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Illustration: Andre Piron
Schneller Schlau

Wo die Zuwanderung Deutschland verändert hat

Von MARTIN FRANKE, Grafiken: JENS GIESEL und JOHANNES THIELEN · 31. August 2020

Vor fünf Jahren sagte Bundeskanzlerin Merkel „Wir schaffen das“. Die Zuwanderung ist vor allem in den neuen Bundesländern sichtbar geworden. Ein Blick auf die Demografie Deutschlands verrät, warum.

Das Jahr 2015 wirkt nach. Die Flüchtlingsbewegung, die Europa in jenem Jahr unvorbereitet traf, hat Deutschland polarisiert wie selten eine Krise. Hunderttausende Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, aber auch Albanien, Kosovo und Eritrea kamen ins Land, um politisches Asyl zu erhalten. „Deutschland ist ein starkes Land“, sagte die Bundeskanzlerin am 31. August 2015 in der Bundespressekonferenz. „Wir schaffen das.“ Die drei markanten Worte hallen noch heute nach.

Mittlerweile hat sich das Thema etwas beruhigt – wenn auch viele Probleme wie eine fehlende gemeinsame Asylpolitik der EU-Staaten weiterhin bestehen. Die Anzahl der Migranten ist deutlich zurückgegangen, das Thema in der Öffentlichkeit nicht mehr an vorderster Stelle. Tatsache ist aber auch, dass die Einwanderung der vergangenen Jahre Teile Deutschlands sichtbar verändert hat – vor allem den Osten des Landes.

Durch die neuen Zuwanderer hat dort manch ein Landkreis einen Anstieg seines Ausländeranteils von mehreren hundert Prozent verzeichnet. An der Spitze der prozentual stärksten Zuwanderung liegt der Kreis Sonneberg an der Südgrenze Thüringens, rund eineinhalb Stunden von Erfurt. Zwischen 2012 und 2019 hat sich der Anteil der Ausländer dort um 406 Prozent erhöht. Waren 2012 noch 605 Menschen bzw. 1,05 Prozent der knapp 58.000 Einwohner ohne deutschen Pass, gab es 2019 mehr als 3000 Ausländer. Ihr Anteil an der Bevölkerung im Kreis Sonneberg ist damit auf 5,3 Prozent gestiegen.

Stuttgart steht am anderen Ende dieser Liste. In der westdeutschen Großstadt lebten schon 2012 mehr als 133.000 Ausländer, von knapp 600.000 Einwohnern insgesamt. Prozentual verzeichnet Stuttgart deshalb den geringsten Anstieg beim Ausländeranteil, obwohl zwischen 2012 und 2019 fast 30.000 Menschen ohne deutschen Pass hinzukamen. Da ihr Anteil jedoch schon vor der Flüchtlingskrise hoch war, ist eine Veränderung der Umgebung für die Stuttgarter nicht so wahrnehmbar wie für die Menschen in ostdeutschen Landkreisen wie Sonneberg – dort gab es zuvor schlicht kaum Menschen ohne deutschen Pass.

Lediglich der ostbayerische Landkreis Schwandorf hat einen ähnlich hohen Zuwachs im Ausländeranteil wie die Orte im Osten der Republik. Zugleich ist der Ausländeranteil in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Co. auch deshalb gestiegen, weil gerade junge Deutsche weggezogen sind. Das zeigt sich unter anderem daran, dass das Durchschnittsalter in vielen ostdeutschen Landkreisen höher ist als in den westdeutschen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. 11,2 Millionen Menschen hierzulande sind Ausländer. Dazu zählen laut Statistischem Bundesamt alle Personen, die keinen deutschen Pass besitzen, also ebenso Staatenlose und Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. Damit eine Gesellschaft ohne Migration gleich groß bleibt, müsste jede Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 2,1 Kinder zur Welt bringen. Seit dem „Pillenknick“ zwischen Mitte der sechziger und Mitte der siebziger Jahre ist das in Ost- wie in Westdeutschland nicht mehr gegeben. Heute gibt es pro Frau durchschnittlich 1,57 Geburten. Ohne Zuwanderung wäre das Land deshalb seit 1970 am Schrumpfen.

Einwanderung nach Westdeutschland hat in verschiedenen Etappen stattgefunden: Vor allem in den sechziger Jahren, der Zeit der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte kamen Menschen unter anderen aus Italien, Griechenland, Spanien und der Türkei. Beim Anwerbestopp 1973 lebten knapp 4 Millionen Ausländer in der Bundesrepublik. Auch in der DDR gab es eine aktive Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Insgesamt war der Anteil an Ausländern in der DDR jedoch deutlich geringer. Nur wenige dieser Vertragsarbeiter blieben zudem nach der Wende in Deutschland.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich auch 30 Jahre nach der Wende noch an der Verteilung von Ausländern in Deutschland. Zudem ist auffällig, dass es die Nicht-Deutschen besonders in Städte oder Ballungsräume zieht: Viele Großstädte in Süd- und Westdeutschland haben Ausländeranteile von knapp unter oder sogar über 20 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass diese in Städten leichter Arbeit finden oder auch studieren können. Zum anderen ist die sogenannte Kettenwanderung für die Verteilung verantwortlich: Ausländer gehen häufig dorthin, wo Verwandte, Freunde und Landsleute bereits leben. Forscher sprechen von ethnischen Netzwerken, die als Starthilfe am neuen Wohnort dienen können. Nur wenn Zuwanderer als Asylsuchende kommen, ist ihre Verteilung auf bestimmte Orte gesetzlich geregelt. Nach dem „Königsteiner Schlüssel“ wird festgelegt, wie viele Asylbewerber ein Bundesland aufnehmen muss. Dies richtet sich zu zwei Dritteln nach Steuereinnahmen und einem Drittel nach der Bevölkerungszahl des Bundeslandes. Im Integrationsgesetz von 2016 ist zudem die Wohnsitzauflage festgeschrieben, die eine Konzentration Geflüchteter in wenige Städte zu vermeiden versucht. Die Landesbehörden können anerkannten Asylberechtigten damit den Wohnort zuweisen.

Anders verhält es sich für EU-Ausländer, welche die größte Gruppe von Ausländern in Deutschland bilden. Insbesondere Rumänen, Polen und Bulgaren sind nach der EU-Osterweiterung 2004 nach Deutschland gezogen, oft aus wirtschaftlichen Gründen.

Seit 2012 ist der Ausländeranteil überall in Deutschland gewachsen – neben der Zuwanderung aus EU-Ländern auch durch die stark erhöhte Zahl von Asylbewerbern in den Jahren 2015 und 2016, die Angela Merkel zu ihrer vielzitierten Aussage veranlasste. Bezogen auf die Bevölkerung kamen dabei ähnlich viele Zuwanderer in den Osten und den Westen – im Osten stieg der Ausländeranteil um 4 Prozentpunkte, im Westen um 4,4 Prozentpunkte. Da der Ausländeranteil im Osten aber auf niedrigerem Niveau liegt, entspricht das im Osten fast einer Verdopplung.

Einen nennenswerten Effekt auf die alternde deutsche Gesellschaft hat die Zuwanderung indes nicht, auch wenn ausländische Frauen im Durchschnitt mehr Kinder bekommen als deutsche. Das reicht aber nicht aus, um den demographischen Wandel umzukehren. Auch der Kreis Sonneberg, mit seinem stark gestiegenen Ausländeranteil wird im Schnitt älter – wie insgesamt das Land und in verschärfter Weise der Osten Deutschlands. Eins haben die Zuwanderer in Sonneberg aber verändert: Der Landkreis schrumpft nicht mehr.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 31.08.2020 08:42 Uhr