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Deutsche Bahn : Schluss mit den hochgesteckten Bahnzielen

  • -Aktualisiert am

Langes Warten: Bahn-Kunden in Hamburg. Bild: dpa

Viel mehr Passagiere, viel mehr Güter auf der Schiene: Wie soll das funktionieren, wenn die Infrastruktur nicht funktioniert? Zeit für Bahn und Politik, sich ehrlich zu machen.

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          Sobald Bahnchef Richard Lutz in diesen Tagen irgendwo auftritt, wird von ihm vor allem eines verlangt: Abbitte leisten. Dafür, dass sein Unternehmen die Nerven der Deutschen beansprucht wie kein anderes. Dafür, dass es seiner Kernaufgabe nicht nachkommt, Menschen und Güter stressfrei, pünktlich und sicher von A nach B zu bringen.

          Lutz nimmt den Ball gerne auf, wenn er davon spricht, die derzeitige Leistung der Bahn sei „nicht akzeptabel“. Was muss ein Manager machen, wenn die Produkte seines Unternehmens „nicht akzeptabel“ sind? Entweder für schnelle Besserung sorgen oder abtreten.

          Im Fall der Bahn ist Ersteres nicht zu realisieren und Letzteres nicht sinnvoll. Auch ein Nachfolger könnte nicht mehr tun als festzustellen: Das System Eisenbahn in Deutschland steckt in einer der größten Krisen seiner Geschichte. Es dauert Jahre, bis es von dort wieder herausfindet. Dieses Jahrzehnt wird durchgehend geprägt sein von Milliardeninvestitionen in eine marode Infrastruktur – eine Infrastruktur, die die schnellsten Züge erbarmungslos ausbremst.

          Mit mehr Ehrlichkeit wäre viel gewonnen

          Bahn und Politik haben zumindest diese Diagnose schon geleistet. „Weiter so“ war gestern, heute gilt: Bauen auf Rekordniveau und Sofortmaßnahmen, die schnell helfen. „Alles, was Verbesserungen für die Kundinnen und Kunden bringt, hat jetzt Vorfahrt“, formuliert Lutz. Noch merken die Fahrgäste davon nichts, im Gegenteil. Erschwerend kommt hinzu, dass Aktionen wie das 9-Euro-Ticket mehr Fahrgäste in ein System lotsen, das diese Fülle nicht verträgt.

          Aktuell könne die Schieneninfrastruktur nicht mit dem Verkehrszuwachs mithalten, räumt selbst Lutz ein. Mehr Staus auf der Schiene und Verspätungen seien die Folge. An ihren Wachstumsplänen halten die Verantwortlichen trotzdem fest. Bis 2030 soll sich die Zahl der Fernverkehrskunden verdoppeln und der Güterverkehrsanteil der Schiene von 19 Prozent auf 25 Prozent erhöhen.

          Alles schön und gut fürs Klima – aber unrealistisch. Wenn sich Bahn und Politik ehrlich machten und ihre illusionären Ziele ad acta legten, wäre schon viel gewonnen. Nicht für die Fahrgäste, aber wenigstens für die Glaubwürdigkeit der Akteure.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

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