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Schluss mit dem Eltern-Bashing : Lob der Helikopter-Eltern

Der beständige Beschuss bleibt nicht ohne Konsequenzen

Nur: Woher wissen all jene, die sich der Deutungshoheit über Elternverhalten und kindliche Entwicklungen bemächtigt haben, eigentlich, was richtige Erziehung ist? Wer darf sich anmaßen, Elternverhalten als pathologisch zu bezeichnen, nur weil sich ein Vater oder eine Mutter entschlossen haben, den extra für sie eingerichteten Elterntag an einer Universität mit ihren Kindern zu besuchen, was früher nicht üblich war? Und vor allem: Wer sagt eigentlich, dass so manch gewöhnungsbedürftiges Verhalten dem Nachwuchs wirklich schadet?

Im Grunde weiß das niemand, weil die Kinder und Jugendlichen ja noch nicht als Erwachsene im Berufsleben stehen. Die Ergebnisse des vermeintlich riesigen sozialen Experimentes, das derzeit angeblich durch einen überbehütenden Erziehungsstil in Gang gesetzt wurde, liegen überhaupt noch nicht vor. Man wird also nicht genau sagen können, was tatsächlich aus just diesen Kindern wird. Man müsste sich gedulden - ein paar Jahre zumindest noch, wollte man es denn wirklich genau wissen. Aber darum geht es hier nicht.

Es ist das billige Geschäft all derer, die Elternverhalten beurteilen, es mit Ursache und Wirkung nicht besonders genau zu nehmen. Stattdessen werden elterliche Erziehungsbemühungen in einen linearen Wirkungszusammenhang mit bestimmtem Verhalten der Kinder gesetzt. Es wird immer suggeriert, das eine sei der Grund für das andere. Der cholerische Vater sei der Grund für die Aggressivität seiner Tochter, die überbehütende Mutter die Ursache für überbordende Ängstlichkeit des Sohnes. Nur ist das nicht erwiesen - schon gar nicht wissenschaftlich sauber. Die Studien, die der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Erziehungsstil und Charakter nachgehen, liefern keinesfalls eindeutige Ergebnisse. In die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielen dafür viel zu viele Dinge hinein.

Wer davon ausgeht, dass die Larmoyanz über den Zustand der Erziehung nahezu eine Konstante in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist, der könnte die gesamte Elternschelte getrost auf die leichte Schulter nehmen und darauf setzen, dass Eltern sich im täglichen „Trial and error“ die Erziehungskompetenz schon aneignen, die sich brauchen. Und dass die Mannigfaltigkeit außerfamiliärer Erfahrungen so manchen elterlichen Fehler korrigiert. So ist es ja immer gewesen. Doch der beständige Beschuss, die Verunglimpfung, die sarkastischen Versuche, Eltern ins Lächerliche zu ziehen, bleiben auf Dauer nicht ohne Konsequenzen.

Die Wellen des Eltern-Bashings wirken nachhaltig

Die Elternverunsicherung bringt vor allem gute Geschäfte. Es macht also Sinn, diese Verunsicherung zu schüren. Denn nur verunsicherte Eltern bevölkern mit ihren Kindern die Praxen von Psychologen, kaufen einen Ratgeber nach dem anderen, rennen in teure Elternkurse, in denen sie im Erziehen erzogen werden. Sie geben Unsummen aus, um sich und ihre Kinder der Mainstream-Vorstellung einer ausbalancierten Familie anzupassen. Hier geht es um Milliardenumsätze einer Branche, der selbstbewusste Eltern den Garaus machen würden. Allerdings sind hier Eltern noch Herr ihrer selbst. Sie könnten Bücher ja auch nicht kaufen, sich jeglicher Beschulung verweigern und ihr Geld lieber anders ausgeben. Das eine oder andere mag verschwendet sein, gefährlich aber ist es noch nicht.

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