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Carsten Knop

Schmiergeldskandal : Schlammschlacht um Siemens

  • -Aktualisiert am

Vergleich oder Klage? Der frühere Siemens-Chef von Pierer hat noch Bedenkzeit Bild: dpa

Es geht um Korruption, um die Unterstützung von Diktatoren, also um Fehlverhalten im großen Stil, um fragwürdige Zahlungen von mehr als 1,2 Milliarden Euro. Heinrich von Pierer gegen Gerhard Cromme: Inzwischen stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel im Aufklärungsfeldzug.

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          Es geht um Korruption, um die Unterstützung von Diktatoren, also um Fehlverhalten im großen Stil, um fragwürdige Zahlungen in Höhe von mehr als 1,2 Milliarden Euro. Es geht um den Siemens-Schmiergeldskandal, seine Aufklärung und seine juristische Bewältigung. Gestritten wird um Pflichten und die Verletzung derselben. Im Spiel sind gesetzliche Erfordernisse, aber auch viel Menschliches. Auf öffentlicher Bühne gegeben wird der Kampf von zwei großen alten deutschen Managern gegeneinander. Die Rede ist vom ehemaligen Siemens-Vorstands- und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer („Mr. Siemens“), einigen seiner Kollegen aus seiner aktiven Siemens-Zeit, und natürlich vom heutigen Siemens-Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme, der sich in der Rolle des Chefaufklärers sieht (Siemens-Schmiergeldskandal: Zwei Großväter und ihre Egos).

          Im Spiel sind auch Heerscharen von Anwälten namhafter Kanzleien aus dem In- und Ausland, die seit Jahren mit Fleiß und ebenso großer Freude eine Beratungsstunde nach der nächsten abrechnen. Meinung machen unterdessen Öffentlichkeitsarbeiter, Spin-Doktoren, Aufsichtsräte, Arbeitnehmer und ihre Vertreter – und nicht zuletzt zahlreiche Journalisten, die versuchen, Informationen zu beschaffen, und der veröffentlichten Meinung ihren Stempel aufdrücken wollen – und hierbei nicht selten desinformiert werden. Es geht um den Ruf aller Beteiligten, um viel Geld, aber auch, was man gelegentlich betonen muss, um den Traditionskonzern Siemens. Es wird also mit höchsten Einsätzen gespielt. Bis Mitte November müssen alle Karten auf den Tisch. Bis dahin haben die Siemens-Vorstände, die sich mit dem Unternehmen bisher nicht einigen konnten, Zeit, sich zu entscheiden: Nehmen auch sie das vom Siemens-Aufsichtsrat unterbreitete und möglicherweise überarbeitete Vergleichsangebot an? Oder lassen sie sich verklagen?

          Scheitert der Vergleich, wird geklagt

          Denn wenn es nicht zu einem Vergleich kommt, dann wird geklagt. Das hat Cromme unmissverständlich gesagt; und das ist de jure auch gar nichts Persönliches: Vielmehr sind der Siemens-Aufsichtsrat und sein Vorsitzender dazu verpflichtet, Schadenersatz von den betroffenen, früheren Vorständen geltend zu machen, wenn tatsächlich ein Schaden entstanden ist. Die Arbeitnehmervertreter in diesem Gremium rufen ebenfalls laut danach; nicht zuletzt müssen die Aktionäre auf der Hauptversammlung mit dem Ergebnis einverstanden sein. Und doch gibt es einen – ganz im Gegensatz zu harten Paragraphen – höchst menschlichen Ermessensspielraum zu der Frage, wie sehr die Beteiligten gewillt sind, aufeinander zuzugehen.

          Und in diesem Punkt haben Pierer, Cromme und alle anderen Betroffenen so große Defizite, dass man sich fragt, wie auf der Basis derartiger Trümmerhaufen von Gefühlen überhaupt große Unternehmen geführt werden können. Das wird nach einer Phase der Ruhe in diesen Tagen besonders deutlich, je näher nämlich der Termin rückt, zu dem sich die früheren Vorstände erklären müssen. Die wiederum, jedenfalls die Prominentesten unter ihnen, lassen wissen, man sehe die Vorwürfe nicht ein und halte den geforderten Schadenersatz in seiner Höhe für willkürlich. Hinzu komme, dass die Staatsanwaltschaft in München in den meisten Fällen im Rahmen ihrer umfangreichen Nachforschungen bisher nichts bis wenig Verwertbares gegen die Beschuldigten zutage gefördert habe.

          Pressearbeit à la Siemens

          Siemens gibt unterdessen mehr oder weniger offen Einblick in die vermutete Vermögenslage eines Heinrich von Pierer, um die geforderte Schadenersatzsumme von 6 Millionen Euro in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Und wenn die erste informierte Zeitung dies nicht gleich begierig aufgreift, wird eben die nächste unterrichtet. Schließlich muss Druck aufgebaut werden. Darüber echauffiert sich Pierer – zu Recht. Und dann verweist er seinerseits darauf, dass Siemens sich die juristische Aufarbeitung des Falls schon knapp 1 Milliarde Euro allein für Anwälte habe kosten lassen – und fragt, wie das in Relation zu der kaum höheren Summe fragwürdiger Zahlungen stehe, wie man sich als Einzelperson gegen diesen Apparat wehren könne.

          Nun soll die Verantwortung für das, was bei Siemens geschehen ist, hier nicht umgekehrt werden. Gleichwohl stellt sich in diesem Fall inzwischen sehr wohl die Frage der Verhältnismäßigkeit des nicht selten mit unfairen Mitteln geführten Aufklärungs-Feldzugs. Siemens und Cromme täten gut daran, einen Gang zurückzuschalten: Nicht in der sauberen Art und Weise, wie Geschäfte bei Siemens heute und in Zukunft angebahnt und abgewickelt werden. Wohl aber in der aggressiven Form des Umgangs mit Menschen, die früher zum Teil gute Freunde waren.

          Die Nervosität ist ohnehin fehl am Platz. Das wahrscheinlichste Szenario ist eher, dass alle Beschuldigten auf die eine oder andere Weise einlenken, werden sie von ihren Familien doch schon vor einer jahrelangen Auseinandersetzung mit ungewissem Ausgang gewarnt. Nur: Ein großer Erfolg wird das für Cromme und die Seinen nicht mehr. Dafür haben gerade in der jüngsten Zeit zu viel Porzellan zerschlagen.

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