https://www.faz.net/-gqe-a1zfk
Illustration: Johannes Thielen, Foto: dpa
Schneller Schlau

Der Hunger nimmt wieder zu

Von JESSICA VON BLAZEKOVIC, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 24. August 2020

Kein Mensch soll mehr hungern müssen. Doch die Zahl der Unterernährten steigt – und Corona macht alles noch schlimmer.

Forscher mögen es nicht gerne, wenn komplexe Zusammenhänge in simple Slogans heruntergebrochen werden. Pascal Finette, Technologie-Guru im Silicon Valley, tat es in einem Vortrag kürzlich doch: „Alle acht Sekunden stirbt ein Kind auf dieser Welt, weil es nicht genug zu essen hat.“ In derselben Zeit, so Finette weiter, verkaufe McDonald's 600 Hamburger. Dabei bräuchte man jährlich nur eine Milliarde Dollar, um alle Kinder vor dem akuten Hungerstod zu retten. Die Summe entspreche dem jährlichen Budget des italienischen Fußballclubs AC Milan: „Die Menschheit, wir alle, haben offenbar entschieden, dass Fußball wichtiger ist als das Retten von Leben“, sagte Finette. Das tat weh.

Wie viel Wahrheit in dieser Gleichung steckt, ist nur schwer zu verifizieren, Quellen nannte Finette nicht. Aber ein Blick auf aktuelle Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigt, dass er in einem Punkt Recht hat: Immer noch müssen Millionen Menschen hungern. Nachdem die Zahl der Unterernährten weltweit jahrzehntelang gesunken war, steigt sie seit dem Jahr 2014 wieder langsam an.

Die FAO definiert Unterernährung als die Aufnahme von zu wenig Kalorien, um das Minimum an Nahrungsenergie zu liefern, das jeder Mensch für ein gesundes und produktives Leben benötigt. Im vergangenen Jahr traf das auf fast 690 Millionen Menschen oder 9 Prozent der Weltbevölkerung zu, 10 Millionen mehr als im Jahr zuvor und ein Plus von fast 60 Millionen Hungernden im Vergleich zum Jahr 2015. Zwei Milliarden Menschen, ein Viertel der Weltbevölkerung, hätten keinen regelmäßigen Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Lebensmitteln gehabt.

Zwar ist der Anteil der Hungerleidenden seit dem Jahr 2000 gesunken, von 13 auf 9 Prozent. Das liegt indes lediglich daran, dass die Gesamtbevölkerung im selben Zeitraum rasant gewachsen ist. Prognosen zufolge wird die Zahl der Unterernährten bis zum Jahr 2030 auf schätzungsweise 840 Millionen steigen. Unklar ist bislang, wie heftig sich die Corona-Krise auswirken wird – die UN gehen jedoch allein für dieses Jahr von zusätzlichen 83 bis 132 Millionen Menschen aus, die Hunger leider müssen. Die Trendumkehr ist deshalb besonders bitter, weil sich die Weltgemeinschaft vor fünf Jahren eigentlich dazu verpflichtet hatte, den Hunger bis zum Jahr 2030 aus der Welt zu schaffen. „Kein Hunger“ ist das zweite der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.

Die absolut größte Zahl an Unterernährten weist derzeit Asien auf. Dort haben über 380 Millionen Menschen nicht genug zu essen. In relativen Zahlen ist der Hunger in Afrika am weitesten verbreitet: 19 Prozent der Bevölkerung des Kontinents gehen dort abends hungrig ins Bett, mit deutlich steigender Tendenz.

Auf der Liste der am stärksten betroffenen Länder finden sich denn auch viele afrikanische Nationen, mit der Zentralafrikanischen Republik an der traurigen Spitze. In die 20 ersten Plätzen reihen sich weitere 15 afrikanische Länder ein, darunter Liberia, Simbabwe und Uganda.

In diesen und anderen Ländern trifft der Hunger auch die Kleinsten, die Kinder. Zwar konnten die UN hier Fortschritte vermelden: Der globale Anteil der Kinder unter fünf Jahren, die vom Normalwachstum abweichen, ist seit dem Jahr 2000 um ein Drittel zurückgegangen auf 21 Prozent. Das Kinderhilfswerk Unicef warnt trotzdem, dass infolge der Corona-Pandemie bis Ende des Jahres zusätzlich 6,7 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betroffen sein könnten. Damit würde ein neuer Höchststand von 54 Millionen hungerleidenden Kinder erreicht. Das amerikanische Entwicklungspolitik-Institut IFPRI erwartet zusätzlich fast 180.000 Todesfälle unter Kindern infolge von Unterernährung.

Die Gründe für den Hunger der Kinder und Erwachsenen sind vielfältig. Während der UN-Welternährungsbericht in den Jahren 2017 und 2018 Kriege und Klimaveränderungen als Hauptursache nannte, kamen im vergangenen Jahr das verlangsamte Wirtschaftswachstum und Heuschreckenplagen dazu. Einige Fachleute sehen die Ursachen zudem in einer verfehlten Entwicklungspolitik. Das Argument, dass allein eine Produktionssteigerung das Problem lösen könne, überzeugt sie nicht: Es sei längst genug für alle da – allein die Verteilung stimme nicht. 

Dafür sprechen auf den ersten Blick die Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Fettleibigkeit in ihren Mitgliedstaaten, zu denen zum größten Teil entwickelte Nationen gehören. Demnach haben in Amerika 40 Prozent der Bevölkerung einen Body-Mass-Index über 30, sind also per Definition übergewichtig. In Großbritannien liegt der Anteil bei fast einem Drittel, in Deutschland bei rund 24 Prozent und damit im OECD-Mittel. Am niedrigsten ist der Anteil der Adipösen in Südkorea (6 Prozent) und Japan (4 Prozent). Die UN weist darauf hin, dass viele Gesellschaften mit vielen Dickleibigen oftmals der Tatsache geschuldet seien, dass sich drei Milliarden Menschen weltweit nicht einmal die günstigsten gesunden Lebensmittel leisten könnten.

Umso erschreckender sind Statistiken zur Lebensmittelverschwendung rund um den Globus. Jedes Jahr werden Zahlen der Welthungerhilfe zufolge 1,3 Milliarden Tonnen Essen weggeworfen, darunter viel Obst und Gemüse. Spitzenreiter ist hier Australien mit 361 Kilo Lebensmittelabfällen pro Kopf, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 278 Kilo. In Deutschland werden jährlich je Einwohner 154 Kilo Lebensmittel entsorgt. Vergleichsweise wenig Essen landet in China und Griechenland (je 44 Kilo) im Müll.

Pascal Finette beendete seinen Vortrag übrigens damit, die Menschheit dazu aufzurufen, sich „sinnstiftende Ziele“ zu setzen. Was das Ende des Welthungers betrifft, ist das eigentlich schon geschehen. Geblieben ist er trotzdem.

Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.08.2020 10:33 Uhr