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Armutsbekämpfung : Asiens Arme sind Opfer der Statistik

Philippinische Kinder im Slum: 350 Millionen Menschen versinken in der Statistik Bild: dpa

Die guten Wachstumsraten asiatischer Ländern zeigten an, dass es mit ihrer Wirtschaft bergauf ging. Doch geht es darum der Bevölkerung entscheidend besser? Ein genauer Blick auf die Zahlen lohnt sich.

          2 Min.

          Bislang kamen gute Nachrichten aus Asien: Die Region führt die Welt an im Kampf gegen die Armut. Bis 2025 sollte dieser Teil der Erde die extreme Armut endlich ausgerottet haben. Nun aber warnt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), der Maßstab für extreme Armut sei überholt und führe damit zu falschen Ergebnissen. Denn mit den bislang angesetzten 1,25 Dollar täglich als Grenzwert könne man in keinem der Länder der Region mehr sein Leben fristen. Die Schwelle müsse deutlich angehoben werden, um zu einem ehrlichen Bild zu kommen. Dann aber sind die Erfolge des Abbaus auch nicht mehr so groß, wie es derzeit scheint: Plötzlich sind nicht mehr ein gutes Fünftel der Asiaten extrem arm, sondern wieder fast ein Drittel. Durch die Anpassung der Statistik an die Wirklichkeit versinken fast 350 Millionen Menschen mehr, statistisch gesehen, in Asien wieder in extremer Armut.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Heute sieht es so aus, als hätte Asien-Pazifik die Vorgaben zum Abbau der Armut der Jahrtausendziele (Millennium Goals) erreicht. Die Erfolge sind beeindruckend: 1981 galten noch 1,6 Milliarden oder 70 Prozent der Asiaten als arm. Schon 1990 war die Zahl der Armen auf 1,48 Milliarden oder 54,7 Prozent gesunken. Dank fortschreitender Entwicklung und Wachstum hatte Asien 2010 die Armut auf 20,7 Prozent seiner Einwohner oder auf die Hälfte des Wertes von 1990 gedrückt. Getrieben wurde die Entwicklung natürlich vor allem vom Aufschwung Chinas: In Ostasien sank die Rate der Armen in zwei Jahrzehnten um 49 Prozent.

          1,25 Dollar am Tag reichen nicht

          Grundlage für die heutige Bemessung bietet dabei die 2005 festgelegte Schwelle von 1,25 Dollar täglich, gemessen in Kaufkraftparitäten. Wer nicht einmal diesen Wert zur Verfügung hat, gilt weltweit als extrem arm – er kann nur mit größter Mühe überhaupt sein Leben fristen. Zwischen 1993 und 2005 hatte die Grenze bei 1,08 Dollar gelegen. Nun aber soll sie abermals angehoben werden: die ADB empfiehlt, künftig mit 1,51 Dollar zu rechnen. „Ein tieferer Blick in Asiens Armut zeigt drei Gründe, warum die 1,25 nicht mehr angemessen sind: Die neueren Konsumdaten für Asiens Arme, den Einfluss steigender Lebensmittelpreise und die wachsende Verletzlichkeit der Region für Naturkatastrophen, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und andere Schocks“, begründen die Ökonomen ihren Vorstoß.

          Die Linie von 1,25 Dollar täglich wurde beispielsweise definiert über Konsumdaten, die zwischen 1999 und 2005 erhoben wurden – und das nur unter Beteiligung von zwei asiatischen Ländern. Inflationsraten, die in asiatischen Ländern wie etwa Indien für Lebensmittel aber über Jahre hinweg zweistellig sind, treffen besonders die Armen: Sie geben einen wesentlich größeren Anteil ihres Lebensunterhaltes für Grundnahrung aus.

          Legen die Analysten nun aber die Latte höher, steigt der Anteil der extrem Armen in Asien für das Jahr 2010 um 9,8 Prozent an. Damit läge ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nicht mehr bei 21, sondern bei knapp 31 Prozent. Die Armutsrate Indiens legt so um 15 Prozent zu, diejenige Chinas um knapp 5 Prozent und diejenige Indonesiens, des viertgrößten Landes der Erde, um knapp 10 Prozent.

          Die Ökonomen gehen aber noch weiter: Passen sie die Rate extremer Armut in Asien noch an die hohen Teuerungsraten für Lebensmittel und die Auswirkungen von Katastrophen in der Region an, so wächst der Anteil der extrem armen Asiaten 2010 von 21 auf 49,5 Prozent. „Diese Berechnungsmethode würde die Zahl der extrem armen Asiaten für das Jahr 2010 um gut eine Milliarde Menschen auf 1,75 Milliarden heben“, heißt es bei der Bank.

          Trotz Konjunkturschwankungen gibt es wenig Zweifel daran, dass die Wirtschaftsleistung Asiens im Durchschnitt jährlich um gut 5 Prozent wachsen wird. Damit scheint vorgezeichnet, dass die Armutsrate weiter rasch sinkt, zumindest gemessen an der aktuellen Grenze von 1,25 Dollar täglich, wäre sie bis 2025 unter 3 Prozent gefallen und gälte damit als „ausgerottet“. Legt man den breiteren, ehrlicheren Regionalindex zugrunde, läge der Anteil der extrem Armen auch 2030 in Asien noch bei 17 Prozent der Menschen. Allein auf dem indischen Subkontinent müsste weiterhin fast ein Viertel der Menschen um das Überleben kämpfen.

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