https://www.faz.net/-gqe-93bgk

Projekt in Saudi-Arabien : Eine Megastadt im Wüstensand

Hier, mitten in der Wüste, soll die Megastadt entstehen. Bild: Neom

Der saudische Kronprinz will für 500 Milliarden Dollar eine Megastadt in der Wüste bauen: Die sicherste, effektivste, zukunftsweisendste Stadt der Welt. Frühere Großprojekte dieser Art sind gefloppt. Und diesmal?

          Der saudische Kronprinz liebt Superlative. Das neue Großprojekt, das Muhammad Bin Salman in der vergangenen Woche vorstellte, hat gewaltige Ausmaße und Ansprüche. Er sprach von einem „zivilisatorischen Sprung“, von einem Ort, an dem sich die „Visionäre der Welt“ versammeln. „Ein Platz für Träumer, die etwas Neues in der Welt schaffen wollen.“ Nach der Selbstbeschreibung soll in der Wüstenlandschaft im Nordwesten des erzkonservativen Königreichs aus dem Nichts die sicherste, effektivste, zukunftsweisendste Mega-Stadt der Welt entstehen. „Neom“ soll sie heißen – eine Verschmelzung aus dem griechischen Wort für neu, „neo“, und der arabischen Vokabel für Zukunft, „mustaqbal“.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Diese Stadt der neuen Zukunft soll sich über etwa 26.000 Quadratkilometer am Rand des Roten Meeres, von Ägypten bis Jordanien, ausbreiten – eine Fläche, die größer ist als Hessen. Sie soll ein Ort der Künstlichen Intelligenz sein, mehr Roboter als Menschen beherbergen. Sie soll sich ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgen, eine internationale Drehscheibe und Sonderwirtschaftszone sein, zugleich Attraktion für Touristen und Heimat für Medienunternehmen.

          Es wäre eine neue Welt, in einem Land, in dem noch immer die Geschäfte zur Gebetszeit schließen müssen und Filmvorführungen ein revolutionärer Akt sind. Die Aktionäre sollen den Verwaltungsrat bestimmen, der wiederum den Gouverneur festlegen soll. „Es wird die erste kapitalistische Stadt der Welt sein“, sagte der Kronprinz. Der Gouverneur sei nur dem Profit verpflichtet. Etwa 500 Milliarden Dollar soll die Neom-Megacity kosten. Ein Heer internationaler Investoren war vergangene Woche zur „Future Investment Initiative Conference“ in die saudische Hauptstadt Riad geladen, die in nicht weniger sein sollte als ein „Davos in der Wüste“, wie es in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum hieß. Leiter des Megastadt-Projekts soll der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld werden.

          Kronprinz verordnet Gewaltkur für das Land

          Das Projekt fügt sich ein in die Reihe von Gewaltkuren, die der 32 Jahre alte Kronprinz seinem Land verordnet hat, um es aus der Abhängigkeit von den Öleinnahmen zu befreien. Es ist das spektakulärste Vorhaben im Rahmen seiner Agenda 2030. Immer wieder verweist Muhammad Bin Salman auf den Modernisierungsdruck, der auf Saudi-Arabien wirkt, und auf die junge Bevölkerung. 70 Prozent der rund 20 Millionen saudischen Bürger (daneben gibt es etwa 11 Millionen Gastarbeiter) sind jünger als dreißig Jahre; jedes Jahr drängen rund 350.000 junge Saudis auf den Arbeitsmarkt. Regierungsjobs gibt es schon lange nicht mehr genügend. Auf der Zukunftskonferenz spielte der Kronprinz wieder einmal den Anwalt der Jugend. Diese solle nicht Geisel einer gestrigen Minderheit sein, sagt er – und er kündigte an, nicht noch dreißig Jahre damit warten zu wollen, einen „moderaten“ und weltoffenen Islam in dem Königreich durchzusetzen, in dem archaische Körperstrafen und Geschlechtertrennung noch zum Alltag gehören. Einen Schritt hatte er unlängst damit gemacht, das Fahrverbot für Frauen aufzuheben.

          Per 3D-Brille kann man sich schon anschauen, wie „Neom“ einmal aussehen soll. Bilderstrecke

          Jenseits der vollmundigen Ankündigungen ist allerdings kaum Konkretes über das Neom-Projekt zu erfahren. Von einer langen Reise ist die Rede, Muhammad Bin Salman selbst sieht 2025 als angestrebtes Jahr der Eröffnung. Er erwarte, dass 2018 eine Menge Investoren ihren Einstieg verkünden, sagte er. Schon in vier Jahren sollen an der Küste in dem Touristenort Neom Bay die Hotels ihre Pforten öffnen. „Das Neom-Projekt folgt der Logik der Agenda 2030, nach der man in Saudi-Arabien produzieren soll, was möglich ist, und weniger importieren soll“, sagt ein Regierungsmitarbeiter.

          Skeptiker verweisen auf die Beharrungskräfte einer Gesellschaft, die sowohl innovationsfeindlich als auch risikoscheu ist. Sie stellen ferner die Frage, ob die geschürte Begeisterung lange genug andauert, um das Projekt voranzubringen. Andere Zukunftsprojekte sind weit hinter den Erwartungen und Ankündigungen zurückgeblieben. Dazu gehört zum Beispiel die 2005 ins Leben gerufene „King Abdallah Economic City“. 2 Millionen Menschen sollten dort leben, vergangenes Jahr waren es gerade einmal 5000. Der neue Finanzdistrikt von Riad hatte nicht gerade durchschlagenden Erfolg.

          Reformvorhaben stößt auf Widerstand

          Die Reformvorhaben des Kronprinzen stoßen auch nicht nur auf Widerstand der ewiggestrigen Religionsgelehrten, sondern zudem auf den Unmut einer Gesellschaft, die sich an die großzügigen Apanagen eines schwerreichen Wohlfahrtsstaates gewöhnt hat. König Salman musste zuletzt die im Zuge der Reformagenda verfügten Einschnitte für Staatsbeamte wieder rückgängig machen.

          Der Kronprinz muss in Interviews Zweifeln entgegentreten, ob der Börsengang des staatlichen Erdölkonzerns Aramco wie geplant vonstattengehe. Saudi-Arabien will bis zu 5 Prozent der Aramco-Anteile an die Börse bringen und damit geschätzt 100 Milliarden Dollar erlösen. Der Konzern wäre dann mit 2 Billionen Dollar der wertvollste der Welt. Gegenüber Medien versuchte Muhammad Bin Salman ebenfalls Bedenken zu zerstreuen, die Neom-Stadt werde mit Dubai konkurrieren – und damit mit einem Emirat, das auf dem Weg in eine zukunftsträchtige Wirtschaft Vorbild und nicht Wettbewerber ist.

          Dubai ist Saudi-Arabien Jahre voraus

          Noch ist Dubai Saudi-Arabien viele Jahre voraus. Die saudischen Bemühungen, die Bedingungen für Investoren zu vereinfachen, machen nur mühsam Fortschritte, auch wenn Muhammad Bin Salman Regierungsbeamte inzwischen mit Leistungskennzahlen für ihre Arbeit triezt. „Es fehlt überall an qualifizierten Arbeitskräften“, heißt es aus einem Großunternehmen, das eine Zweigstelle in Riad eröffnen will. Seit weit mehr als einem Jahr warte man schon auf die nötigen Genehmigungen. „Das Klima ist wesentlich freundlicher, die Leute sind bemüht. Allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau.“

          Womöglich schafft der saudische Kronprinz mit dem Neom-Projekt gerade deswegen eine ambitionierte Parallelwelt, weil er nicht auf das Reformtempo Rücksicht nehmen will, in dem sich der Rest des Landes bewegt. „Es ist ein cleverer Zug“, sagt ein westlicher Geschäftsmann, der schon viele Jahre in den arabischen Golfstaaten lebt und arbeitet. „Anstatt kleine, mühsame Modernisierungsschritte zu gehen, verkündet Muhammad Bin Salman den großen Wurf, den er dann schrittweise in die Tat umsetzt“, sagt der Manager. Dieser Schritt erzeuge Druck, errege Aufmerksamkeit im Ausland und signalisiere der eigenen Bevölkerung, dass etwas Großes für sie unternommen werde. „Und wenn nur ein Teil von dem realisiert wird, was er angekündigt hat, wäre das eine enorme Transformationsleistung“, sagt der Geschäftsmann. Das Vorgehen erinnere stark an die Strategie des Emirs von Dubai, Muhammad Bin Raschid, der mit ähnlichen Vorstößen und Projekten die Modernisierung seines Landes erzwungen habe. „Es ist vielleicht der einzige Weg, verkrustete Strukturen aufzubrechen“, sagt der Geschäftsmann.

          Große Infrastrukturprojekte brauche Saudi-Arabien ohnehin, wenn es in großem Stil Gewerbe anlocken wolle. Und die Summe von 500 Milliarden Dollar sei im Verhältnis zum Reichtum des saudischen Staates oder der Summe der Investitionen in Dubai gar nicht so groß. Ein Berater eines der Ministerien, die mit der Verwirklichung der Agenda 2030 befasst sind, weist auf die besondere geographische Lage hin, die das Neom-Projekt von anderen saudischen Megacity-Projekten unterscheide. Mit Ägypten und Jordanien lägen zwei weitere große arabische Länder und wichtige Märkte und Arbeitsmärkte in der Nachbarschaft. 10 Prozent der Güter des Welthandels durchquerten das Rote Meer, an dem die Neom City liegt. Da liege noch allerhand ungenutztes Potential. Vor allem die Tatsache, dass sich der Kronprinz selbst diesem Projekt verschrieben hat, könnte einen Unterschied machen. „Neom ist eine ganz andere Geschichte“, sagte Muhammad Bin Salman. „Es gibt eine Verpflichtung der Regierung: Wir stehen dafür mit unserem Namen.“

          Weitere Themen

          Das war die Gamescom 2019 Video-Seite öffnen

          Rückblick : Das war die Gamescom 2019

          Die Gamescom 2019 ist vorbei. Doch welche Hallen und Stände lohnten einen Besuch? F.A.Z.-Redakteur Bastian Benrath verrät es auf einem Videorundgang.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.