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Sanierungen und Wahlkampf : Wer traut sich auf das Schulklo?

Ausbaufähig: Diese Schultoiletten in Frankfurt haben schon bessere Zeiten gesehen (Archivbild). Bild: Fabian Fiechter

Die Schultoilette entwickelt sich prächtig: Vom stillen und verwahrlosten Örtchen wird sie zum Wahlkampfschlager. Über die Karriere eines Themas.

          6 Min.

          Schultoiletten lagen jahrzehntelang in einer Art Niemandsland: Ignoriert und vernachlässigt, dafür aber unbeobachtet, waren sie ein Ort, den Schüler mieden oder suchten, je nachdem, was sie vorhatten. Das hat sich in den vergangenen Monaten drastisch gewandelt: Landauf, landab wird dem Schulklo nun besondere Aufmerksamkeit geschenkt, es taugt sogar zum Wahlkampfthema. Mal steht es sinnbildlich für den Zustand der Bildungspolitik, mal für die marode Infrastruktur Deutschlands insgesamt. Klar scheint nur eins: In Zeiten von Rekordüberschüssen der öffentlichen Hand – im ersten Halbjahr 2017 satte 18,3 Milliarden Euro – wirkt jedes verstopfte Schulklo wie eine Bankrotterklärung der Politik.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das wollen die Politiker nicht auf sich sitzen lassen. In Berlin kümmert sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller höchstpersönlich um Schulklos, sie waren ein Thema in seiner ersten Regierungserklärung. Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will mehr in diese vernachlässigten Orte investieren. Die Ruhrstadt Essen macht Nägel mit Köpfen. Sie hat eine ganzes „Schultoilettenprogramm“ ausgerollt, noch in diesem Jahr werden die Toilettenanlagen an vier Schulen neu gebaut oder saniert. Kostenpunkt: knapp eine Million Euro. Bis 2021 werden insgesamt 6,5 Millionen Euro investiert.

          Auf 32,8 Milliarden Euro beziffert

          Auch die Liberalen sehen zuallererst die Institution und weniger den Einzelnen in der Pflicht: Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner versicherte jüngst öffentlich, vor jedem seiner Auftritte zunächst die sanitären Anlagen in Augenschein zu nehmen, weil er immer neugierig sei, wie viel Respekt den Menschen entgegengebracht werde.

          Umgekehrt ließe sich die Frage mit ähnlicher Berechtigung stellen: Wie viel Respekt bringen eigentlich die Menschen dieser elementaren Ausstattung unserer Zivilgesellschaft entgegen? Und ganz grundsätzlich: Wie konnte es so weit kommen, dass die Schultoilette zum Politikum wurde? Eins vorneweg: Von einer dramatischen Verlotterung der Sitten kann keine Rede sein, jedenfalls gibt es dafür keine empirische Evidenz. Genauer gesagt: Es gibt überhaupt wenig belastbare Fakten zum Zustand der Schulklos, keine jährliche Evaluation, keine regelmäßige Kostenerhebung von Vandalismusschäden. Aber auch diese Ignoranz hat Aussagekraft: Um die sanitären Anlagen in Schulen hat sich früher eben nie jemand wirklich geschert. Nur der Hausmeister und die, die sie benutzen müssen. Noch immer gibt es Schuldirektoren, die kleinlaut bekennen, schon seit Jahren kein Schülerklo mehr besucht zu haben.

          Will man sich diesem Thema möglichst objektiv über verlässliches Zahlenmaterial nähern, muss man sich mit gröberen Einheiten zufriedengeben. Das Ergebnis ist erschütternd und liefert genügend Munition für die Diskussion über den nachlässigen Staat, der sich nicht um die Grundbedürfnisse seiner Bürger schert: Dass die öffentliche Hand schon im Straßenbau mit den Reparaturen nicht hinterherkommt, ist hinreichend bekannt. Doch auch der „Investitionsstau“ der öffentlichen Hand bei Unterhalt und Ausbau von Schulen, der zweiten großen Baustelle in Deutschland, ist enorm. Auf 32,8 Milliarden Euro beziffert ihn das „Kommunalpanel 2017“ der staatlichen Förderbank KfW, eine repräsentative Umfrage unter deutschen Kämmerern.

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