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Südkoreanische Schätzung : Nordkoreas Wirtschaft bricht ein

Die nordkoreanische Armee ist für diese Soldaten gewiss kein Zuckerschlecken. Jetzt geht es aber auch der Wirtschaft in Nordkorea wieder schlechter. Bild: Reuters

Nordkorea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Wirtschaftslage verschlechtert sich noch mehr. Laut südkoreanischen Ökonomen ist das Brutinlandsprodukt zuletzt um 3,5 Prozent geschrumpft.

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          Die internationalen Wirtschaftssanktionen haben Nordkorea im vergangenen Jahr in die Rezession geführt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um 3,5 Prozent, haben Ökonomen der südkoreanischen Zentralbank in Seoul berechnet. Einen noch schärferen Wirtschaftseinbruch gab es in Nordkorea zuletzt im Jahr 1997.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Trotz aller Unsicherheit über die nordkoreanische Wirtschaft halten Volkswirte die Zahl der Zentralbank für plausibel. „Die Schrumpfung entspricht im Ausmaß im Großen und Ganzen meinen eigenen Berechnungen“, sagte der Ökonom Kim Byung-Yeon von der Seoul National Universität in Seoul der F.A.Z. Erwartet wird, dass die Lage sich in diesem Jahr trotz der Entspannung der politischen Lage im Konflikt um Nordkoreas Nuklearwaffen weiter verschlechtern wird. Die Vereinten Nationen hatten im August und im Dezember weitere Sanktionen gegen das Regime verhängt und unter anderem die Einfuhr nordkoreanischer Kohle verboten. Diese Sanktionen werden ihre volle Wirkung erst in diesem Jahr zeigen.

          Der Handel Nordkoreas sei im ersten Halbjahr dieses Jahres schon signifikant gefallen, hieß es bei der Bank von Korea. Im vergangenen Jahr brach der nordkoreanische Export um 37 Prozent auf 1,77 Milliarden Dollar ein. Nordkorea hielt aber die Einfuhr weitgehend aufrecht, wohl um die Eliten bei Laune zu halten. Das Handelsbilanzdefizit verdoppelte sich so auf 2 Milliarden Dollar.

          Kann Nordkorea die Sanktionen umgehen?

          Wie lange kann Nordkorea solch ein Defizit finanzieren? Es hänge davon ab, in welchem Ausmaß Nordkorea die Sanktionen umgehen könne, sagt der Ökonom Kim. „Wenn die Sanktionen vollständig und ernsthaft vollzogen werden, schließe ich eine Wirtschaftskrise im Norden gegen Jahresende nicht aus.“

          Kim, einer der besten Kenner der nordkoreanischen Wirtschaft, hält es aber für zweifelhaft, dass China die Sanktionen das ganze Jahr voll einhalten werde. Jüngste Berichte von der chinesisch-nordkoreanischen Grenze deuten darauf hin, dass nach den Treffen des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un mit Chinas Präsident Xi Jinping und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump der Handel schon wieder zunimmt und anscheinend auch mehr Nordkoreaner wieder in China arbeiten dürfen.

          Die Sanktionen trafen im vergangenen Jahr vor allem das Grundstoffgewerbe. Nach den Angaben schrumpfte die Produktion im Bergbau um 11 Prozent. Das spiegelt den Bann auf die Ausfuhr von Kohle und Mineralien wider. Zum Teil aber gelingt es Nordkorea, die Sanktionen zu umgehen. Es gibt immer wieder Fälle, in denen nordkoreanische Schiffe erwischt werden, wie sie auf offener See bei Nacht von Schiffen üblicherweise unklarer Nationalität offenbar Öl übernehmen.

          Die südkoreanische Regierung steht gerade unter Kritik, weil das Land im vergangenen Oktober die Einfuhr von rund 9000 Tonnen nordkoreanischer Kohle nicht stoppte. Die Kohle im Wert von mehr als 300.000 Dollar war zuvor im russischen Sachalin auf zwei Schiffe unter Fahnen von Panama und Sierra Leone umgeladen worden, wohl um die Herkunft zu verschleiern. Die Kohle wurde in Südkorea entladen, obwohl die Regierung nach eigener Auskunft über die Herkunft Bescheid wusste. Wo die Kohle geblieben ist, weiß die Regierung in Seoul nicht genau.

          Die letzten Jahre liefen besser

          Nach den Berechnungen der südkoreanischen Zentralbank schrumpfte die Produktion im verarbeitenden Gewerbe um 6,9 und das Baugewerbe um 4,4 Prozent. Das sind nach Einschätzung Kims Nebenwirkungen der Sanktionen, weil entweder die ausländische Nachfrage etwa für Textilien wegbreche oder Rohstoffe nicht mehr eingeführt werden könnten. Die landwirtschaftliche Erzeugung sank auch als Folge schlechten Wetters um 1,3 Prozent.

          Das Leben dürfte angesichts der Wirtschaftslage nicht eben lustiger werden für diese Nordkoreaner.

          Der Einbruch der Wirtschaftsleistung kommt nach Jahren, in denen Nordkoreas Ökonomie recht stetig wuchs. Seit 2011 war die Wirtschaft nach den Angaben der Bank von Korea jährlich im Schnitt um rund 1 Prozent gewachsen. 2015 ließen Ernteausfälle die Wirtschaft schrumpfen, 2016 gab es eine starke Erholung.

          Die relativ gute Entwicklung der vergangenen Jahre wird üblicherweise damit begründet, dass Machthaber Kim der informellen Wirtschaft Raum lässt. Die Menschen wirtschaften indes immer unter der Rechtsunsicherheit des Alleinherrschers. Im Vergleich zu den Südkoreanern geht es den meisten der 25 Millionen Nordkoreaner erbärmlich. Ein Südkoreaner verdient im Durchschnitt 23 Mal so viel wie ein Nordkoreaner.

          Nordkorea veröffentlicht selbst keine umfassenden Wirtschaftsstatistiken. Jeder Versuch, die ökonomische Lage präziser zu erfassen, ist deshalb mit großer Unsicherheit verbunden. Die Ökonomen der südkoreanischen Zentralbank sprechen ausdrücklich von einer Schätzung.

          Die Bank von Korea hat bei ihren Berechnungen den Vorteil, dass sie auf Erkenntnisse des südkoreanischen Geheimdienstes zur Wirtschaftslage im Norden zurückgreifen kann. Ein großes Manko der Berechnungen ist indes, dass die Bank mangels Preisangaben aus Nordkorea auf südkoreanische Preisrelationen zurückgreift.

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