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Savile Row : Die Anzugmacher

London, Savile Row, Schneiderwerkstatt in Hausnummer 13: Hier wurde vor hundert Jahren der Anzug-Stil der Moderne entworfen, geschneidert und genäht. Bild: Stephan Finsterbusch

In der Londoner Savile Row wurde Stilgeschichte geschrieben: Seit Generationen bestellen sich Männer von Welt dort den Anzug, von Hand auf Maß geschneidert.

          8 Min.

          Der Schnitt muss sitzen - passgenau und stilvollendet, der Rest ist Handwerk. Brian Pusey zelebriert seine Kunst seit fast fünfzig Jahren. Er schneidert alles, was gut aussieht: Jacken, Hosen, Hemden und auch Westen, Ein- und Zweireiher, Zwei- und Dreiteiler, Smokings, Fracks oder Tuxedos. Ein Anzug aus seiner Hand kostet drei- bis viertausend Pfund; Sonderwünsche extra; gemacht wird alles, was gefragt ist, solange es fein, dezent und vornehm bleibt. Maßarbeit in Perfektion. Alte englische Schule. Pusey ist ein Meister seines Fachs.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          London, Mayfair, Savile Row. Ein alter Backsteinbau, Hausnummer 13: Hier wurde Stilgeschichte geschrieben, eine Moderevolution entworfen und um die Welt geschickt. Für den Schanghaier Schnittmeister Bi Chang-guo ist die Straße im fernen England das, was für die Banker der Finanzdistrikt der City ist; für den marokkanischen Schneider Ait El Cadi Abdallah ist sie das Mekka des guten Stils, für Brian Pusey ist sie der Arbeitsplatz.

          Der Meister und seine Schülerin: Brian Pusey (links) und Claire Davison in der traditionsreichen Kellerwerkstatt von Londons Savile Row Hausnummer 13.
          Der Meister und seine Schülerin: Brian Pusey (links) und Claire Davison in der traditionsreichen Kellerwerkstatt von Londons Savile Row Hausnummer 13. : Bild: Stephan Finsterbusch

          Eine steile schwarze Eisentreppe führt ins Kellergeschoss, eine Glocke an der Tür, dahinter liegt das Atelier. Arbeit unter Tage. Zwei Räume, hinten die Werkstatt, vorn die Anprobe, dazwischen der Schneidertisch; hinten sitzt eine Handvoll Näher, vorn warten zwei Kunden. Neonlicht und Bügeldampf, es riecht nach steifem Leinen und frisch gebrühtem Tee. Pusey greift sich ein Jackett. Er prüft Futter, Saum und das Revers, dann ruft er Claire. Der Meister und seine Schülerin. Claire Davison steht in der Tür. Sie ist Ende zwanzig, er Mitte sechzig; sie steht am Anfang, er am Ende der Karriere; sie weiß, was sie will, er will es noch mal wissen.

          Nachdem er sich ein halbes Jahrhundert lang in verschiedenen Schneiderhäusern der Straße die Karriereleiter Sprosse für Sprosse hochgearbeitet hatte, vom Boten zum Plätter, vom Trimmer bis zum Näher und Cutter, arbeitet er heute auf eigene Rechnung. Vor drei Jahren schloss er sich Ray Stowers und Brian Jeffrey an. Zwei Kollegen aus den Jahren bei Gieves & Hawkes, dem ersten Haus am Platz, der alten Edelschneiderei aus Nummer 1. Chinesen hatten dort erst ihre Anzüge und dann den ganzen Laden gekauft. Stowers, Jeffrey und Pusey gingen.

          Die Savile Row von London. In der Straße arbeiten heute neben einer Reihe internationaler Modeketten noch ein Dutzend Schneider wie zu Zeiten Queen Victorias: von Hand auf Maß. Die Mieten sind hoch, der Preis für einen Anzug geht bei zweieinhalb tausend Pfund los, Sonderwünsche kosten extra.
          Die Savile Row von London. In der Straße arbeiten heute neben einer Reihe internationaler Modeketten noch ein Dutzend Schneider wie zu Zeiten Queen Victorias: von Hand auf Maß. Die Mieten sind hoch, der Preis für einen Anzug geht bei zweieinhalb tausend Pfund los, Sonderwünsche kosten extra. : Bild: Stephan Finsterbusch

          Sie erwarben weiter hinten in der Straße das Geschäft des alten James Levett, samt Marke, Werkstatt und Kundenbuch. Dort stehen Namen wie der Sultan von Brunei, der König von Jordanien oder Michail Gorbatschow. „Wir machen 200 Anzüge im Jahr“, sagt Stowers. Eine gute Adresse auf der alten Schneidermeile. In der Gasse zwischen Regent, Bond und Oxford Street werden Anzüge noch so gemacht wie zu Zeiten Queen Victorias: Auf Maß und von Hand. Eine Straße, ein Dutzend Schneider und eine Tradition.

          Hier kauft man nicht nur einen Anzug, sagt Stowers, hier bestellt man einen. Hier wird beraten, vermessen und geschneidert, genäht, probiert und korrigiert, bis alles passt und sitzt. Qualität großväterlicher Gute. „Die hat ihren Preis“, meint Peter Hall vom Schneiderhaus Anderson&Sheppard. Doch Geld sei hier kein Thema, meint Charlie Harrison, Sprecher der Innung. Mark Henderson, der alte Chef von Gieves&Hawkes, hatte den Jahresabsatz der Läden auf der Straße auf 7000 Anzüge und den Erlös auf 21 Millionen Pfund geschätzt. Kleine Zahlen in einer großen Industrie. Doch Größe allein sagt gar nichts.

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