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Russland-Streit : In der Industrie beginnt das Zittern vor Sanktionen

Viele Maschinenbauer müssen ihre Erwartungen für das Russland-Geschäft herunterschrauben. Bild: dpa

Die Sanktionen gegen Russland beunruhigen viele deutsche Unternehmen. Noch halten sich die Ausfälle in Grenzen, doch der Maschinenbau senkt seine Prognose.

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          Die deutschen Industrieunternehmen hoffen, dass sie die Sanktionen gegen Russland glimpflich überstehen und ihre Geschäfte im Reich von Wladimir Putin weiter ordentlich abwickeln können. Aber die ersten Folgen der Auseinandersetzungen sind bereits spürbar. „Der Konflikt mit Russland drückt weltweit auf die Stimmung, die Geschäftsaussichten haben sich seit dem vergangenen Herbst deutlich eingetrübt“, sagte Ralph Wiechers, der Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA, am Donnerstag. Viele Maschinenbauer berichteten inzwischen von rückläufigen Aufträgen sowie Finanzierungsschwierigkeiten russischer Kunden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Auch deshalb hat der Verband seine Prognose für das Gesamtjahr nun deutlich abgesenkt, statt eines realen Produktionszuwachses von 3 Prozent erwarten die Maschinenbauer nur noch ein Wachstum von 1 Prozent. „Das wäre aber immer noch ein Rekordwert von 199 Milliarden Euro“, sagte Wiechers. Russland sei für diese Absenkung nicht allein verantwortlich, „es fehlt insgesamt an Dynamik“. Aber in den ersten fünf Monaten seien die Exporte des deutschen Maschinenbaus nach Russland um rund 20 Prozent gesunken, das bedeute fehlende Umsätze von rund 2,5 Milliarden Euro.

          Siemens-Chef Kaeser: „Es gilt das Primat der Politik“

          Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser erwartet aus den Sanktionen für das aktuelle Geschäftsjahr 2014 keine Auswirkungen. Für das nächste Jahr seien Effekte aus heutiger Sicht schwer einschätzbar. „Fest steht aber, dass es zu Beeinträchtigungen für die Wirtschaft im Falle einer Eskalation kommen wird“, sagte er am Donnerstag. Überhaupt seien die geopolitischen Spannungen ein ernstes Risiko für das Wachstum in Europa im zweiten Halbjahr.

          Siemens erzielt rund 2 Milliarden Euro Umsatz in Russland. Diese Erlöse basieren auf Altaufträgen, die also nicht von möglichen Sanktionen betroffen sein könnten. Außerdem werde vieles lokal gefertigt, etwa die umfangreichen Aufträge zur Lieferung von Zügen für die russische Bahn. Siemens werde natürlich der Erste sein, der sich an Sanktionen halten werde, betonte Kaeser. „Es gilt unverändert das Primat der Politik.“ Das habe er auch Russlands Präsident Wladimir Putin bei seinem Besuch Ende März deutlich zu verstehen gegeben – „und nicht nur die Olympischen Winterspiele in Sotschi gelobt“, fügte er hinzu. Kaeser wurde damals heftig für die Visite beim Präsidenten kritisiert. Gefragt nach Sinn und Unsinn von Sanktionsmaßnahmen überhaupt, antwortete der Siemens-Chef: „Es ist keine gute Idee, jetzt zu sagen, ob das richtig oder falsch ist; viel wichtiger ist doch, dass die Parteien zu einem Dialog kommen.“

          Im Volkswagen-Konzern ist man ebenfalls alarmiert. „Wir beobachten die Lage in Russland genau“, sagte der VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch am Donnerstag, ohne seine Meinung zu der Verschärfung der Sanktionen zu äußern. Europas größter Autokonzern hat die Schwäche auf dem einst so verheißungsvollen russischen Automarkt bereits im ersten Halbjahr 2014 schmerzhaft zu spüren bekommen. In dieser Zeit hat die Gruppe dort nur 131.000 Fahrzeuge verkauft – gut 8 Prozent weniger als im Vorjahr. Im zweiten Halbjahr dürfte sich der Abwärtstrend noch beschleunigen. Allerdings macht der Absatz in Russland, wo VW mitsamt der Schwestermarken wie Audi und Škoda einen Marktanteil von gut 10 Prozent hat, nur einen sehr kleinen Anteil der gesamten Autoverkäufe aus. Diese lagen zur Halbzeit bei mehr als 5 Millionen Stück.

          VW beschäftigt in seinem Werk in Kaluga mehr als 5000 Mitarbeiter. Die nun drohenden Überkapazitäten dürften die Ertragsrechnung der Wolfsburger in diesem Jahr belasten. Einen Auftragseinbruch hat auch die VW-Tochtergesellschaft MAN in Russland zu spüren bekommen, die Nachfrage von dort sei im zweiten Quartal um 20 bis 25 Prozent gesunken, berichtete Vorstandsmitglied Anders Nielsen. Zulieferer wie der schwäbische Lackieranlagenbauer Dürr berichteten, dass neue Projekte auf dem vielversprechenden russischen Automarkt derzeit allesamt auf Eis lägen.

          Die Wartezeit für Exportgenehmigungen ist gestiegen

          Zu spüren bekommen einzelne Unternehmen die Auseinandersetzung mit Russland auch, weil die zuständige Aufsichtsbehörde Bafa sich mit der Prüfung von Anträgen für Russland-Exporte inzwischen deutlich mehr Zeit lässt. Dabei geht es vor allem um Güter wie Pumpen oder Werkzeugmaschinen, die zwar für zivile Zwecke bestimmt sind, theoretisch aber auch für die Rüstungsproduktion verwendet werden können. Die Wartezeit für diese Exportgenehmigungen sei auf 3 bis 4 Monate gestiegen, sagte Rüdiger Kapitza, der Vorstandschef des Werkzeugmaschinenbauers DMG Mori Seiki. Während große Unternehmen solche Wartefristen besser überstehen können, drohen kleineren Unternehmen hierdurch ernste Schwierigkeiten, heißt es im VDMA.

          Für DMG werde Russland auch in diesem Jahr ein Markt bleiben, der 100 Millionen Euro Umsatz beisteuere, sagte Kapitza. „Wir kennen unsere Kunden und können in jedem Fall nachweisen, dass unsere Maschinen nur für zivile Zwecke verwendet werden.“ Auch will der Maschinenbauer sein neues Werk im russischen Uljanowsk weiterbauen und Mitte 2015 vollständig in Betrieb haben. Die Gefahr sei allerdings, dass Kunden wegen der Sanktionen und der Verunsicherung dauerhaft verlorengehen – an die Konkurrenz aus China. „Die Folgeschäden könnten uns noch jahrelang beschäftigen“, warnte er. „Alle Beteiligten sollten sich wieder an den Verhandlungstisch setzen“, sagte er.

          Allerdings gibt es auch Zweige im Maschinenbau, die sich von den Sanktionen kaum betroffen sehen und sich daher dem großen Aufschrei nicht anschließen wollen. Der russische Markt habe zum Beispiel bei Gabelstaplern global nur einen Anteil von 2 Prozent, hieß es – entsprechend wenig dürften die großen deutschen Hersteller wie Linde, Still und Jungheinrich unter den Sanktionen leiden.

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