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Chancengerechtigkeit : Schlechte Chancen für bildungsferne Familien auf Kitaplatz

  • -Aktualisiert am

Das Be­werbungsverfahren für einen Kitaplatz ist komplex. Bildungsfernere Eltern sind im Nachteil. Bild: dpa

Obwohl Kinder aus benachteiligten Verhältnissen stark vom Kitabesuch profitieren können, haben ihre Eltern es besonders schwer, einen Platz zu bekommen. Wie kann man das ändern? Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Der Weg in die Schildkrötengruppe ist weit. Nur etwa 31 Prozent aller Kinder unter drei Jahren haben bundesweit einen Kitaplatz, obwohl sich 44 Prozent der Eltern einen Platz wünschen. Insbesondere Kinder aus bildungsferneren Familien sind in den Kitas stark unterrepräsentiert. Aus Sicht der Chancengerechtigkeit ist das ein großes Problem. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass Kinder aus benachteiligten Verhältnissen besonders stark vom Kitabesuch profitieren können. Dennoch erhalten sie viel seltener einen der begehrten Kitaplätze – beispielsweise beträgt der Unterschied im Kitabesuch zwischen Kindern von Eltern mit und ohne Abitur etwa 14 Prozentpunkte. Zwar ist auch der Wunsch nach Kitaplätzen in bildungsferneren Fa­milien tendenziell geringer, doch das er­klärt die Unterschiede bei der Platzinanspruchnahme kaum.

          Eine mögliche Ursache für die geringere Inanspruchnahme von Kinderbetreuung in bildungsferneren Familien ist die Art, wie Kitaplätze in Deutschland ver­geben werden. Plätze sind knapp, und Aufnahmeentscheidungen werden meist nicht zentral, sondern von den einzelnen Kitas getroffen. Nach Informationen zu den Aufnahmekriterien suchen Eltern allerdings häufig vergeblich. Auch der Be­werbungsprozess an sich ist kein Kinderspiel: Es müssen Formulare ausgefüllt und Abgabetermine im Blick behalten wer­den.

          Eltern, denen die schwierige Si­tuation auf dem deutschen Kitamarkt bewusst ist, bewerben sich häufig bei meh­reren Kitas und manchmal sogar schon während der Schwangerschaft. An­gesichts der hohen Komplexität des Be­werbungsverfahrens sind bildungsfernere Eltern möglicherweise im Nachteil, wenn nämlich gerade ihnen das nötige Know-how fehlt, um im Kitabewerbungsprozess erfolgreich zu sein.

          Hilfe im Bewerbungsprozess 

          Es spricht also vieles dafür, dass eine Unterstützung der Familien im Bewerbungsprozess die soziale Ungleichheit im Kitabesuch verringern könnte. Wir können nun erstmals einen empirischen Beleg für diese Vermutung liefern. Dazu haben wir in den Jahren 2018/2019 eine groß an­gelegte Feldstudie mit mehr als 600 Familien mit Kindern im Alter von 0-1 Jahren in Rheinland-Pfalz durchgeführt. Ein zu­fällig ausgewählter Teil der Familien (die „Treatment-Gruppe“) bekam ein kurzes und leicht verständliches Informations­video zu den Themen Kinderbetreuung und Kitaplatzbewerbung zu sehen.

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          Außerdem konnten die Familien in der Treatment-Gruppe Unterstützung durch ge­schulte Hilfskräfte in Anspruch nehmen, die bei der Suche nach Kitas, Formularen und Fristen halfen – das dauerte im Schnitt gerade mal 90 Minuten pro Familie. Der andere zufällig ausgewählte Teil der Familien (die „Kontrollgruppe“) erhielt weder Informationen noch ein Unterstützungsangebot. Durch die zufällige Einteilung der Familien in Treatment- und Kontrollgruppe lassen sich etwaige Unterschiede im Kitabewerbungsverhalten und im Kitabesuch ursächlich auf unsere Maßnahmen zurückführen.

          Um zu untersuchen, wie die Ungleichheit zwischen bildungsnäheren und -ferneren Familien von unserem Informations- und Unterstützungsangebot beeinflusst wurde, haben wir die Eltern neun Monate nach Ende der Maßnahmen abermals befragt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. So war die Wahrscheinlichkeit, dass sich bildungsfernere Familien in der Treatment-Gruppe um einen Kitaplatz be­werben, um 21 Prozentpunkte höher als für vergleichbare Familien in der Kon­trollgruppe. Bei bildungsnäheren Familien war hingegen kein Effekt der Maßnahmen erkennbar. Daher konnte der Un­terschied in der Bewerbungswahrscheinlichkeit zwischen bildungsnäheren und -ferneren Familien praktisch vollständig ge­schlossen werden.

          Informationen reduzieren Ungleichheit

          Die Maßnahmen erhöhten auch die Er­folgsaussichten bildungsfernerer Familien: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Familien tatsächlich einen Kitaplatz bekamen, stieg um 16 Prozentpunkte. Die Erfolgsrate bildungsnäherer Familien blieb durch die Maßnahmen wiederum unverändert. So konnte die Diskrepanz zwischen bildungsnäheren und -ferneren Familien beim Kitabesuch mehr als halbiert werden. Festzuhalten bleibt also, dass die bloße Bereitstellung von Informationen und eines knapp be­messenen Unterstützungsangebots die Un­gleichheit in der Kitateilhabe erheblich reduzieren konnte.

          Was bedeuten diese Ergebnisse für die Familienpolitik und die Förderung frühkindlicher Bildungsbeteiligung? Die Ungleichheit in der Inanspruchnahme ei­nes Kitaplatzes ließe sich stark reduzieren, wenn Informationsdefizite und informelle Hindernisse im Bewerbungsprozess abgebaut würden. Aus diesem Befund folgt allerdings nicht, dass unsere Informations- und Unterstützungsmaßnahmen nun einfach großflächig umgesetzt werden sollten. Es bedarf vielmehr struktureller Maß­nahmen, um die Kitaplatzvergabe zu vereinfachen.

          Hierzu zählen etwa zentrale Vergabesysteme zur Beseitigung von Ineffizienzen (wenn Eltern beispielsweise auf mehr als 30 Wartelisten gleichzeitig stehen und somit Plätze für andere blockieren), niedrigschwellig zugängliche und mehrsprachige Informationen (etwa bei Kinderärzten oder in Stadtteilzen­tren), vorausgefüllte Formulare und individuelle Hilfe für besonders benachteiligte Familien. Gleichzeitig sollte großflächig in den Ausbau der Kitakapazitäten investiert werden, denn nach wie vor finden viele Familien trotz Rechtsanspruch keinen passenden Kitaplatz.

          Solange nicht genügend Kitaplätze zur Verfügung stehen und die Bewerbungsprozesse komplex und undurchsichtig blei­ben, kann die Politik selbst mit begrüßenswerten Schritten wie dem Starke-Familien-Gesetz und dem Gute-Kita-Gesetz kaum eine Trendwende hin zu mehr Ge­rechtigkeit in der frühkindlichen Bildung schaffen. Gleichzeitig gilt aber auch: Ge­lingt es der Politik, endlich allen interessierten Familien auch einen Kitaplatz zur Verfügung zu stellen, liegt darin ein wichtiger Schlüssel zur Bekämpfung der Bildungsungleichheit in Deutschland.

          Henning Hermes ist Postdoc am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

          Philipp Lergetporer ist Professor für Economics an der Technischen Universität München.

          Frauke Peter ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Bildungsverläufe und Beschäftigung am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).

          Simon Wiederhold ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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