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Philip Hammond : Theresa Mays wichtigster Mann

Philip Hammond Bild: AFP

Großbritanniens neuer Schatzkanzler Philip Hammond muss die Wirtschaft des Landes sicher durch die Brexit-Wirren bringen. Eine Höllenaufgabe.

          Der neue Mann macht keinen Hehl daraus, dass er nun da ist, wo er hinwollte: „Ich war an diesem Posten immer interessiert“, bekannte Philip Hammond, Großbritanniens neuer Schatzkanzler, am Donnerstag in einem Interview mit der BBC. Bisher war er Außenminister, jetzt gibt ihm die frisch gekürte britische Premierministerin Theresa May den wichtigsten Ministerposten in ihrem Kabinett. Als Kassenwart der Nation zieht er nach „Number 11“ – dem Dienstsitz des Schatzkanzlers in der Londoner Downing Street, direkt neben dem der Premierministerin.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Hammond hat einen Höllenjob bekommen: Schatzkanzler werden in Großbritannien daran gemessen, wie gut oder schlecht es der Wirtschaft geht – und diese steuert jetzt dem schwierigen Brexit-Scheidungsprozess entgegen. Seine Chefin May hat die Latte noch höher gelegt: „An economy that works for everyone“ hat May in dieser Woche den Bürgern immer wieder versprochen. Zu Deutsch: Der Wohlstand soll in Großbritannien in Zukunft fairer verteilt werden als bisher. Das allerdings ist leichter gesagt als getan: Erst einmal muss die Regierung dafür sorgen, dass es, trotz Brexit, überhaupt etwas zu verteilen gibt.

          Großbritanniens neue Premierministerin Theresa May

          Ökonomen sind sich weitgehend einig darüber, dass Europas zweitgrößte Volkswirtschaft durch den Brexit schnell in ziemlich rauhe See geraten werde. Noch dieses Jahr drohe eine Rezession, erwarten viele Konjunkturforscher. Der schwierige Scheidungsprozess wird Jahre dauern, und die zukünftigen Spielregeln im wichtigen Handel mit der EU sind völlig unklar. Die Befürchtung ist, dass Europas zweitgrößte Volkswirtschaft angesichts der Hängepartie in eine Art Schockstarre verfällt: Schon vor dem Referendum haben die Unternehmen ihre Investitionen gekürzt und mit Neueinstellungen gezögert.

          Hammond hat den Brexit nicht gewollt

          Nun, da der Brexit zur Gewissheit geworden ist, könnte auch die Konsumnachfrage leiden. „Die Herausforderung besteht darin, so schnell und kraftvoll wie möglich beruhigende Signale an internationale Investoren, britische Unternehmen und die britischen Verbraucher auszusenden“, sagt der Schatzkanzler. Dabei hat Hammond selbst den Brexit nicht gewollt. Im Wahlkampf vor dem EU-Referendum stand er, ebenso wie May, auf der Seite der Proeuropäer.

          Der 60 Jahre alte Hammond ist das, was die Briten „a safe pair of hands“ nennen. Kaum ein aktiver Politiker seiner Partei hat so viel Erfahrung wie er. In den vergangenen sechs Jahren war er zuerst Verkehrs-, dann Verteidigungs- und schließlich Außenminister. Für seinen neuen Posten bringt Hammond eine wichtige Qualifikation mit: Er hat selbst schon mal in der Wirtschaft gearbeitet. Nach dem Studium an der englischen Eliteuniversität Oxford war Hammond knapp zwei Jahrzehnte lang Manager unter anderem in der Medizintechnik-Branche.

          Jetzt tritt Hammond seinen schwierigsten Posten an. Alle in der neuen Regierung wissen: Die Entscheidung der Briten für den Brexit ist nicht nur ein Veto gegen die EU, sondern auch ein Misstrauensvotum gegen die überwiegend proeuropäischen Eliten im eigenen Land. In kaum einem Industrieland hat sich die Einkommensschere zwischen Gewinnern und Verlierern so weit geöffnet wie in Großbritannien. Für den Brexit zu stimmen, das war für viele im Land auch das Ventil, um aufgestauten Frust loszuwerden – über stagnierende Löhne und einen staatlichen Sparkurs, dessen Folgen in Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Bereichen schmerzhaft zu spüren sind.

          Die Premierministerin May hat bereits signalisiert: Der Sparkurs des bisherigen Schatzkanzlers George Osborne soll überdacht werden. Über dessen Auswechslung ist seit Wochen spekuliert worden, denn Osborne war der engste politische Vertraute des bisherigen Premiers Cameron. Jetzt geht er mit ihm unter. Zu Mays neuem Kurs passt der Sparkommissar Osborne nicht: Sie schließt Steuererhöhungen bis zum Ende des Jahrzehnts aus und will offenbar auch kein neues Kürzungsprogramm auflegen. Nach Jahren der Sparrhetorik klingt das nach einer fiskalpolitischen Kehrtwende.

          Der Kurswechsel wäre durchaus gewagt angesichts des bedrohlichen britischen „twin deficits“: Sowohl im Staatshaushalt als auch in der Leistungsbilanz gähnen weiter riesige Löcher. Solange die Wirtschaft wuchs, tolerierten die Märkte das, doch wenn die Briten nun in eine Brexit-Rezession abrutschen, kann sich das schnell ändern. Kurzum: Für große staatliche Ausgabenprogramme fehlt das Geld. Das Land ist einer Zahlungsbilanzkrise näher, als viele in London derzeit wahrhaben wollen.

          Klar ist auch: Wenn der EU-Austritt zum wirtschaftlichen Debakel gerät, dann wird das die Schwachen in der britischen Gesellschaft am härtesten treffen. Der Sturm des Volkszorns draußen im Land auf das politische und wirtschaftliche Establishment in London könnte dann zum Orkan werden.

          In London werden in den kommenden Monaten viele mit Spannung verfolgen, wie gut die Regierungschefin May und ihr wichtigster Mann Hammond zusammenarbeiten. Konfliktpotential gibt es durchaus: Dem Schatzkanzler wird nachgesagt, er sehe die Dinge ganz ähnlich wie sein Vorgänger Osborne, den May in die Wüste geschickt hat. Während für die Regierungschefin die Haushaltssanierung offenkundig nicht mehr so wichtig ist, gilt auch Hammond als „Falke“ – also als ein Politiker, der auf eine Sanierung der Staatsfinanzen dringt. Wird sich Hammond der Linie der Regierungschefin unterordnen oder ihr Paroli bieten?

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