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Projekt in Saudi-Arabien : Eine Megastadt im Wüstensand

Reformvorhaben stößt auf Widerstand

Die Reformvorhaben des Kronprinzen stoßen auch nicht nur auf Widerstand der ewiggestrigen Religionsgelehrten, sondern zudem auf den Unmut einer Gesellschaft, die sich an die großzügigen Apanagen eines schwerreichen Wohlfahrtsstaates gewöhnt hat. König Salman musste zuletzt die im Zuge der Reformagenda verfügten Einschnitte für Staatsbeamte wieder rückgängig machen.

Der Kronprinz muss in Interviews Zweifeln entgegentreten, ob der Börsengang des staatlichen Erdölkonzerns Aramco wie geplant vonstattengehe. Saudi-Arabien will bis zu 5 Prozent der Aramco-Anteile an die Börse bringen und damit geschätzt 100 Milliarden Dollar erlösen. Der Konzern wäre dann mit 2 Billionen Dollar der wertvollste der Welt. Gegenüber Medien versuchte Muhammad Bin Salman ebenfalls Bedenken zu zerstreuen, die Neom-Stadt werde mit Dubai konkurrieren – und damit mit einem Emirat, das auf dem Weg in eine zukunftsträchtige Wirtschaft Vorbild und nicht Wettbewerber ist.

Dubai ist Saudi-Arabien Jahre voraus

Noch ist Dubai Saudi-Arabien viele Jahre voraus. Die saudischen Bemühungen, die Bedingungen für Investoren zu vereinfachen, machen nur mühsam Fortschritte, auch wenn Muhammad Bin Salman Regierungsbeamte inzwischen mit Leistungskennzahlen für ihre Arbeit triezt. „Es fehlt überall an qualifizierten Arbeitskräften“, heißt es aus einem Großunternehmen, das eine Zweigstelle in Riad eröffnen will. Seit weit mehr als einem Jahr warte man schon auf die nötigen Genehmigungen. „Das Klima ist wesentlich freundlicher, die Leute sind bemüht. Allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau.“

Womöglich schafft der saudische Kronprinz mit dem Neom-Projekt gerade deswegen eine ambitionierte Parallelwelt, weil er nicht auf das Reformtempo Rücksicht nehmen will, in dem sich der Rest des Landes bewegt. „Es ist ein cleverer Zug“, sagt ein westlicher Geschäftsmann, der schon viele Jahre in den arabischen Golfstaaten lebt und arbeitet. „Anstatt kleine, mühsame Modernisierungsschritte zu gehen, verkündet Muhammad Bin Salman den großen Wurf, den er dann schrittweise in die Tat umsetzt“, sagt der Manager. Dieser Schritt erzeuge Druck, errege Aufmerksamkeit im Ausland und signalisiere der eigenen Bevölkerung, dass etwas Großes für sie unternommen werde. „Und wenn nur ein Teil von dem realisiert wird, was er angekündigt hat, wäre das eine enorme Transformationsleistung“, sagt der Geschäftsmann. Das Vorgehen erinnere stark an die Strategie des Emirs von Dubai, Muhammad Bin Raschid, der mit ähnlichen Vorstößen und Projekten die Modernisierung seines Landes erzwungen habe. „Es ist vielleicht der einzige Weg, verkrustete Strukturen aufzubrechen“, sagt der Geschäftsmann.

Große Infrastrukturprojekte brauche Saudi-Arabien ohnehin, wenn es in großem Stil Gewerbe anlocken wolle. Und die Summe von 500 Milliarden Dollar sei im Verhältnis zum Reichtum des saudischen Staates oder der Summe der Investitionen in Dubai gar nicht so groß. Ein Berater eines der Ministerien, die mit der Verwirklichung der Agenda 2030 befasst sind, weist auf die besondere geographische Lage hin, die das Neom-Projekt von anderen saudischen Megacity-Projekten unterscheide. Mit Ägypten und Jordanien lägen zwei weitere große arabische Länder und wichtige Märkte und Arbeitsmärkte in der Nachbarschaft. 10 Prozent der Güter des Welthandels durchquerten das Rote Meer, an dem die Neom City liegt. Da liege noch allerhand ungenutztes Potential. Vor allem die Tatsache, dass sich der Kronprinz selbst diesem Projekt verschrieben hat, könnte einen Unterschied machen. „Neom ist eine ganz andere Geschichte“, sagte Muhammad Bin Salman. „Es gibt eine Verpflichtung der Regierung: Wir stehen dafür mit unserem Namen.“

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