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„Schickedanz-Syndrom“ : Mehr Reiche, mehr Sorgen

Bild: F.A.Z.

„Sorgenfrei reich“, das mag als Traum vieler Arbeitnehmer gelten, tatsächlich lebt aber nur einer von hundert Deutschen in diesem Zustand. Und in der Wirtschaftskrise sind spektakuläre soziale Abstiege von einst Superreichen zu beobachten. Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz ist eine von ihnen.

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          In der Wirtschaftskrise sind spektakuläre soziale Abstiege von einst Superreichen zu beobachten: Das Milliardenvermögen der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz schmolz auf wenige Millionen zusammen. Nach Einschätzung der Arcandor-Insolvenzverwalter wird Schickedanz aus ihrer Beteiligung an dem Kaufhauskonzern zum Schluss wohl gar nichts mehr erhalten. In Interviews spricht die frühere Milliardärin schon über ein Leben auf Hartz-IV-Niveau.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Madeleine Schickedanz gehört definitiv nicht mehr zu den "sorgenfreien Reichen", die der Soziologieprofessor Olaf Groh-Samberg von der Universität Bremen jetzt in einer Studie für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beschreibt. Zwar ist die Zahl der Reichen in Deutschland deutlich gestiegen. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatten gut 5 Prozent ein Nettoeinkommen von mehr als dem Doppelten des mittleren (Median-)Einkommens der Bevölkerung, nach den jüngsten Statistiken sind es mehr als 7 Prozent. Das Doppelte des Medianeinkommens ist 2600 Euro monatlich.

          Wer wirklich reich ist

          Wirklich reich ist im materiellen Sinne nach Groh-Sambergs Definition nur, wer dauerhaft ein so hohes Einkommen hat - also über fünf Jahre konstant über dem Median der Bevölkerung liegt. Dieser Anteil stieg von 2 auf 3 Prozent. Im Jahr 2008, also mit Beginn der Finanzkrise, sei die Tendenz zum Wachsen der Reichenpopulation schon leicht rückläufig.

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          Jenseits materieller Fragen drückt sich Reichtum für den Soziologen in einem "sorgenfreien Leben" aus. "Wer wirklich reich ist, ist vollständig von dem Zwang entbunden, sich und gegebenenfalls ökonomisch abhängige Familienmitglieder über seine eigene Arbeit und Anstrengung am Leben zu erhalten", heißt es in der Studie. Diese Freiheit von materiellen Sorgen verleihe eine spezielle Gelassenheit; davon unterscheide sich der oft "verkrampfte Habitus des Aufsteigers", sagt Groh-Samberg.

          In Umfragen des DIW für das Sozioökonomische Panel (Soep), eine große Langzeitstudie mit fast zwanzigtausend Personen, geben etwa 20 Prozent der Erwachsenen an, sie sorgten sich nicht über ihre wirtschaftliche Situation und ihren Arbeitsplatz. Dieser Wert schwankt deutlich mit der konjunkturellen Entwicklung. Dauerhaft, also über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren, zeigte sich nur ein kleinerer Anteil der Befragten sorgenfrei. Dieser Wert ist seit den neunziger Jahren sogar gesunken: von 9 Prozent auf unter 6 Prozent in der jüngsten Umfrage. "Der sorgenfreie Reichtum bewegt sich offenbar jenseits der turbulenten Welt unmittelbarer Markteinflüsse und stellt ein sehr seltenes und konjunkturunabhängiges Phänomen dar", sagt Groh-Samberg.

          Beamte im Westen ohne Kinder

          Zu der sehr kleinen Gruppe von ganz Reichen, die mehr als das doppelte Nettoeinkommen verdienen und zugleich ein sechs- bis siebenfach höheres Vermögen haben als der nationale Durchschnitt, zählen nach den Soep-Daten nur 1 Prozent der Bevölkerung. Dazu zählen auffällig viele ältere Paare in Westdeutschland, häufig akademisch gebildet, die ohne Kinder im Haushalt leben. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen dieser Gruppe arbeiten als Beamte oder im öffentlichen Dienst.

          Nach den Umfragen leben mehr als 50 Prozent der Bevölkerung nie ohne Sorgen. Mitte der neunziger Jahren lag dieser Wert viel niedriger. Selbst Personen, die dauerhaft über der Schwelle zum Einkommens- und Vermögensreichtum liegen, äußern zunehmend materielle Sorgen. Das DIW spricht explizit von einem Schickedanz-Syndrom. Groh-Sambergs Fazit lautet: "Die Ergebnisse spiegeln die steigende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und in jüngerer Zeit auch auf dem Kapitalmarkt sowie gegenüber der sozialstaatlichen Absicherung wider."

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