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Hanks Welt : Schaffen wir ein zweites Venedig!

Touristenmagnet: Bald werden sich wieder die Menschenmassen durch Venedig schieben. Bild: Matthias Luedecke

Jetzt kommen die Menschen aus ihren Löchern heraus. Es ist eine Lust, wieder zu reisen. Nur leider wird es voll.

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          Jetzt waren also auch wir in Venedig. Bei „Gelato Nico“, an der Bootshaltestelle Zattere auf Dorsoduro, ließ sich das allmähliche Erwachen der Lagunenstadt wunderbar beobachten. Zu Anfang der Woche war es selbst am späteren Nachmittag dort noch still, als ob die Saison noch gar nicht eröffnet wäre, obwohl die späte Junisonne es leicht auf 33 Grad im Schatten schaffte. Als sich das Wochenende näherte, wurde es wuseliger. Was wir erst hinterher erfuhren: „Nico“, für Venezianer eine Institution, eilt der Ruf für das beste Eis in der Stadt voraus. Mir fehlt der Überblick, doch ich bürge, dass das Gianduiotto – eine Art Nougateisblock im Becher zusammen mit viel Sahne – wirklich der Hammer ist.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir müssen wieder lernen, Menschen zu betrachten. Im Lockdown war das kaum möglich, weil wir alle in unseren Häusern eingesperrt waren. Jetzt kommen die Menschen aus ihren Löchern heraus, zuallererst die Italiener selbst, denen in diesem Jahr noch nicht einmal erlaubt war, ihren Carnevale zu feiern. Franzosen sind da, Deutsche sowieso und natürlich die Schweizer. Es fehlen die Briten (wegen Delta), es fehlen die Amerikaner und die Asiaten. Das Bild an Zattere ist europäisch. Fast will es uns scheinen, als hätten sich alle zur Wiedereröffnung der Stadt besonders herausgeputzt. Junge, schöne Menschen, die sich einander von der attraktivsten Seite zeigen: Ein ausgelassenes Vergnügen bunter Menschlichkeit, pure Freude am wiedergeschenkten Leben.

          Gegenüber von Dorsoduro, auf der anderen Seite des Giudecca-Kanals, blicken wir auf Andrea Palladios Renaissance-Redentore-Kirche. Am 4. September 1576 gelobte der Senat von Venedig den Bau einer Kirche zu Ehren des Erlösers (italienisch: Redentore), sobald die Stadt von der Pest frei sein würde, an der etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung, fast 50 000 Menschen, gestorben waren. Im Sommer 1577 war die Seuche tatsächlich verschwunden. Seither wird zum Dank am dritten Sonntag im Juli ein Fest mit opulentem Nachtmahl und Feuerwerk gefeiert. Es würde mich wundern, fiele es in diesem Jahr nicht besonders ausgelassen aus.

          Überhaupt ist mir klar geworden, wie sehr diese Stadt des Vergnügens, der Musik und der Feste eine Stadt der Pandemien ist. Um eine erste große Seuchenwelle im 14. Jahrhundert einzudämmen, beschloss man, ankommende Schiffe vierzig Tage lang im Hafen zu isolieren. Das war die Erfindung der Quarantäne, der wir bis vor einem Jahr als einer archaisch wirkenden epidemiologischen Maßnahme wenig Beachtung entgegengebracht hätten. Spätestens nach dem Redentore-Fest in zwei Wochen wird von diesen dunklen Dingen niemand mehr etwas wissen wollen. Es wird schon seine Gründe haben, warum die Erinnerung an die Spanische Grippe vor hundert Jahren tief vergraben war und erst jetzt mit Corona wieder hervorgekramt wurde. Kollektives Vergessen ist offensichtlich nicht minder wichtig als kollektives Erinnern.

          Die Kreuzfahrtschiffe sind schon zurück

          Lange wird es ohnehin nicht mehr dauern, bis die neue Normalität die alte Normalität Venedigs sein wird: Ihr Name ist Massentourismus. Dazu will natürlich niemand gehören, ich auch nicht. Alle zusammen summieren wir uns auf jährlich 30 Millionen Besucher, wofür die jetzt schon wieder präsenten dicken Kreuzfahrtschiffe im Giudecca-Kanal das sichtbare Zeichen sind. Statistisch machen sie aber nur einen geringen Teil der Touristen aus. Die Airbnb-Touristen, die in den Apartments der Venezianer übernachten, welche ihrerseits die Stadt verlassen haben, gehören auch dazu, die reichen Bürger aus Mailand, die sich Zweit- oder Drittwohnungen in der „Serenissima“ gekauft haben, ebenso.

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