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Medikamente : Scheitert Covid-19-Präparat an Finanzierung?

Medikamente gegen Grippe (Symbolbild) Bild: dpa

Einem kleinen österreichischen Biotechnologieunternehmen fehlen 10 Millionen Euro für eine klinische Studie an einem erprobtem Wirkstoff. Erste Tests sollen in China stattfinden.

          3 Min.

          Das Coronavirus hat auch die Pharma-Industrie kalt erwischt. Mit Hochdruck wird an Schnelltests für potentiell Infizierte gearbeitet. Drei Dutzend Unternehmen forschen nach einer Zählung des Verbands forschender Arzneimittelhersteller bereits an einem Impfstoff gegen das weltweit verbreitete Virus. Medikamente dagegen haben Ärzte und Industrie bisher nicht in der Hand. Wohl aber gibt es erste vielversprechende Entwicklungen, die jetzt getestet werden müssen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Eine solche könnte „APN01“ aus dem Labor des österreichischen Biotechnologieunternehmens Apeiron sein. Dessen Mitbegründer ist der in Kanada forschende österreichische Genetiker Josef Penninger. Mit Blick auf die vielen derzeit erwogenen Behandlungsansätze sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. selbstbewusst: „Wir haben wahrscheinlich den rationalsten Ansatz.“ Schon kurbelt Apeiron die aufwendige biotechnologische Produktion für anstehende Großversuche an. Doch Penninger hat noch ein sehr großes Problem: „Aktuell fehlt uns das Geld für die notwendigen klinischen Versuche.“

          Penninger hat bereits vor 18 Jahre beim ersten Ausbruch des Sars-Virus, das zur Familie der Corona-Viren zählt, zur Wirkweise des Virus geforscht und später ein biotechnologisch hergestelltes Gegenmittel für befallene Lungenpatienten entwickelt. Das blockiere das Virus versperre ihm den Weg in die Zelle. „Es kommt schwerer durch die Türe“, beschreibt Penninger die Wirkweise.

          Tests hätten zudem gezeigt, dass das Mittel vor akutem Lungenversagen schütze. Mit Versuchen an 89 gesunden Probanden, sogenannten Phase-1-Studien, sei auch nachgewiesen worden, dass das intravenös verabreichte Medikament keinen Schaden anrichte. Darüber wurde weithin in Fachorganen publiziert. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline hatte sogar die Lizenz daran erworben, sie aber Ende vergangenen Jahres an Apeiron zurückgegeben.

          Erster Test musste abgesagt werden wegen „Wildwuchs an Studien“

          Apeiron ist ein kleiner Hersteller. Mit 20 Leuten fällt die gesamte Belegschaft kleiner aus als in manchem Pharmakonzernen die Abteilung, die nur klinische Tests betreute, sagt Penninger. Der Hersteller, der schon mit einem Kinderkrebsmedikament erfolgreich sei, will jetzt „APN01“ als Medikament zur Behandlung schwerer Covid-Verläufe auf den Markt bringen. „Wir wissen, das Mittel ist aktiv und es ist relativ sicher, also man kann das anwenden. Jetzt müssen wir es an Covid-19-Patienten testen“, sagt Penninger.

          Deutsche Branchenexperten nennen das Vorgehen sinn- und planvoll. Penninger ist Chef des Life Science Instituts an der British Columbia University in Vancouver. Der Münsteraner Max-Planck-Forscher Hans Schöler lobt ihn dieser Tage bei einer Ehrung an der Universität Münster als einer der „Top Ten der weltweiten Wissenschaftler“.

          Ein erster klinischer Test für das Apeiron-Medikament in China war schon Ende Februar angekündigt worden. Der musste aber abgesagt werden, nachdem die chinesischen Behörden wegen des plötzlichen „Wildwuchses an Studien“ alle Tests abgesagt hatten. In dieser Woche werde man nun die Unterlagen neu bei der Zulassungsbehörde in China einreichen, sagt Penninger. Er ist zuversichtlich, bald mit den Versuchen an Kranken, also der klinische Phase 2, beginnen zu können. Dabei bekommen manche Patienten das neue Präparat, andere ein Placebo, um die Wirksamkeit besser vergleichen zu können. Begonnen werden soll mit 24 Patienten, am Ende sollen es an die 150 sein.

          Eine ebenso große Phase-2-Studie will Penninger jetzt in Europa auflegen, aktuell der Herd der Corona-Pandemie. „Wir reden schon mit Leuten in Frankreich, der Schweiz, Österreich, Italien“, berichtet der 55 Jahre alte Wissenschaftler. In Italien sei es allerdings schwer, Teams zu finden. Dort seien die Mediziner alle in die direkte Versorgung der Patienten eingespannt. Das größere Problem sei allerdings derzeit, das nötige Geld für die Studien aufzutreiben, sagt Penninger.

          Ihm will nicht in den Kopf, dass die Angst vor der Corona-Ansteckung in den vergangenen Tagen Billionen-Werte an den Börsen vernichtet habe, seinem Unternehmen für ein wahrscheinlich aussichtsreiches Präparat zur Bekämpfung der Epidemie aber das Geld zur Finanzierung der Studie fehle.“ So eine Studie kostet uns mindesten 10 Millionen Euro. Wir sind hoffnungsfroh, dass wir einen Finanzier finden, aber an dem hängt es.“ Bis Sonntagnacht hatte er noch keinen für seinen Covid-19-Entzündungshemmer gefunden. Da mailte er: „Investors - still not (which is crazy).“

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