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Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Afrika liefert, Peking bezahlt

Von MARTIN FRANKE, Grafiken: JENS GIESEL · 22. Februar 2021

Der zweitgrößte Kontinent der Welt hat ein enormes wirtschaftliches Potential. Mit chinesischer Hilfe läuft der Aufbau der Infrastruktur.

Mehr als 1300 Kilometer führt die Benguelabahn durch das angolanische Hochland – von der Demokratischen Republik Kongo bis hinab an den Atlantik zum Hafen von Lobito. Kobalt, Kupfer und Mangan aus dem Herzen Afrikas verlassen dort den Kontinent, der zwar reich an Bodenschätzen, aber trotzdem sehr arm ist. 

Doch es ändert sich etwas in Afrika: Anfang Januar trat auf dem Kontinent das Freihandelsabkommen mit den meisten Ländern der Welt in Kraft. Im kamerunischen Küstenort Kribi entstand in wenigen Jahren ein Tiefseehafen. Senegal hat den größten Windpark Westafrikas erschaffen. Straßen, Schienen und Brücken werden erneuert und vergrößert. Das Problem ist nur: Sowohl der Wiederaufbau der Benguelabahn als auch der neue Hafen in Kamerun wurden maßgeblich nicht von den jeweiligen Staaten, sondern aus chinesischem Geld finanziert. Die Wirtschaft der 54 afrikanischen Staaten ist indes nach wie vor stark von Rohstoffexporten abhängig, vor allem von Erdöl. In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt Afrikas zwar verfünffacht, sich aber vor allem proportional zum Ölpreis entwickelt. Zu Beginn des Jahrtausends stiegen die Rohstoffpreise stark an und gaben Afrikas Wirtschaft einen Schub – 2014 und 2015 zeigte sich dann, dass der Verfall des Ölpreises auch das Wachstum drückt.

Die afrikanischen Länder, die ein diversifizierteres Portfolio an Exportprodukten anbieten können, profitieren in ihrer Handelsbilanz. Deshalb ist Südafrika das größte Exportland des Kontinents – in großen Mengen exportiert es Steinkohle, Gold und Eisenerze. Den meisten Ländern Afrikas, Angola und Nigeria etwa, bringen jedoch fast ausschließlich Erdölexporte die Devisen. Investitionsgüter und Lebensmittel müssen meistens importiert werden. Marokko hingegen, das ebenso zu den zehn wichtigsten Exportnationen zählt, hat in den vergangenen Jahren versucht, seine Wirtschaft breiter aufzustellen und eine Industrialisierung voranzutreiben. In dem Land werden Textilien und elektronische Geräte hergestellt. Nahe Casablanca, Tanger und Kenitra lassen französische Autohersteller für den europäischen Markt produzieren.

Diesen Weg werden künftig noch andere Staaten gehen müssen, wenn Afrikas Anteil am Welthandel wachsen soll. Gerade einmal 2,5 Prozent der auf der Welt exportierten Waren stammten 2019 von dem Kontinent. Sein Anteil ist seit den fünfziger Jahren sogar fast kontinuierlich gesunken. Europa, Nordamerika und Asien haben die Nase weit vorn. Immerhin verzeichneten die meisten afrikanischen Länder in den vergangenen 15 Jahren Wachstumsraten von mehr als 5 Prozent. 2015 erreichte Äthiopien ein Wachstum von mehr als 10 Prozent, auch in Ruanda konnte man einen starken Anstieg beobachten. Doch sie wachsen von einem niedrigen Niveau.

Afrika ist ein riesiger Kontinent mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Regionen, Klimagebieten und Kulturen. Die Dimensionen werden hierzulande häufig unterschätzt. Die Entfernung von Frankfurt nach Dakar ist um 2000 Kilometer kürzer als jene von der senegalischen Hauptstadt bis ans Kap der Guten Hoffnung. Trotzdem stornierten während der Ebola-Krise in Westafrika westliche Touristen reihenweise ihre Safaris im südlichen Afrika, tausende Kilometer entfernt. Dass Afrika gerade in Europa immer noch sehr „weit weg“ erscheint, zeigt sich auch in der Handelsbilanz. 

Die meisten Exporte des Kontinents gehen nicht etwa nach Deutschland, Frankreich oder Spanien, sondern nach China und Indien. Da zeigt sich auch der gar nicht uneigennützige Grund der Chinesen, in Afrikas Infrastruktur zu investieren: China, das selbst einmal Entwicklungsland war, ist zum wichtigsten Handelspartner Afrikas avanciert. Es braucht unter anderem Seltene Erden für seine Industrie und bindet die Länder durch günstiges Geld. Das hat auch politische Folgen: Laut dem panafrikanischen Meinungsforschungsinstitut „Afrobarometer“ steigt in den meisten Ländern die Zustimmung bei der Frage, ob China ein Vorbild ist.

Peking hat mit seinen günstigen Krediten aber unbestritten auf dem ganzen Kontinent eine ungeahnte Erneuerung der Infrastruktur angestoßen. Eine neue Eisenbahnstrecke von Kenias Hauptstadt Nairobi nach Mombasa am Indischen Ozean wurde 2017 fertig gestellt, finanziert zu 90 Prozent durch die chinesische Import- und Export-Bank. Von der malischen Hauptstadt Bamako in Westafrika an den Atlantischen Ozean erneuert die China Road and Bridge Corporation zur Zeit eine knapp 1000 Kilometer lange Handelsstraße für mehr als 350 Millionen Euro. Mali ist der drittgrößte Gold-Förderer in Afrika und China ist der größte Gläubiger auf dem Kontinent. Die Kreditzusagen Chinas sind zuletzt etwas rückläufig gewesen, da Peking selbst etwas vorsichtiger geworden ist. Viele afrikanische Länder sind hochverschuldet im Ausland. Bereits 1996, 1999 und 2005 beschlossen die G-7-Staaten Schuldenerlasse. 2018 versprach Xi Jinping, einigen Ländern einen Teil der Schulden zu streichen.

Ein guter Teil der ausländischen Gelder kommt allerdings nicht bei den Projekten an, für die sie gedacht sind. Denn in Afrika blüht die Korruption der Eliten. Der Ökonom Léonce Ndikumana hat herausgefunden, dass von 1970 bis 2010 von jedem geliehenen Dollar bis zu 63 Cent den Kontinent innerhalb von fünf Jahren wieder verlassen haben. Auch aus den Einnahmen des Minengeschäfts, der Erdölförderung und auch der Entwicklungszusammenarbeit fließt laut einer Studie des Forschungsinstituts „Brookings Institution“ Geld ab. Seit 1980 hat Afrika so schätzungsweise 1,3 Billionen Dollar verloren. Meist wird das Geld als Privatvermögen außer Landes gebracht. Deutschland befindet sich an sechster Stelle der Zielländer.

 

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 22.02.2021 14:42 Uhr