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Schmiergeldaffäre : Gribkowskys eigene Welt

„Die Formel 1 ist Hollywood“: Gerhard Gribkowsky Bild: AFP

Der Banker Gerhard Gribkowsky soll Schmiergelder aus der Formel 1 bekommen haben. „Peanuts“, sagt sein Verteidiger. Bernie Ecclestone soll im November aussagen.

          3 Min.

          Während seiner zehnmonatigen Untersuchungshaft hat Gerhard Gribkowsky beharrlich geschwiegen. Und auch vor Gericht ändert der Angeklagte sein Verhalten nicht. Dafür spricht sein Verteidiger Rainer Brüssow. Und was der an diesem Montagmorgen im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums über seinen Mandanten und dessen Geschäfte in der schillernden Welt der Formel1 zu erzählen hat, erstaunt die vielen Zuschauer doch sehr.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Brüssow entwirft in seiner Erwiderung auf die Anklage das Bild eines gewieften Bankvorstands, der für seinen Arbeitgeber, die Bayerische Landesbank, hartnäckig und erfolgreich verhandelt und so die Beteiligung an der Formel 1 gewinnbringend und zum Wohle des Steuerzahlers für stolze 840 Millionen Dollar veräußert hat. Dass womöglich im Gegenzug 44 Millionen Dollar von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone an Gribkowsky geflossen sind, das, sagt Brüssow später in der Verhandlungspause vor Journalisten, seien „im Prinzip Peanuts“ gewesen.

          Für die Staatsanwaltschaft ist es schlichtweg Schmiergeld, weil Gribkowsky die Formel 1 ganz im Sinne von Ecclestone an den britischen Investor CVC verkauft hat. Und für die Normalverdiener ist allein schon die Summe unvorstellbar hoch. Selbst in der Luxuswelt des Motorrennsports, sollte man glauben, dürften Beratungsleistungen nicht alle Tage so üppig vergütet werden. „Nein“, sagt Gribkowsky-Verteidiger Brüssow, „die Formel 1 ist Hollywood“, eine eigene Welt, mit der sich die Staatsanwaltschaft aber nicht eingehend beschäftigt habe, weil sie beseelt gewesen sei von dem Wunsch, „unseren Mandanten einer strafbaren Abrede mit dem beschuldigten Zeugen Ecclestone zu überführen.“

          Brüssow spricht leise, er lispelt, doch seine Sätze mit scharf gesprochenem „S“ durchschneiden die Stille im Saal. Rhetorisch gewitzt zitiert Brüssow aus dem kommunistischen Manifest von Marx und Engels („Ein Gespenst geht um in Europa“), um der Staatsanwaltschaft unter dem Gelächter der Zuhörer, ein „Gespenst der Korruption“ unterzujubeln, „wo tatsächlich nur der äußerst erfolgreiche Verkauf der Formel-1-Anteile im Raum steht“. So stellt Brüssow die gesamte Anklage als etwas Unwirkliches, nicht Existierendes hin.

          Gribkowsky hört beinahe gelangweilt zu

          Mit einem Strafverteidiger wie Brüssow an seiner Seite, kann sich auch ein Angeklagter wie Gribkowsky siegessicher fühlen. Und so tritt der einstige Risikovorstand der Bayern LB zu Verhandlungsbeginn auch auf. Minutenlang arbeiten sich die Fotografen und Kameraleute an dem stämmigen Mann ab, den die Gerichtsdiener in den Saal geführt haben. Gribkowsky, den der Boulevard nur den „Gier-Banker“ nennt, lächelt zuversichtlich in die Objektive. Er trägt die Uniform des erfolgreichen Managers, dunkler Anzug mit Weste, weißes Hemd mit steifen Doppelmanschetten und Einstecktuch im Revers.

          Flankiert von seinen Verteidigern nimmt er auf der Anklagebank rechts vom Richter Platz. Beinahe gelangweilt hört er zu, was in den kommenden vier Stunden über ihn referiert wird. Gribkowsky wirkt fit und robust, nicht wie jemand, der sich erst im Januar noch wegen eines Vorhofflimmerns schon das zweite Mal einer Herzoperation unterziehen musste. Das Hemd sitzt eng am Kragen, allenfalls die zusammengepressten Lippen und die leichte Röte im Gesicht verraten den Stress des Angeklagten.

          Im November soll Formel-1-Boss Bernie Ecclestone aussagen

          Für die Ermittler hat sich der 53 Jahre alte Gribkowsky der Bestechlichkeit als Amtsträger, Steuerhinterziehung und Untreue schuldig gemacht, nachdem er im Frühjahr 2006 die Formel-1-Anteile der BayernLB verkauft hat. Staatsanwalt Martin Bauer schildert ausführlich, wie die Bank plötzlich mit zwei anderen Instituten die Mehrheit an der Formel-1-Holding SLEC besaß, weil ihr diese Rechte nach der Pleite des Medienmoguls Leo Kirch zufielen; als Sicherheit für einen Milliardenkredit.

          Gribkowsky ist die meiste Zeit in einen Aktenordner vertieft. Nur einmal schaut er amüsiert in Richtung Staatsanwaltschaft: Bauer spekuliert über die persönlichen Beweggründe des Angeklagten, der „sich ein neues berufliches Leben, sei es als Nachfolger von Ecclestone oder als selbständiger Berater“ aufbauen wollte, als Gribkowsky ihm ein abfälliges Lächeln rüberwirft - so, als wisse der Staatsanwalt nicht, worüber er da gerade spricht.

          Pole Position für den Mandanten

          Noch ehe der Staatsanwalt die Anklage verlesen kann, haben die Verteidiger Dirk Petri und Daniel Amelung zwei Anträge zu stellen. Zum einen fordern sie die Abgabe dienstlicher Stellungnahmen durch die Mitglieder der Kammer, weil diese in einer Geschäftsbeziehung zur BayernLB stehen könnten; zum anderen wollen sie den Prozess so lange aussetzen lassen, bis ein anderes Verfahren, der umstrittene Kauf der Hypo Alpe Adria durch die Bayern LB, aufgenommen worden ist. Beide Anträge werden von Richter Peter Noll am Nachmittag abgelehnt.

          Denn es ist der leicht durchschaubare Versuch der Verteidigung, ihren Mandanten gewissermaßen in die Pole Position zu bringen. Doch Gerhard Gribkowsky wird sich auf ein langes Rennen einstellen müssen. 26 Verhandlungstage hat die 5. Strafkammer des Landgerichts in diesem Mammutprozess angesetzt. Der 160 Seiten langen Anklage gegen Gribkowsky ist zu entnehmen, dass Ecclestone der Hauptbelastungszeuge sein wird. Der Brite soll am 9. und 10. November Einblicke in die Welt der Formel 1 geben. Und in einem Punkt sind sich sogar Staatsanwaltschaft und Verteidigung einig: Ohne Ecclestone ist ein Geschäft in der Formel 1 nicht möglich.

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