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Rezession in Russland : Erst das Fest, dann der Niedergang

  • -Aktualisiert am

Lebensmittel sind teurer, das Geld weniger wert: Russland leidet unter den Sanktionen. Die Menschen erwarten, dass Putin es richtet. Doch der Kreml kann nicht alle beglücken.

          3 Min.

          Russland steuert auf paradoxe Festtage zu. Dabei ist hier sowieso vieles anders als in Westeuropa: Gefeiert wird im Dezember nur am Jahreswechsel, dafür aber mit Tannenbaum und Geschenken. Das orthodoxe Weihnachten folgt Anfang Januar, hat jedoch geringe Bedeutung.

          Aber an diesem Silvesterabend sind zwei Dinge auch für russische Verhältnisse ungewöhnlich: Erstens werden sehr viele, auch unerwartete und teure Gaben ausgepackt werden. Zweitens wünscht man sich, dass 2015 besser werde als 2014 – und weiß doch schon heute, dass es so wohl nicht kommen wird.

          Ironischerweise ist die Vielfalt an Geschenken, die dieses Jahr in Russland die Besitzer wechseln werden, kein Zeichen des Wohlstands, sondern der Krise. Ökonomen könnten sie als Ergebnis von Kurzfristentscheidungen nach sprunghaft gestiegenen Inflationserwartungen bezeichnen, um ein hässliches Wort zu vermeiden: Panikkäufe.

          Wechselkurs treibt Russen an den Geldautomaten

          Kundenschlangen an Dezemberabenden in russischen Elektrogeschäften sind nicht ungewöhnlich, aber dieses Jahr war der Ansturm nicht mehr feierlich. Auch in Möbelhäusern und Autohäusern war die Nachfrage extrem stark. Selbst mit einfachen, aber relativ teuren Haushaltsartikeln deckten sich die Russen ein. Geschirrspül-Tabs als Neujahrsgeschenk? Wer weiß, was die Zukunft bringt.

          Grund für den Kaufrausch sind der Wertverfall des Rubel und die enorme Volatilität des Wechselkurses. Zur Monatsmitte war ein Euro für sehr kurze Zeit 100 Rubel wert. Zu Jahresbeginn waren es 45 Rubel, derzeit sind es 68 Rubel.

          Viele Konsumgüter werden importiert, bei solchen Wechselkurskapriolen sind Preiserhöhungen nur eine Frage der Zeit. Außerdem waren Devisen schon teuer, deshalb floh man aus dem Rubel in Sachgüter. Vor den Geldautomaten bildeten sich Schlangen, die in die Geschäfte weiterzogen.

          Die Sorge der Russen gilt tatsächlich vor allem dem Rubel, nicht der Stabilität der Banken. Damit das so bleibt, wird der Staat wohl jedes öffentlich sichtbare Kreditinstitut retten, das in Turbulenzen gerät, seien deren Ursachen der Rubel, die Sanktionen, eine zu starke Konzentration auf Konsumkredite oder schlicht Missmanagement.

          Als erstes Geldhaus wird nun die relativ kleine Trust Bank gestützt. Das schon vorsichtshalber für die ganze Branche gespannte Rettungsnetz könnte den Staatshaushalt aus dem Plus im kommenden Jahr in ein signifikantes Minus drehen. Dabei ist absehbar, dass die öffentliche Hand 2015 sowieso mehr Geld ausgeben wird.

          Wenn der Erdölpreis auf dem derzeitigen Niveau von 60 Dollar je Fass der Nordseesorte Brent bleibt, könnte die russische Wirtschaftsleistung im nächsten Jahr um 4 Prozent schrumpfen, befürchtet der Finanzminister. Der Wirtschaftsminister tippt auf 3 Prozent.

          Russland findet Schuldigen

          Dieses Jahr wird das drittgrößte Schwellenland noch mit einem kleinen Wachstum abschließen; von Januar bis November betrug es 0,6 Prozent. Diese Schätzung gab das Wirtschaftsministerium am Montag bekannt – und sagte auch, dass das Bruttoinlandsprodukt im November vermutlich um 0,5 Prozent zum Vorjahresmonat geschrumpft ist. Es ist der erste Rückgang seit Oktober 2009, aber wohl nicht der letzte.

          Die Preissteigerungsrate wird zum Jahresende rund 10 Prozent erreichen. Ausgerechnet Grundnahrungsmittel werden trotz guter Ernte teurer: Buchweizen in diesem Jahr um 78 Prozent, Kohl um 44 Prozent, Huhn und Schweinefleisch um ein Viertel, Reis und Fisch um ein Fünftel. Normalerweise ist Inflation ein Thema, bei dem Russen keinen Spaß verstehen; zu leidvolle Erfahrungen mussten sie damit machen.

          Doch dass es Präsident Wladimir Putin war, der im August ein Embargo gegen die Einfuhr vieler Lebensmittel und Agrargüter aus dem Westen erließ, hat die Propaganda schnell in den Hintergrund gekehrt. Schuld an der Inflation seien die Sanktionen des Westens, ist auf der Straße zu hören.

          Von Putin erwarten die Russen, dass er die Lage richtet – so wie er es schon in der Finanzkrise getan hat, als staatliche Hilfsprogramme die Folgen eines Wachstumsrückgangs um knapp 8 Prozent für die Bevölkerung milderten.

          Die Ursache sitzt im Kreml

          Damals waren Russlands Reserven freilich größer als heute, da die Devisenbestände durch die Rubelstützung gelitten haben und schon so viele Staatsfirmen um Hilfe ersuchten, dass es die Mittel der Staatsfonds übersteigen würde, alle Wünsche zu erfüllen – und das noch vor Beginn der Rezession. Der Kreml kann nicht alle beglücken. Die Frage ist offen, was die Enttäuschten tun werden.

          Eine Krise ist immer auch eine Chance für den Wandel zum Besseren. In Russland allerdings deuten die Vorzeichen noch in die Gegenrichtung: Abschottung, Wagenburgmentalität und wachsender Staatseinfluss sind weitaus wahrscheinlicher als das Anpacken jener Liberalisierungen und Reformen, die seit Jahren notwendig sind.

          Doch bei aller Sorge, die man sich auch in Deutschland um Russlands Wohlergehen und die Folgen der Sanktionen macht: Dass hier eine Wirtschaftskrise droht, ist zu einem entscheidenden Teil die Folge des Ukraine-Konflikts. Dessen wichtigste Ursache liegt im Kreml. In der Ukraine leiden die Menschen schon heute viel mehr als in Russland.

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