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Sambia : Kupfer als Segen und Fluch

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Realistische Wachstumschancen haben hingegen der Tourismus und die Landwirtschaft. In der Gegend von Livingstone verzichtet die Regierung bis 2009 beispielsweise auf die Mehrwertsteuer für Übernachtungen, um Besucher anzulocken. Gleiches gilt für Reiseagenturen, die organisierte Safari-Reisen im ganzen Land anbieten. Zudem lockt Sambia mit großzügigen Steuererleichterungen in den ersten fünf Geschäftsjahren. In diesem Bereich ist wirklich noch alles aufzubauen, von Hotels über kleine Pensionen und Restaurants hin zu Wildlife-Parks, Autovermietungen und Flugsafaris. Ob das Land sich aber einen Gefallen tut, indem es wie Botswana auf eine Hochpreispolitik beim Tourismus setzt, die selten Preise von weniger als 600 Dollar je Nacht und Person ermöglicht, bleibt abzuwarten.

Die Landwirtschaft wiederum ist das Stiefkind der sambischen Wirtschaft. Dabei sind die Böden fruchtbar, das Klima ist moderat, und außerdem verfügt das Land über 40 Prozent der Wasserreserven im südlichen Afrika. Trotzdem werden gegenwärtig lediglich 50.000 Hektar Land bewässert - bei einem Potential von etwa 420.000 Hektar. Unverständlich ist auch, dass die Regierung jedes Jahr hohe Beträge in den Haushalt einstellt, um Düngemittel zu subventionieren, während mit der gleichen Summe zusätzliche 15.000 Hektar bewässert werden könnten.

Rekordmarken bei Schnittblumen und Tabak

Das Mauerblümchendasein der Landwirtschaft hat indes zwei Gründe: zum einen die Abschottung der europäischen und amerikanischen Märkte, zum anderen den komplizierten Bodenerwerb. Denn neben den lokalen Behörden haben auch die Stammesführer ein Wort mitzureden. Gleichwohl haben speziell der Export von Schnittblumen und Tabak im vergangenen Jahr neue Rekordmarken erreicht - nachdem sich zuvor aus Zimbabwe vertriebene weiße Farmer in Sambia niedergelassen haben. Davon abgesehen, ist die sambische Bürokratie nach wie vor kein Beispiel besonderer Effizienz. Bis zu zwei Jahre können vergehen, bevor die eigenen Gesetzesvorhaben umgesetzt werden. Eintragungen ins Handelsregister (und damit der Beginn der Geschäftsfähigkeit) dauern ewig und drei Tage.

Trotz Kupfer, Kobalt, Tabak und Fotosafaris: Sambia ist ein Land am Tropf. 180 Millionen Euro Budgetbeihilfe diverser europäischer Nationen erhält das Land gegenwärtig. 10 Millionen Euro stellt die Bundesregierung auf dem Umweg über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bereit. Das sei „Eintrittsgeld“, heißt es bei Vertretern der beteiligten Geberländern, um endlich einmal einen Blick in die Bücher der Regierung werfen zu dürfen und bei gleicher Gelegenheit herauszufinden, was dort eigentlich seit 1964, dem Erlangen der Unabhängigkeit, schiefläuft. Gegen dieses Eintrittsgeld ließe sich einwenden, dass dieses Geld unter anderem dazu dienen wird, chinesische Kredite zu tilgen, während China gleichzeitig von denselben Geldgebern Entwicklungshilfe erhält.

Eines der „Schlachtfelder Afrikas“

Apropos China: Sambia gilt noch mehr als das ebenfalls mit Rohstoffen gesegnete Nachbarland Kongo-Kinshasa als eines der „Schlachtfelder Afrikas“, auf denen sich der Westen und Peking gerade den Zugriff auf strategische Rohstoffe wie etwa Kupfer streitig machen. Besonders augenfällig war dies beim Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Sambia, der es nicht einmal bis in den Copperbelt geschafft hatte. Der Grund dafür war, dass der Kupfergürtel fest in der Hand der Opposition ist und die den zurückliegenden Wahlkampf ausschließlich mit china- beziehungsweise chinesenfeindlichen Parolen bestritten hat. Tatsache ist, dass es in einigen Kupferminen böse Auseinandersetzungen zwischen chinesischem Management und sambischen Arbeitern um Sicherheitsstandards, Bezahlung und Arbeitszeiten gegeben hat.

Hu vermochte es deshalb nicht, der sambischen Regierung Arbeits- und Einreiseerleichterungen für chinesische Arbeiter zu entlocken, wobei nicht klar ist, ob die Weigerung Lusakas aus wirtschaftlichem Kalkül geschah oder nicht vielmehr eine versöhnliche Geste an die eigene Opposition darstellen sollte. Ohnehin scheint die „Angst vor China“ zumindest in Sambia übertrieben. Zwar sind China und Indien diejenigen, die die Preise für Kupfer in die Höhe treiben. Kontrolle über den Rohstoff aber haben sie keine. In Sambia zum Beispiel kommen die größten Bergbauinvestoren aus Australien, gefolgt von kanadischen und südafrikanischen Konzernen. China kommt auf Platz vier.

Land und Leute

Sambia ist eines der unbekannten Länder im südlichen Afrika. Dabei verfügt das Land, das nach dem Fluss Sambezi benannt wurde, über große Kupfer-, Kobalt- und Edelsteinvorkommen. Eine Zeitlang war Sambia der viertgrößte Kupferproduzent der Welt, bevor Preisverfall und Verstaatlichung der Bergwerke dieser Industrie beinahe den Garaus machten. Heute verdient Sambia dank der Rohstoffnachfrage aus China wieder gut an seinem Kupfer, will gleichwohl seine Industrie diversifizieren. Gute Aussichten bestehen in diesem Zusammenhang für den Tourismus und in geringerem Maße auch für die Landwirtschaft, da Sambia über ein gemäßigtes Klima und über gut 40 Prozent der Wasserreserven im südlichen Afrika verfügt.

Wie alle afrikanischen Nationen mit der Geschichte eines Einparteienstaates leidet auch Sambia an den Fehlern der Vergangenheit. Die Bürokratie ist ineffizient und unendlich langsam, es fehlt an gut ausgebildeten Facharbeitern, und Korruption ist nach wie vor ein gewichtiges Thema. Unter dem ehemaligen Präsidenten Frederick Chiluba entwickelte sich Sambia zu dem am höchsten verschuldeten Land Afrikas. Zwar haben Weltbank und Internationaler Währungsfonds dem Land den Großteil dieser Schulden erlassen. Und Chiluba, der sich während seiner Amtszeit ungeniert bedient hat, muss sich seit geraumer Zeit vor Gericht verantworten, was angesichts der üblichen Straffreiheit für afrikanische Kleptokraten vielversprechend ist. Gleichwohl hängt Sambia weiter am Tropf der Geberländer. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich dieser Zustand einmal ändern wird.

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