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Experten schlagen vor : Ein besseres Gesundheitssystem mit dem „Landarztzuschlag“

Ein Landarztzuschlag würde vielleicht mehr helfen als Plakataktionen, um die Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen sicherzustellen. Bild: Picture-Alliance

Fachleute haben für Gesundheitsminister Jens Spahn eine große Analyse über gute Reformen für das komplizierte Gesundheitssystem gemacht. Auch Algorithmen sollen zum Einsatz kommen.

          Jede Bundesregierung hat das Ziel, die Versorgung der Kranken zu verbessern. Trotz anhaltender Reformen bleibt es aber beim wiederkehrenden Befund von zu viel, zu wenig und falscher Patientenversorgung. Wie diese „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ endlich behoben werden könnte, steht im neuen Gutachten des Sachverständigenrates Gesundheit. Der Rat um den Frankfurter Mediziner und Hochschullehrer Ferdinand Gerlach übergab es an diesem Montag dem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Nicht alle der vielen Vorschläge sind neu, und dennoch werden manche von ihnen absehbar auf entschiedenen Widerspruch stoßen. Etwa der „Landarztzuschlag“ in Höhe von 50 Prozent des Honorars oder die aufgewärmte Idee einer „Kontaktgebühr“ für Facharztbesuche ohne Überweisung.

          So könnten überflüssige Arztkontakte vermieden und mehr Sprechzeiten für „echte“ Kranke vorgehalten werden. Vor der Antwort, wie hoch eine solche „Kontaktgebühr“ ausfallen sollte, drücken sich die Ratgeber. „Höhe und Dynamisierung wären politisch zu entscheiden.“

          Gezieltere Steuerung

          Es gehe nicht notwendigerweise um mehr, sondern um gezieltere Steuerung, sagt Gerlach. Der Rat denkt dabei an eine Art Dreiklang: Selbstbestimmung und Gesundheitskompetenz der Versicherten stärken, Anreize für eine bedarfsgerechte Entwicklung und Nutzung des medizinischen Systems ausweiten sowie – drittens – den Patienten Lotsen bei seinem Weg durch das Labyrinth des Gesundheitswesens an die Hand geben. Die Rolle will der Chef des Instituts für Allgemeinmedizin an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität – wenig überraschend – den Hausärzten zubilligen.

          In dem Fall liefe die „entschlossenere bedarfsorientierte Steuerung“ der Patienten auf mehr Hausarztmodelle hinaus. Konkrete hieße das, dass die Versicherten ihre freie Arztwahl beschränken und sich für eine gewisse Zeit an einen Hausarzt binden – in der Regel wohl ein Allgemeinmediziner –, der dann über die weitere Behandlung und Überweisungen zum Facharzt entscheidet. Als Bonus für die Patienten sollen die Krankenkassen verpflichtet werden, ihren Versicherten dafür finanziell vergünstigte Wahltarife anzubieten.

          Am Beispiel von Patienten mit psychischen Erkrankungen oder Rückenbeschwerden werden Ratschläge für eine gezieltere Steuerung der Patienten für eine Art „Versorgung aus einer Hand“ gemacht, in der sich niedergelassenen Ärzte und Kliniken, aber auch andere Mediziner und Gesundheitsberufe besser miteinander abstimmen. So sollten Physiotherapeuten auch ohne Überweisung Hand an Patienten legen können und in Behandlungsteams für Wirbelsäulen-OPs aufgenommen werden.

          Reform der Notfallversorgung

          In der seit langem kontrovers diskutierten Notfallversorgung präzisiert der Rat seine im Herbst vorgelegten Vorschläge. Das Problem hier ist, dass immer mehr Menschen im Krankheitsfall die Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufsuchen, die eigentlich nur für lebensbedrohliche Notfälle gedacht sind. Auch die Gutachter sehen hier den klassischen Fall einer „nicht bedarfsgerechten“ Versorgung, die mutmaßlich auch stark überteuert ist – eine Fehlsteuerung, für die dann die Allgemeinheit der Beitragszahler aufkommt.

          Geht es nach den Gutachtern, werden bundesweit integrierte Leitstellen für Krankheits- oder Notfälle aufgebaut. Sie wären über die Notrufnummer 112 (Feuerwehr/Rettungsleitstelle) oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst 16117 zu erreichen. Fachkundiges Personal soll dann bereits am Telefon eine erste Einschätzung über den Schweregrad der Erkrankung und die notwendigen Hilfsmaßnahmen treffen. Das kann digital unterstützt werden, wie eine jüngst von den Kassenärzten vorgestellte App zeigt.

          „Bevor der Patient überhaupt sein Haus verlässt, kann so, unter Rückgriff auf aktuelle leitliniengestützte Notfallalgorithmen, der im Einzelfall beste, an die lokale Situation adaptierte Versorgungspfad festgelegt werden“, heißt es im Gutachten. Das könne vom Einsatz eines Notarztwagens über den Hausbesuch eines Bereitschaftsarztes bis hin zur Aktivierung eines Notpflege- oder Palliative-Care-Teams reichen.

          „Viele Patientenfragen oder -sorgen sollten am Telefon geklärt werden.“ Gehfähigen Kranken könne direkt ein Termin in einer nahen Praxis vermittelt werden. Die Digitalisierung eröffne zusätzliche Chancen – etwa zur besseren Information der Versicherten über ein „nationales Gesundheitsportal“. Daran arbeitet die Regierung.

          Landarztzuschlag im Gespräch

          Die Gutachter sehen auch Verbesserungsbedarf in der ambulanten Versorgung und in den Krankenhäusern. Deshalb raten sie dazu, die Zulassung für Kassenarztsitze auf 30 Jahre zu begrenzen, die Vergabe an ein Leistungsangebot zu koppeln. In Gebieten, in denen es an Ärzten mangelt, könnte die Niederlassung leichter gemacht werden. Unter anderem schlagen die Gutachter einen „Landarztzuschlag“ von bis zu 50 Prozent auf das Honorar vor.

          Um mehr Leistungen aus dem vergleichsweise teuren Krankenhaus in die ambulante Praxis zu verlagern, raten sie dazu, einen Katalog jener Leistungen aufzulegen, „die im ambulanten und im stationären Sektor in gleicher Höhe abgerechnet werden können“.

          Die durch die Weigerung der Länder, ihren Teil der Investitionskosten zu zahlen, entstandene finanzielle Schieflage der Krankenhäuser wollen die Gutachter durch eine höhere Bundesfinanzierung wettmachen. Der Strukturfonds, aus dem marode Kliniken umgewidmet oder abgewickelt werden sollen, sei dafür ein gutes Vehikel.

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