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Abwärtstrend : Der Euro ist in Bedrängnis

  • -Aktualisiert am

Hier kann man den Abwärtstrend der fallenden Euro-Münzen mit Gravitation erklären. Das geht in der Wirtschaft nicht. Bild: dpa

Die Leitwährung Europas kämpft mit der Marke von 1,15 Dollar. Eine Technische Analyse untersucht das Scheitern an der Widerstandszone etwas genauer.

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          Es klang in dem einen oder anderen Beitrag in den vergangenen Jahren an dieser Stelle mit Sicherheit schon das eine oder andere Mal an: Für mich ist Analyst ein richtig cooler Job. Was mich daran besonders begeistert, ist zum einen, der Zukunft ein wenig von ihrer Unsicherheit zu entreißen. Es gibt für mich kaum etwas Spannenderes, als schon heute eine Ahnung von dem zu entwickeln, was sich morgen, in der nächsten Woche oder in den nächsten Monaten wahrscheinlich zutragen wird. Der zweite Punkt ist nicht minder begeisternd – auch wenn ich schon mal großes Staunen in so mancher Mimik erlebe, wenn ich ihn vortrage: Ich darf Fehler in einem geradezu sensationellen Ausmaß machen. Wenn sich zum Beispiel Ärzte, Piloten, Postboten oder Klempner so viele Fehler leisten würden, wie ich mir leiste – rund 30 Prozent –, dann wären sie ihre Arbeitsplätze mit Sicherheit sehr schnell los.

          Der Analystenberuf hat aber zumindest auch einen gewaltigen Nachteil: Manchmal ist das Ergebnis einer Analyse eine Prognose, die man lieber für sich behalten würde. Man kann zwar stets auch auf andere Schauplätze ausweichen, um eine unangenehme Einschätzung nicht zu Markte tragen zu müssen. Aber das verträgt sich nicht so ganz mit meinem Verständnis meines Berufes. Das ständige Wegducken vor den wenig Begeisterung hervorrufenden Zukunftsfragen wäre meiner Glaubwürdigkeit aber wohl auch kaum zuträglich.

          Brüchige Unterstützung

          In meinem vergangenen Beitrag schrieb ich, dass wir uns in den nächsten Wochen mehr Sorgen um unsere Kicker machen müssen als um den Euro. Das war eine dieser Prognosen, die ich gern weggelassen hätte. Wer will schon unsere Mannschaft so kläglich wie am vergangenen Sonntag Fußball spielen sehen? Heute soll es aber vor allem um den zweiten Halbsatz gehen: „In den nächsten Wochen“ müssen wir uns keine große Sorge um den Euro machen. Zwischen den Zeilen steht in diesem Satz auch: Für die Zeit danach gilt diese Einschätzung nicht. Für die Zeit danach muss man sich schon den einen oder anderen grundsätzlichen Gedanken zum Euro wenigstens in seinem Austauschverhältnis zum Dollar machen.

          Bild: Staud Research Bad Homburg / F.A.Z.-Grafik

          Ein Blick auf den abgebildeten Chart macht das Problem in meinen Augen recht schnell gut sichtbar: Der Euro ist erst an der Widerstandszone zwischen 1,24 und 1,25 Dollar gescheitert und hat dann nur wenige Wochen später auch die massiv ausgeprägte Unterstützungszone zwischen 1,18 und 1,21 Dollar unterboten. Nun kann so etwas schon mal vorkommen. Unterstützungen dieser Qualität sind zwar beinahe aus Beton, aber auch der kann schon mal brüchig werden. Eine Fahrt über die Sauerlandlinie (A45) macht das schnell klar.

          Gewaltige Zinsdifferenzen

          Problematischer als der Bruch ist die Art und Weise, wie er geschah: Im Abwärtstrend war auf dem Weg von 1,25 nach 1,15 Dollar mehr Dynamik drin als zuvor auf derselben Strecke auf dem Weg nach oben. Geht man als Faustregel davon aus, dass die Dynamik nicht selten ein guter Hinweis auf die Hauptrichtung des Marktes ist, dann wird man momentan nur schwerlich zu einer zuversichtlichen Einschätzung unserer Gemeinschaftswährung kommen können. Dies gilt umso mehr, als so gut wie kein über die nächsten Wochen hinausreichendes technisches Instrument einem diese Sorgen wirklich nehmen kann. Dieser Chart ist nicht schön. Er dürfte uns noch zu schaffen machen.

          Um konkret zu werden: Die Unterstützung rund um 1,15 Dollar wird in den nächsten Wochen schon noch genügend Aufnahmebereitschaft produzieren, um ein unmittelbares Absacken des Euros unter diesen Bereich zu vermeiden. Im Idealfall erholt sich der Euro sogar signifikant von diesem Niveau bis in den späten Sommer hinein. Das Ganze zwar unter wilden Schwankungen – aber immerhin. Irgendwann dürfte diese Aufnahmebereitschaft aber abgearbeitet sein und der Euro unter diese Marke zurückfallen. Die nächste wirklich tragfähige Unterstützung befände sich dann im Bereich der bisherigen historischen Tiefstkurse um 1,05 Dollar. So tief muss der Euro zwar nicht unbedingt fallen. Aber so richtig ausschließen kann man dies heute nicht. Es wird spannend sein zu beobachten, was ihn so tief sinken lassen wird. Die schon heute gewaltigen Zinsdifferenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa werden es wohl nicht sein.

          Ungewisse Zukunft

          Nach dieser Prognose aus der Kategorie „unangenehm“, weil sie vielleicht, aber bitte hoffentlich nicht, die Grundfesten Europas erschüttern könnte, sollte ich vielleicht als Analyst, nicht als Fan, die folgende nachschieben: „Die Mannschaft“ wird morgen die eine andere Sorge zerstreuen können.

          Am liebsten wäre es mir nun, wenn diese letztgenannte Einschätzung richtig und die ein paar Zeilen weiter oben falsch wäre. Aber das kann ich mir, das können wir uns nicht aussuchen. Die Zukunft kann und wird immer nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ableitbar und sicher niemals gewiss sein. Diesen Respekt wird man sich, gerade als Analyst, unbedingt immer bewahren müssen.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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