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Programmieren für Laien : SAP macht Nutzer zu Entwicklern

SAP-Zentrale in Walldorf Bild: dpa

Weil IT-Fachleute fehlen, will der Softwarekonzern SAP nun seine Kunden einbinden, um neue Anwendungen zu erstellen. Der Ansatz hat das Zeug, die Softwarewelt zu verändern.

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          Der Softwarekonzern SAP will seine Nutzer zu Entwicklern machen. Mit einer Software, die nicht sein soll wie eine klassische Software, sondern wie ein buntes Verschiebeprogramm, mit grafischen Elementen und einfachen Versatzstücken, die die Nutzer dann per „drag and drop“ zu neuen Anwendungen zusammenfügen können. Ähnlich wie im Falle des Präsentationsprogramms Power Point sollen nicht nur Entwickler, sondern jeder kundige Anwender in die Lage versetzt werden, etwas Neues entstehen zu lassen. „Das ist ein Riesenschritt für uns und unsere Kunden“, sagt Technologievorstand Jürgen Müller im Gespräch mit der F.A.Z.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Nach Müllers Worten werden ohnehin künftig alle Unternehmen zu Softwareunternehmen werden, ob sie es wollten oder nicht. Entsprechend steige der Bedarf an Fachleuten, aber die gebe es zur Zeit einfach nicht. „So viele studierte Entwickler können alle Universitäten und Weiterbildungsmaßnahmen auf der Welt gar nicht generieren.“

          In Deutschland fehlten zur Zeit 100.000 IT-Spezialisten, global werde die Lücke bis 2025 auf vier Millionen geschätzt, sagt Müller. Um den Engpass zu beheben, gebe es gar keinen anderen Ausweg als solche Lösungen, die Fachleute unter den Slogans „Low Code“ oder „No Code“ zusammenfassen: Programmier-Plattformen also, auf denen man mit sehr wenig oder gar keinen Informatikkenntnissen Programme entwickeln kann.

          SAP sieht sich nach Müllers Worten an der Spitze der Entwicklung, als eines der erste Großunternehmen, das ein umfassendes Low-Code-Angebot zur Verfügung stellt. An diesem Dienstag hat der Konzern sein Paket auf der Entwicklerkonferenz TechEd in Berlin unter dem Namen SAP Build offiziell vorgestellt. Es soll allen Kunden in einer Testversion automatisch zur Verfügung stehen, gleich ob sie klassische Programme zur Unternehmenssteuerung des Konzerns nutzen, zugekaufte Lösungen, solche, die noch klassisch installiert werden müssen, oder solche in der Cloud. Mit dieser freien Version könne man die Möglichkeiten testen und erlernen. Wer SAP Build dauerhaft nutzen will, muss nach Müllers Worten bezahlen.

          IT-Abteilungen sollen entlastet werden

          Mit dem neuen Angebot spreche SAP einen viel breiteren Kreis von Nutzern an. Vor allem solche Fachleute, die sich mit betriebswirtschaftlichen Prozessen auskennen, die wissen, wie Beschaffung oder Personalwesen funktionierten. Auf diese Weise würden nicht nur Prozesse beschleunigt und verbessert, sondern nebenbei die IT-Abteilungen entlastet.

          Bei einem der ersten Testkunden, dem Postkonzern DHL, habe etwa ein Nichtfachmann eine App zur täglichen Übergabe der Paketfahrzeuge „programmiert“, die jeder Mitarbeiter auf dem Smartphone nutzen könne. Beschäftigen müsse man sich wie bei Power Point und Excel schon mit den neuen Möglichkeiten, aber Fachmann müsse man nicht sein. „Im Hintergrund von SAP Build passiert viel Komplexes, damit es vorne ganz einfach aussieht“, sagt der SAP-Technologievorstand.

          SAP-Technologievorstand Jürgen Müller
          SAP-Technologievorstand Jürgen Müller : Bild: SAP

          Probleme mit dem „SAP-Ökosystem“, also den vielen Dienstleistern, die SAP Programme installieren, warten und auf individuelle Bedürfnisse hin zuschneiden, sieht Müller nicht. Im Gegenteil: „Auch dort sind alle überfordert. Es bleibt heute schon eine Menge Arbeit liegen, weil es nicht genug Kapazitäten gibt.“

          Low-Code-Prozesse würden selbst Fachleuten helfen, manches schneller zu machen. Zudem eröffne sich auch für die Dienstleister ein ganz neuer Kreis möglicher Mitarbeiter, der weit über hochspezialisierte IT-Fachleute hinausgeht. Müller geht davon aus, dass in den nächsten drei Jahren im SAP-Ökosystem eine halbe Millionen neuer Arbeitsplätze entstehen. Der Konzern selbst will bis dahin zwei Millionen seiner Nutzer schulen, vor allem mit Online-Lernprogrammen.

          Müller lässt zudem durchscheinen, dass SAP auf diese Weise leichter mehr standardisierte Programme verkaufen kann und nicht mehr selbst auf jede Individualisierungsforderung eingehen muss. Abhängig vom Erfolg, könnte eine Low-Code-Welle tatsächlich langfristig nicht nur das Geschäftsmodell von SAP stark verändern. Nicht mehr die Anwendungen stünden dann im Vordergrund, die großen Anbieter würden sich stattdessen auf die Plattform und die Grundfunktionen konzentrieren.

          Schon heute bittet der Konzern nach Müllers Worten seine Kunden darum, wenn möglich auf die sogenannten Standardfunktionalitäten in der Cloud zu gehen. Dann kann der Konzern die grundlegenden Funktionen für alle Kunden schnell und kostengünstig in der Cloud updaten, ohne auf Spezialanwendungen Rücksicht nehmen zu müssen. Alle Kunden seien dann auf dem neuesten Stand. Die selbst programmierten Erweiterungen bekämen einen „eigenen Lebenszyklus“, wie Müller sagte.

          Programmieren per Fingerwisch: die Low-Code-Plattform SAP Build
          Programmieren per Fingerwisch: die Low-Code-Plattform SAP Build : Bild: SAP

          Basis des neuen Angebots ist die unter seiner Führung als Technologievorstand vor einigen Jahren ins Leben gerufene „Business Technology Platform“ des Konzerns, sozusagen das Fundament für alle SAP-Anwendungen: mit vorgefertigten Schnittstellen, um Fremdsoftware anzubinden. Die Plattform dient auch dazu, die 60 Unternehmen zu integrieren, die der Konzern in den vergangenen zwölf Jahren zugekauft hat. Und sie soll sicherstellen, dass all diese Programme unter einer Benutzeroberfläche stabil laufen, und die Nutzer sich nur einmal anmelden müssen. Die Entwicklung der Plattform sei „sozusagen das größte Programm der letzten vier Jahre“ gewesen, sagt Müller. Das neue Programmierangebot für Dummies soll nun darauf aufsetzen.

          Wie viel Geld die Entwicklung von SAP Build gekostet hat, sagte Müller nicht. Eine fünfstellige Zahl der Entwickler sei jedenfalls damit beschäftigt gewesen. In Summe kümmern sich etwa ein Drittel der 105.000 Beschäftigte um „Forschung und Entwicklung“. SAP hat das neue Angebot nach Müllers Worten allerdings nur zum Teil selbst entwickelt. Ein größerer Teil stammt von der vor einem Jahr übernommenen kleinen finnischen Softwareschmiede Appgyver – ein Pionier der Low-Code-Idee. Das Unternehmen stellt schon seit dem Jahr 2010 eine Entwicklungsplattform bereit, auf der Interessierte auch ohne Fachkenntnisse Spiele oder Anwendungen programmieren können.

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