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Schattenwirtschaft : In der Rezession arbeiten mehr Menschen schwarz

Die Schwarzarbeit wird wegen der Weltwirtschaftskrise wahrscheinlich steigen Bild: dpa

Der Ökonom Friedrich Schneider prognostiziert wegen der Weltwirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit eine deutliche Zunahme der Schattenwirtschaft. Die schwächt die Sozialsysteme, wirke als Ganzes aber „wohlfahrtsteigernd“.

          Die Schattenwirtschaft wird im Zuge der Weltwirtschaftskrise und der steigenden Arbeitslosigkeit wachsen. Das sagte der Ökonom Friedrich Schneider von der Universität Linz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wenn das offizielle Volkseinkommen in der Rezession sinkt, dann steigt der Anreiz, sich mit Schwarzarbeit etwas Geld dazuzuverdienen oder durch Aufträge für Schwarzarbeit Steuern und Sozialabgaben zu sparen“, erklärte Schneider, der als einer der renommiertesten Fachleute für den Schattenwirtschaftssektor gilt. Nach seinen Berechnungen wird die Schattenwirtschaft in diesem Jahr auf fast 352 Milliarden Euro zunehmen - das wäre mehr als ein Siebtel (14,6 Prozent) des offiziellen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Andere Forscher haben allerdings in der Vergangenheit niedrigere Werte für das Volumen der Schattenwirtschaft in Deutschland errechnet.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Allein ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 500.000 bis 1 Million wird nach Schneiders Berechnung eine Zunahme der Schattenwirtschaft um 8 bis 12 Milliarden Euro mit sich bringen, da Arbeitslose für Schwarzarbeit zur Verfügung stehen. Die Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung von 3,3 auf 2,8 Prozent wie auch die verbesserte Absetzbarkeit von privaten Haushaltsaufwendungen werden allerdings die Zunahme der Schwarzarbeit dämpfen. Insgesamt prognostiziert der Ökonom eine Zunahme der Schattenwirtschaft um netto 3,8 bis 5,6 Milliarden Euro in diesem Jahr.

          Anreiz für Schwarzarbeit steige nochmals

          Allerdings betont Schneider, dass Schwarzarbeit „als Ganzes wohlfahrtssteigernd wirkt, weil zusätzliches Einkommen und zusätzliche Wertschöpfung generiert werden“. Einen Schaden erlitten vor allem der Staat und die Sozialversicherungen, da weniger Steuern und Beiträge bezahlt werden. Deutschland liegt mit dem von Schneider berechneten Anteil von etwa ein Siebtel Schattenwirtschaft am BIP im Mittelfeld der OECD-Staaten. Viel mehr Schattenwirtschaft gibt es in den südeuropäischen Ländern, wo ein Fünftel bis ein Viertel der Wirtschaftsleistung am Finanzamt vorbei geschieht. In der Schweiz und Österreich ist die Schattenwirtschaft mit weniger als einem Zehntel vom BIP geringer als in Deutschland.

          Nach Ansicht von Schneider müsste Deutschland stärker als bisher gegen Korruption vorgehen. „Ich gehe davon aus, dass die Korruption zunimmt, da bis auf wenige Leuchttürme wie Siemens nicht entschieden genug dagegen gekämpft wird“, sagte der Ökonom. Die auch wegen des Siemens-Skandals schlechtere Bewertung Deutschlands durch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International hat sich seit 2007 allerdings wieder verbessert. Der volkswirtschaftliche Schaden sei dennoch beträchtlich, warnte Schneider: Er belaufe sich auf mehr als 260 Milliarden Euro im Jahr - vor fünf Jahren waren es 220 Milliarden Euro. „Eine wesentliche Ursache des Schadens ist vor allem die verminderte Produktivität der Volkswirtschaft, da viele Firmen ausscheiden, die wegen der Bestechungsaktivitäten ihrer Konkurrenten bei der Vergabe öffentlicher und manchmal auch privater Aufträge nicht zum Zuge kommen.“ Dies führe zu geringeren Investitionen mit der Konsequenz verringerten Wachstums.

          In der Diskussion um eine höhere Mehrwertsteuer, die der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, angestoßen hat, nannte Schneider dessen Vorschlag von 25 Prozent „mutig“. Alle Staaten würden auch nach Ende der Rezession mit sehr hohen Haushaltsdefiziten zu kämpfen haben. Besser als Steuererhöhungen seien Sparprogramme, doch gebe es dagegen viel Widerstand. Daher sei eine Mehrwertsteuererhöhung auf 21 oder 22 Prozent eine Möglichkeit. Allerdings gab Schneider auch zu bedenken, dass damit der Anreiz für Schwarzarbeit nochmals steige. Wenn die Steuern gesenkt würden, mache dies die Schattenwirtschaft weniger attraktiv.

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