heute so. Selbst in diesem Jahrzehnt ist die Beförderungsleistung auf der Straße im Vergleich zur Schiene stärker gewachsen. Angesichts der Diskussion ums Klima darf sich das umweltfreundliche Verkehrsmittel Bahn jedoch in letzter Zeit über Rückenwind freuen. Die Bundesregierung unterstützt das bundeseigene Unternehmen im Fernverkehr unter anderem mit einem bald reduzierten Mehrwertsteuersatz. Die Bahn selbst will die Zahl der Kunden im Fernverkehr bis 2030 verdoppeln und den Marktanteil des Schienengüterverkehrs von 18 auf 25 Prozent erhöhen. Das zu diesem Zweck aufgelegte Langfrist-Projekt heißt „Deutschland braucht eine starke Schiene“ – und letztlich gehört dazu auch eine deutliche Reduzierung der Verspätungen.


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 26.09.2019 13:54 Uhr